Geschichte der Savon de Marseille

Eine echte traditionelle Seife aus Marseille erkennt man an vier Merkmalen: Sie muss in Form eines Würfels oder Brotes, in braun-grüner oder weißer Farbe sein, auf ihren sechs Seiten einen Aufdruck haben und nicht mehr als sechs natürliche Inhaltsstoffe enthalten. Da es noch keine deutschsprachige Wikipedia-Seite dazu gibt, haben wir hier die wichtigsten Punkte für Sie zusammengestellt.

Oder Sie lesen die französische Wikipedia-Seite über die Savon de Marseille

Savon de Marseille ist keine kontrollierte Ursprungsbezeichnung, sondern entspricht lediglich einem kodifizierten Herstellungsverfahren, das einen Mindestgehalt an Fettsäuren garantiert.

Die Geschichte der Savon de Marseille

In Mesopotamien, dem Gebiet des heutigen Irak und Syrien zwischen Euphrat und Tigris, fand man ein 4400 Jahre altes Rezept für eine Art Seife aus Pflanzenöl und in Wasser gelöste Pottasche (Pflanzenasche, die besonders viel kohlensaures Kalium enthält). Das Wissen darum breitete sich nach Ägypten und Griechenland aus, allerdings wurde diese Seifenmischung vermutlich eher als Heilmittel denn als Reinigungsmittel verwendet.

Aber auch im heutigen Frankreich wurde Seife schon in der Antike verwendet. Der Römer Plinius der Ältere berichtet, dass die Gallier eine Art Seife aus Talg und Asche verwendeten, allerdings um sich die Haare rötlich zu färben.

In Aleppo wurde das Verfahren der Seifenherstellung von den Arabern im 7. Jhdt. n. Chr. verfeinert. Sie machten Pottasche mit Ätzkalk alkalisch, verkochten es mit Olivenöl und versetzten das Gemisch mit Lorbeeröl zu einer festen Seife, der sog. Alepposeife.

Mit den der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Araber im 8. Jhdt. gelangte dieses Wissen auch nach Europa. Aber auch die Kreuzzügler brachten die Seife und das Wissen um die Herstellung nach Mitteleuropa.

Wie kam es aber überhaupt dazu, dass sich in gerade Marseille und Umgebung eine Seifenindustrie angesiedelt hatte?

Aleppo-Seife © Siegbert Mattheis
Blöcke der Aleppo-Seife, der Ursprung der Seifen © Siegbert Mattheis

Alepposeife bildete die Grundlage

Diese Alepposeife bildete die Grundlage für die entstehende Seifenindustrie in Marseille.

Denn in der Provence waren die Grundstoffe für die Seife in Hülle und Fülle vorhanden. Oliven wurden überall in der Provence angebaut, salzhaltige Pflanzen wie die Salicornes-Algen gab es in den Feuchtgebieten der Camargue.

So entstanden schon im 12 Jhdt. erste Seifenhersteller in Marseille. Namentlich bekannt ist Crescas Davin, der im Jahre 1371 erstmals Soda (Natriumkarbonat) zur Seifenherstellung verwendete. Und bereits 1593 gründete Georges Prunemoyr die erste Seifenfabrik in Marseille.

Die Nachfrage nach Savon de Marseille stieg nicht nur in Frankreich, sondern vor allem in Großbritannien, Holland und Deutschland derart an, dass es 70 Jahre später schon 7 Fabriken in mit einer Jahresproduktion von fast 20.000 Tonnen gab. Unter Ludwig XIV. (1638 bis 1715) war die Qualität der Marseille-Produktionen so hoch, dass die „Marseille-Seife“ zu einem Begriff wurde. Damals wurde die grüne Seife in 5 kg Riegeln oder in 20 kg „Broten“ verkauft.

Damit die Qualität erhalten blieb, regelte ein von Colbert am 5. Oktober 1688 unterzeichnetes Edikt von Ludwig XIV die Herstellung der Savon de Marseille. Im Artikel III des Ediktes heißt es, dass neben dem Kochen in großen Kesseln, nur reine Olivenöle und keinerlei tierischen Fette verwendet werden dürfen, „unter Androhung der Beschlagnahme der Waren“. Weiterhin mussten die Seifenfabriken im Sommer den Betrieb einstellen, da die Hitze die Seifenqualität beeinträchtigte.

