Wenn Marijaia mit erhobenen Armen am Teatro Arriaga erscheint, gibt es für Bilbao kein Halten mehr. Neun Tage lang bestimmen Musik, Feuerwerk, Straßentheater, baskische Traditionen und die sogenannten Txosnas das Leben in der Stadt. Die Aste Nagusia ist kein Fest, bei dem man nur zusieht. Wer kommt, wird früher oder später selbst Teil davon.
Wir haben die „Große Woche“ von Bilbao im August besucht und können euch so die häufigsten Fragen rund um dieses wichtigste Fest im Baskenland und insbesondere in Bilbao beantworten.
Bilbao im Ausnahmezustand
„Ohje!“, stöhnt unser Taxifahrer, als wir ihm am Flughafen die Adresse unserer Unterkunft mitten in der Altstadt von Bilbao nannten. „Ich weiß nicht, wie weit wir kommen werden, es ist alles komplett gesperrt.“ Dann erzählt er uns stolz von der „Grande Semana“, der Aste Nagusia. Glücklicherweise kann er uns doch bis kurz vor unsere Straße bringen, bevor ein Polizeiwagen den Rest der Route versperrt.
Was ist die Aste Nagusia?
Wörtlich übersetzt bedeutet „Aste Nagusia“ auf Baskisch „Große Woche“. Ganz korrekt ist diese Bezeichnung allerdings nicht. Denn Bilbaos wichtigste Festwoche dauert nicht sieben, sondern neun Tage und Nächte.
Wann findet die Aste Nagusia in Bilbao statt?
Die Aste Nagusia beginnt in Bilbao jedes Jahr am Samstag nach dem 15. August, dem Feiertag Mariä Himmelfahrt, und endet am darauffolgenden Sonntag.
2027 findet die Aste Nagusia vom 21. bis 29. August statt. Das jeweilige Programm veröffentlicht die Stadt Bilbao auf ihrer offiziellen Website zur Aste Nagusia.
In Donostia / San Sebastián findet sie in der Woche vor dem 15. August statt und in Vitoria-Gasteiz vom 4. bis 9. August, allerdings nennt man die Große Woche dort eher Fiestas de Virgen Blanca.
Wie entstand die Aste Nagusia?
Volksfeste gab es in Bilbao schon lange vor der heutigen Aste Nagusia. Schon im 19. Jahrhundert hab es Zirkusvorstellungen, Jahrmärkte, traditionelle Tänze, Boxkämpfe und Stierkämpfe. Allerdings richteten sich viele dieser Veranstaltungen damals vor allem an Menschen, die sich Eintrittskarten leisten konnten.
Die heutige Form der Aste Nagusia entstand 1978, nur wenige Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur. Das demokratische und gesellschaftliche Leben in Spanien und im Baskenland befand sich damals im Aufbruch. Denn Franco hatte die baskische Sprache verboten und die Kultur unterdrückt.
Was macht die Aste Nagusia so besonders?
So schrieb die Stadt Bilbao einen Ideenwettbewerb für ein neues Festkonzept aus. Gewonnen hat die Konpartsa Txomin Barullo. Ihr Vorschlag sah ein gemeinschaftlich organisiertes, offenes und für alle zugängliches Stadtfest vor. Seitdem gestalten die Stadtverwaltung und die Konpartsak die Aste Nagusia gemeinsam.
Das war mehr als nur eine organisatorische Veränderung. Aus einer Reihe überwiegend kommerzieller Veranstaltungen wurde ein Fest, an dem sich Bürgerinnen und Bürger, Vereine und Initiativen selbst beteiligen konnten. Dieser partizipative Charakter prägt die Aste Nagusia bis heute.
Was sind die Konpartsak?
Die Konpartsak sind Gruppen und Initiativen aus verschiedenen Stadtteilen und gesellschaftlichen Bereichen Bilbaos. Sie organisieren Konzerte, Wettbewerbe, Kinderveranstaltungen, politische und soziale Aktionen sowie einen großen Teil des nächtlichen Festlebens. Die Einnahmen finanzieren dabei einen großen Teil der meist ehrenamtlichen Tätigkeiten.
Viele Konpartsak betreiben während der Aste Nagusia eine eigene Txosna. Das sind provisorische Feststände, die Bar, Küche, Treffpunkt, Bühne und manchmal auch Diskussionsforum zugleich sein können.
