BYRRH Apéro, Geheimtipp in Bars

Überall in Frankreich sieht man Häuserwände mit dem Werbeschriftzug BYRRH. Aber was ist Byrrh? Wie schmeckt Byrrh? Woher kommt der kryptische Name? Und was hat Chinarinde mit China zu tun?

Lange bevor ich BYRRH das erste Mal probierte, sah ich die Werbung auf alten Häuserwänden. Ich war neugierig und wollte unbedingt herausfinden, wie BYRRH schmeckt, woher der Name kommt und was es damit auf sich hat.

Was ist BYRRH?

BYRRH ist ein weinhaltiger Aperitif (18% vol.) aus Frankreich und schmeckt herb-bitter-süßlich. Beworben wird er als Vin au quinquina, Wein mit Chinarinde. Chinarinde hat nichts mit China zu tun, sondern mit Quina, also dem Wirkstoff Chinin, das dem Aperitif eine bittere Note gibt. Es handelt sich um eine Mischung aus Rotwein (i. d. R. aus der Carignan-Traube), aromatisiert mit Tonic Water, Auszügen von Chinarinde, Gewürzen aus der Region Languedoc-Roussillon wie Enzian und Echter Kamille sowie anderen Gewürzen wie Zimt, Bitterorangenschalen, Kalumba, Kaffee und Kakao.

Getrunken wird er am besten gekühlt mit Eiswürfeln und einer Zitronenscheibe. In der professionellen Bartender-Branche gehört er in den letzten Jahren zu den Geheimtipps. Kenner schätzen die Geschmacksvielfalt, die in jedem Tropfen steckt. Als Zusatz findet BYRRH Verwendung in zahlreichen Cocktails oder Mixgetränken (z.B. Byrrh-Cocktail, Byrrh-Gin, Byrrh-Rye).

Beim Bestellen als Nichtfranzose sollte man besonders auf die Aussprache achten. Denn oft denken die Kellner, man wolle ein bière, ein Bier bestellen und fragen nach, ob man es als pression, also von Fass haben möchte. Man sollte also das h in Byrrh extra betonen; ein kleiner, aber wichtiger Unterschied oder gleich ein BYRRH als Apéro bestellen

BYRRH-Werbung in Aix-en-Provence © Siegbert Mattheis
BYRRH-Werbung in Aix-en-Provence © Siegbert Mattheis

Woher kommt der Name BYRRH?

Die Geschichte hinter dem Namen BYRRH ist einigermaßen kurios. Um 1860 beschlossen die Brüder Simon und Pallade Violet aus einer ärmlichen Familie von fünf Kindern, deren Vater Maultiertreiber war, ihr Heimatdorf in die Roussillonebene zu verlassen.

Sie arbeiten in erster Linie als Straßenverkäufer im Textil- und Kurzwarenmarkt. Dann zogen sie nach Thuir in der Nähe von Perpignan, wo sie ein Geschäft eröffneten, in dem sie die Stoffe stationär verkauften. 1866 sahen sie ihre Zukunft jedoch eher im beginnenden Weinbaufieber und kauften einen kleinen Weinkeller. Dort experimentierten sie und stellten einen Wein mit Quinquina-Geschmack her. Sie vertrieben das Getränk an Apotheker als Medizin. Denn Wein galt damals als hygienisches Getränk und seine Verbindung mit Quinquina machte ihn zu einer echten Medizin, die sowohl physische Vitalität als auch Geschmacksfreude verhieß.

Allerdings gab es für den Wirkstoff Quinquina, ein pharmazeutisches Produkt, strenge Vorschriften. Die Brüder erhielten eine Klage der Apothekervereinigung von Montpellier gegen das medizinische Getränk.

So waren sie gezwungen, das Produkt anders zu positionieren. Sie reduzierten den Quinquina-Anteil und beschlossen, es als Aperitifgetränk zu verkaufen. Und es musste ein neuer, schlagkräftiger Name her.

In der Textilindustrie war es damals üblich, Farben der Stoffe mit Buchstaben zu kennzeichnen. In einem nächtlichen Brainstorming verfielen sie darauf, diese Buchstaben für die Farben ihres Aperitifs zu verwenden, so entstand die Bezeichnung B.Y.R.R.H.

Allerdings hatte der Name auch Nachteile, wie sie später erleben mussten, denn in angelsächsischen und deutschen Ländern war die Ähnlichkeit mit dem Namen und der Aussprache „Bier“ oder „beer“ zu groß, sodass der Export dorthin floppte.

In Frankreich jedoch erlebte die Marke innerhalb von drei Generationen einen enormen Aufschwung. 1910 beschäftigte das Unternehmen bereits knapp 750 Arbeiter. Zwischen den beiden Weltkriegen hatte BYRRH die Mauern und Wände Frankreichs mit ihrer Werbung aus fünf Buchstaben erobert, wie wir immer noch sehen können.

Das größte Fass der Welt

1934 baute die Familie in Thuir das größte Fass der Welt mit einem Fassungsvermögen von 420 000 Litern, womit BYRRH zur größten Kellerei der Welt wurde. Das Fass wiegt im Leerzustand über 100 Tonnen, hat eine Höhe von 10 Metern und einen Durchmesser von knapp 12,50 Metern. Es dauerte etwa fünfzehn Jahre, um das für die Herstellung notwendige Eichenholz zu finden und zu installieren. Das Fass ist heute ein Touristenmagnet.

Durch den Zweiten Weltkrieg und auch durch Managementfehler danach verlor BYRRH jedoch große Marktanteile und wurde 1961 an das Unternehmen Dubonnet Cinzano verkauft. 1977 übernahm der Pernod-Ricard-Konzern. Aber in Thuir werden noch immer die Aperitifs auf Weinbasis hergestellt.

Die Kellerei ist heute für Besichtigungen geöffnet und präsentiert neben dem Byrrh-Rezept eine spektakuläre Halle, deren Sonnendach von Gustave Eiffel gebaut wurde. Gigantische Alleen stellen sechshundert Fässer zur Schau, die noch heute von der Ambition der Familie Violet zeugen. Dieser Ort, der mit dem Label Site remarquable du goût ausgezeichnet wurde, ist ein wahres Schmuckstück, dessen Besuch man sich nicht entgehen lassen sollte.

Caves Byrrh, 6 boulevard Violet Thuir.
Tel. +33 468 53 05 42. www.byrrh.fr

Siegbert Mattheis

BYRRH-Werbung damals, heute weniger ansprechend © Wikipedia
BYRRH-Werbung damals, heute weniger ansprechend © Wikipedia
Werbung für BYRRH in Vallauris, hier auch mal an die Schräge der Giebelfront angepasst © Siegbert Mattheis
Werbung für BYRRH in Vallauris, hier auch mal an die Schräge der Giebelfront angepasst © Siegbert Mattheis
Die BYRRH-Kellerei in Thuir, von Gustave Eiffel erbaut © Wikipadia
Die BYRRH-Kellerei in Thuir, von Gustave Eiffel erbaut © Wikipadia

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