Traditionelle 600g Blöcke der Savon de Marseille
Traditionelle 600g Blöcke der Savon de Marseille © Siegbert Mattheis

1786 produzierten bereits 49 Seifenfabriken in Marseille zusammen 76.000 Tonnen Seife im Jahr und beschäftigten 600 Arbeiter sowie zu Spitzenzeiten 1.500 Sträflinge, die vom Marseiller Gefängnis Arsenal des Galères ausgeliehen wurden.

Durch die Französische Revolution war die Seifenproduktion kaum beeinträchtigt. Sie  beflügelte sie sogar, allerdings auf Kosten des Erfinders der künstlichen und deutlich günstigeren Herstellung von Soda durch Kalkstein, Nicolas Leblanc. Ihm gelang im Jahr der Revolution 1789 der Durchbruch auf diesem Gebiet. Er meldete sein Patent ein Jahr später an, aber im Zuge der revolutionären Umwälzungen wurde seine Fabrik geschlossen, das Patent annulliert und für alle Bürger Frankreichs zur Verfügung gestellt. Nicolas Leblanc verarmte, verlor seine Tochter an Krankheit und beging 1806 Selbstmord.

Durch sein Leblanc-Verfahren blühte jedoch die Seifenproduktion auf. 1813 gab es nun schon 62 Seifenfabriken, einige Jahre später wurden auch andere Öle über den Hafen von Marseille importiert. Nun wurde auch Palmöl, Erdnussöl, Kokosöl und Sesamöl aus Afrika oder dem Nahen Osten zur Herstellung der Seifen verwendet.

Durch das Reinheitsgebot, nur pflanzliche Öle zu verwenden, standen die Marseiller Seifenfabriken allerdings unter großem Druck englischer Hersteller, die billigere Seifen mit Talg produzierten.

Aber die Marseiller Qualität setzte sich durch, die Savon de Marseille „unicolore Extra pur à 72%“ wurde ein Verkaufsschlager und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügte die Stadt Marseille über 90 Seifenfabriken, so viele wie nie zuvor und auch nie wieder danach.

Seifenfabrikanten kamen zu großem Reichtum, errichteten sich in Marseille, Salon-de-Provence und Toulon schlossartige Villen und große Fabriken wie z.B. die Savonnerie Marius Fabre. Heute kann man einige dieser hochherrschaftlichen Gebäude in extra geführten Touren besichtigen.

Zwischen den Weltkriegen profitierte die Seifenherstellung durch die Fortschritte in der Mechanisierung, aber nach dem 2. Weltkrieg begann der unaufhaltsame Niedergang durch die Konkurrenz der synthetischen Waschmittel.

Seifenfabrik Marius Fabre © Savonnerie Marius Fabre
Die Seifenfabrik Marius Fabre zu Beginn des 20. Jhdts. © Savonnerie Marius Fabre

In den letzten Jahrzehnten sind China und die Türkei zu den größten Seifenproduzenten emporgestiegen, die beiden Länder verkaufen auch „Savon de Marseille“, die jedoch nichts mit der originalen Seife zu tun hat, da der Name immer noch nicht geschützt ist.

Heute produzieren nur noch 4 Seifenfabriken die Savon de Marseille nach dem Originalrezept und stellen den berühmten 600-Gramm-Würfel her, der mit dem Namen der Seifenfabrik und der Erwähnung „72 % Öl“ sowie „extra pur“ gestempelt ist:

Diese vier Seifenfabriken haben sich unter dem Label „L’Union des Professionnels du Savon de Marseille“ zusammengeschlossen und kämpfen für den Schutz und die Anerkennung der Savon de Marseille als echte Seife von Marseille, für die Respektierung eines traditionellen und authentischen, jahrhundertealten Produkts.

Danach muss Savon de Marseille:

  • in Marseille oder der Region Marseille,
  • mit dem traditionellen Verfahren im Kessel,
  • nur mit reinen Pflanzenölen und
  • parfümfrei, ohne Farbstoffe, ohne Konservierungsstoffe

hergestellt werden. Dafür wurde auch ein eigenes Qualitätssiegel entworfen.

In Marseille und Umgebung finden sich auch noch einige weitere, kleinere Seifenmanufakturen, die in unterschiedlichen Rezepturen Savon de Marseille herstellen.

Helfen Sie mit, diese originale Seife aus Marseille zu bewahren und achten Sie auf das Siegel.

Das Logo Savon de Marseille der UPSM
Das Logo Savon de Marseille der UPSM

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