Warum ist Mondello so einzigartig?
Wenn es einen Ort in Palermo gibt, der gemeinsam mit dem Teatro Massimo die sizilianische Hauptstadt in all ihrem Charme und ihrer Pracht verkörpert, dann ist es Mondello. Dieses kleine Küstendorf nordwestlich der Stadt verfügt über einen Strand, der sich über fast 2 km erstreckt und jeden Sommer mit Reihen von Strandclubs zum Leben erweckt wird.
Aber wie kam es dazu, dass aus einem Sumpfgebiet eines der mondänsten Seebäder Siziliens entstand?
Da müssen wir etwas tiefer in die Geschichte einsteigen. Und die ist wahrlich spannend!
Ideale Lage
Die ideale Lage der Bucht zwischen zwei hohen Bergen, dem Monte Gallo und dem Monte Pellegrino schätzte man wohl schon in der Steinzeit. Davon zeugen zahlreiche Höhlen in den Felsen. Für die Griechen und später für die Römer war der geschützte natürliche Hafen ein beliebter Ankerplatz. Als die aber begannen, die Wälder der Hänge des Monte Pellegrino für ihren Schiffsbau abzuholzen, führten die Entwaldung und Sedimentablagerungen gemeinsam dazu bei, dass sich im südlichen Teil der malerischen Bucht ein Sumpfgebiet bildete.

Woher stammt der Name Mondello?
Seit dem 16. Jahrhundert ist die Bezeichnung Mondello verbürgt. Nach der von den meisten Forscher:innen anerkannten Version scheint es eine italienische Anpassung des arabischen Al Mondellu zu sein, was “Der Sumpf” bedeutet. Zur Unterstützung dieser These ist bekannt, dass muslimische Seefahrer den kleinen Hafen der Bucht als Marsa ‘at Tin, “Schlammhafen” bezeichneten. So entstand später nur an der nördlichen Seite eine kleine Ansiedlung von Fischern. Die konnten gut vom Thunfischfang leben, wurden aber oft von muslimischen Piraten, den Sarazenen angegriffen.
Daher wurden im 15. Jahrhundert auf Veranlassung der damals spanischen Herrscher von Aragon zwei kreisrunde Verteidigungstürme gebaut, die heute noch stehen.
Wie kam es vom Sumpfgebiet zum mondänen Badeort?
Das hatte mit einigen mutigen, visionären Menschen zu tun.
Ab 1860 raffte eine Malaria-Epidemie Hunderte Bewohner:innen hin. Aus Furcht vor dem Übergreifen der Krankheit auf Palermo, das damals einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, beschloss die Gemeindeverwaltung, die Sümpfe trocken zu legen.
Wer war Francesco Lanza di Scalea?
Er war Abgeordneter des Parlaments von Palermo und hatte mit Garibaldi 1860 für die Einheit Italiens gekämpft. Vor allem auf seine Initiative hin wurde ein ehrgeiziges Entwässerungsprojekt für das von Malaria geplagte Küstenviertel ins Leben gerufen, das 1890 genehmigt wurde. Einige Jahre später war die Region trockengelegt.
Nun entdeckten die Palermitaner:innen sie als Naherholungsgebiet und fuhren mit ihren Kutschen in die idyllische Bucht. Dieser Trend führte zur Entstehung der ersten Strandclubs aus hölzernen Hütten am Strand.
Wer war die Familie Florio?
Die Familie Florio war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine der wohlhabendsten und einflussreichsten italienischen Unternehmerdynastie, die Sizilien wirtschaftlich modernisierte. Ausgehend von einem Gewürzladen in Palermo baute sie ein Imperium in den Bereichen Marsala-Wein, Thunfischkonserven, Schifffahrt, Schwefel und Keramik auf. Bekannt als die „Löwen von Sizilien“ prägten sie das soziale und wirtschaftliche Leben Palermos entscheidend.
Ab 1891 führten die beiden Brüder Ignazio und Vincenzo jr. das Unternehmen.
Ab den 1920er-Jahren begann der Niedergang der Dynastie. Ignazio und Vinzenzo jr. starben beide verarmt Ende der 1950er-Jahre.