Eine Txosna ist deshalb nicht einfach mit einer Bierbude auf einem deutschen Volksfest vergleichbar. Hinter ihr steht eine Gruppe mit einem eigenen Profil. Manche Konpartsak widmen sich der baskischen Kultur, andere sozialen, politischen, feministischen, ökologischen oder sportlichen Themen.
Die meisten Txosnas stehen am Arenal und entlang des Ufers hinter dem Teatro Arriaga. Besonders am Abend bildet dieses Gebiet das lebhafte Zentrum der Aste Nagusia.
Wer ist Marijaia?
Marijaia ist die unangefochtene Hauptfigur der Aste Nagusia. Sie ist etwa vier Meter groß, trägt ein farbenfrohes Kleid und hält ihre Arme stets optimistisch nach oben. Ihre Körperhaltung bringt ziemlich treffend zum Ausdruck, was Bilbao in diesen neun Tagen vorhat: feiern! 😉
Geschaffen wurde Marijaia 1978 von der aus Bilbao stammenden Malerin und Grafikerin Mari Puri Herrero. Die Figur entstand im Auftrag der damaligen Festkommission. Die Künstlerin ließ sich dabei unter anderem von Mari inspirieren, einer bedeutenden weiblichen Gestalt der baskischen Mythologie.
Marijaias Name setzt sich aus „Mari“ und dem baskischen Wort „jaia“ für Fest zusammen. Sinngemäß lässt er sich als „Herrin des Festes“ verstehen. Manchmal seht ihr den Namen auch auseinander geschrieben, Mari Jaia.
Während der Festwoche zieht die riesige Figur durch Bilbao. Sie besucht Veranstaltungen, wird von den Konpartsak begleitet und ist auf unzähligen Fotos zu sehen. Ihre erhobenen Arme senkt sie übrigens nie. Insofern besitzt sie eine bewundernswerte Kondition 😉 .
Wie beginnt die Aste Nagusia?
Eröffnet wird die Aste Nagusia auf der Plaza del Teatro Arriaga. Dort treffen sich am ersten Samstag Tausende Menschen.
Zwei Personen übernehmen bei der Eröffnung besondere Aufgaben:
- Der oder die Pregonera hält die Eröffnungsrede, den Pregón.
- Die Txupinera entzündet den Txupin, eine Rakete, die den offiziellen Beginn des Festes verkündet.
Die Txupinera wird traditionell von den Konpartsak ausgewählt. Sie trägt eine besondere Uniform und begleitet während der folgenden Tage zahlreiche offizielle Veranstaltungen.
Nach dem Startsignal erscheint Marijaia. Musik setzt ein, Menschen binden sich das typische blaue Halstuch um und die Txosnas öffnen. Von diesem Moment an befindet sich Bilbao praktisch im Festbetrieb.
Wie wird die Aste Nagusia gefeiert?
Das Programm verteilt sich über die gesamte Innenstadt. Besonders viel spielt sich im Casco Viejo, am Arenal, rund um das Teatro Arriaga und entlang der Ría de Bilbao ab.
Konzerte und Musik
Auf mehreren Bühnen finden kostenlose Konzerte statt. Das Spektrum reicht von baskischer Folklore über Rock, Pop und Reggae bis zu elektronischer Musik (manchmal schon extrem laut 😉 ). Hinzu kommen Blaskapellen, Chöre, Tanzveranstaltungen und die traditionellen Bilbainadas, Lieder, in denen Bilbao, seine Menschen und das Leben in der Stadt besungen werden.
Feuerwerk über Bilbao
Zu den Höhepunkten zählen die abendlichen Feuerwerke, immer etwa um 22:30 Uhr. Internationale Pyrotechnikunternehmen treten bei einem Wettbewerb gegeneinander an. Gute Aussichtspunkte findet ihr unter anderem entlang der Ría und in den Straßen rund um den Arenal. Vor allem vor dem Teatro Arriaga habt ihr einen guten Blick, den ihr euch allerdings mit vielen anderen Feierenden teilen müsst.
Wer einen besonders guten Platz möchte, sollte früh kommen. Unmittelbar vor Beginn werden die zentralen Bereiche sehr voll.
Baskischer Sport
Bei den „Herri Kirolak“, den baskischen Volkssportarten, erlebt ihr Wettbewerbe, die auf traditionellen Arbeiten in Landwirtschaft, Steinbruch und Fischerei zurückgehen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Holzstammhacken
- Steineheben
- Tauziehen
- Wettläufe mit schweren Säcken
- weitere Kraft- und Geschicklichkeitsdisziplinen
Auch Pelota-Wettkämpfe gehören regelmäßig zum Festprogramm.
Straßentheater und Veranstaltungen für Familien
Die Aste Nagusia ist aber keineswegs nur eine nächtliche Party. Tagsüber gibt es Straßentheater, Marionetten, Umzüge, Workshops, Musik, Tanz und eigene Kinderbereiche.
Dabei bildet das offizielle Programm nur einen groben Rahmen, erklärt uns Garai aus Bilbao. Denn überall könnt ihr erleben, dass unvermittelt eine Gruppe von Leuten mit Musik und Tanz durch die Gassen zieht oder ein Straßmusiker an einer Ecke steht.
Für Familien ist der Vormittag meist angenehmer. Dann sind die Veranstaltungsorte noch übersichtlich und die Lautstärke der Musik hält sich eher in Grenzen. Aber da überall in der Stadt irgendetwas stattfindet, könnt ihr euch die besten Plätze selbst aussuchen.
Ein besonderes Highlight bilden die Gigantes y Cabezudos, riesige Figuren und Großköpfe, die durch die Straßen ziehen.
Was sind die Giganten von Bilbao?
Die Riesen von Bilbao wurden bereits im 17. Jahrhundert erwähnt. Sie traten an, um die Fronleichnams- und Johannisfeste zu feiern. Im 19. Jahrhundert waren sie jedoch bereits zu einem unverzichtbaren Bestandteil fast jedes Festes in der Stadt geworden.
1978 wurde das klassische Repertoire der Adligen erweitert durch Figuren von Dorfbewohnern und noch später kamen verschiedene, für Bilbao typische Berufszweige dazu, wie der Schmied, der Seemann und viele weitere. Als einziger nicht menschlicher Großkopf gibt es den Löwen von Atletico Bilbao.
Wer ist Gargantua?
Gargantua eine traditionelle, riesige Kultfigur, die als kinderfressender Riese gestaltet ist. Vorne klettern die Kinder durch das Maul, rutschen durch den Bauch des Riesen und kommen hinten wieder raus. Ein großer Spaß für Kinder jeden Alters!
Gastronomische Wettbewerbe
Essen spielt selbstverständlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Bei den traditionellen Kochwettbewerben werden unter anderem baskische Gerichte wie Bacalao al pil-pil, Marmitako, Chipirones en su tinta oder Sukalki zubereitet.
Einige Wettbewerbe sind offen und ausgesprochen gesellig. Dabei geht es nicht nur darum, wer am Ende gewinnt. Gemeinsam zu kochen, zu essen und zu diskutieren gehört mindestens ebenso sehr dazu.
Wie endet die Aste Nagusia?
Am letzten Sonntag nimmt Bilbao Abschied von Marijaia. Etwa gegen halb zehn am Abend wird sie auf einem Boot auf dem Fluss Nervión bis vor das Rathaus geleitet. Die Musik verstummt, die Straßenbeleuchtung wird ausgeschaltet und es breitet sich eine feierliche Ruhe aus. Auf den Brücken und an den Ufern versammeln sich alle und nehmen traurig Abschied. Die Figur wird etwa gegen 22:15 Uhr in einer feierlichen Inszenierung vor dem Rathaus mit bewegenden Worten gewürdigt und anschließend verbrannt. Noch ein kurzes Feuerwerk und damit endet die Aste Nagusia offiziell.
Was auf uns Außenstehende zunächst etwas drastisch wirken kann, ist als symbolischer Abschluss gedacht. Marijaia verschwindet, damit sie im nächsten Jahr wiederkehren kann. Nach neun Tagen nahezu ununterbrochenen Feierns dürfte außerdem so mancher Gast Verständnis dafür haben, dass selbst eine Festfigur irgendwann eine Pause benötigt.
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.

























































































































































































