Das Schicksal der Familie Florio, der „Löwen von Sizilien“ ist auch heute noch Thema von Büchern und Fernsehserien. Im Januar 2026 erschien die neueste Saga der Familie als Roman.
Hier könnt ihr den Trailer von Disney über die Familie Florio ansehen.
Wer war Ignazio Florio?
Iganzio betätigte sich auch als Mäzen für Architektur und Kunst. Er beteiligte sich am Bau des Teatro Massimo, das auf seinen Wunsch hin eins der größten Opernhäuser Europas werden sollte. Heute ist es das drittgrößte.
Er wollte ein Krankenhaus für Tuberkulosepatienten bauen lassen und kaufte ein Grundstück zwischen Mondello und Palermo. Seine Tochter war an Tuberkulose erkrankt. Investoren sahen jedoch darin kein lukratives Unternehmen, so dass sie ihn zwangen, daraus ein Luxushotel zu bauen. Es ist das heutige Grand Hotel Villa Igeia, benannt nach der griechischen Göttin Hygeia und wurde 1900 eröffnet. Seine Tochter starb 2 Jahre später.
Donna Franca, seine Frau, war eine der schillerndsten Frauen der Epoche und war als „Königin von Palermo“ einer der Stars der Belle Époque Europas.
Wer war Vincenzo Florio jr.?
Ignazios jüngerer Bruder Vincenzo Florio jr. war eher dem Luxusleben zugetan und liebte Reisen, Jachten und schnelle Autos.
Er war es auch, der die Bucht von Mondello auswählte, um europäische Hoheiten, u. a. den deutschen Kaiser Wilhelm II. zu empfangen, die die sizilianische Hauptstadt besuchen. Zudem organisierte er auch Geschäftstreffen mit den großen unternehmerischen und finanziellen Dynastien der Zeit. Darunter die Krupps, die Rothschilds, die Rockefellers oder die Vanderbilts.
Für ihn errichtete der Architekt Ernesto Basile zwischen 1899 und 1902 in Palermo die Villino Florio. Seit 2016 ist die Villa als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich.
Vincenzo rief auch eine Reihe von Sport- und Kulturveranstaltungen ins Leben, um das Prestige seiner Familie auf der internationalen Bühne zu steigern.
Erster Motorflug in Sizilien
So wies er 1909 den Flugpionier Clemente Ravetto an, in Paris ein neuartiges Voisin-28 Flugzeug von einer der ersten Herstellerfirmen für Flugzeuge zu kaufen. Der transportierte es zerlegt von dort mit der Bahn bis nach Palermo, wo es in einem Schuppen in der Via Catania wieder zusammenmontiert wurde.
Am 1. Mai 1910, anlässlich des Jahrestages der Gründung Italiens, vollzog Clemente Ravetto unter dem zahlreich herbeigeströmten, staunenden Publikum den ersten Motorflug Siziliens auf dem Flugplatz Favorita in Mondello. Er erreichte eine Höhe von 40 Metern bei einer Strecke von 200 Metern. Ihm zu Ehren wurde eine Gedenkstele auf der Piazza Caboto in Modello errichtet.

Targa Florio
Als begeisterter Rennfahrer initiierte Vincenzo Florio jr. auch die Targa Florio, eines der ältesten und härtesten Autorennen der Welt, das von 1906 bis 1977 als Straßenrennen durch die sizilianischen Madonie-Berge führte. Heute wird die Tradition als Oldtimer-Rallye fortgeführt.
Wer war Luigi Scaglia?
Zum Start dieses Autorennens 1906 reiste auch der Mailänder Ingenieur Luigi Scaglia an. Als er Mondello von der Spitze des Monte Pellegrino aus erblickte, war er schlichtweg begeistert und erkannte sofort das riesige Potenzial des Küstenstreifens. Kurz darauf legte er dem Stadtrat von Palermo eine Reihe von Vorschlägen vor. Er plante eine Straßenbahnlinie nach Palermo, elegante Villen auf dem Monte Pellegrino, die mit einer elektrischen Seilbahn mit der Küste verbunden werden sollten, und einen ständigen Badeort, um die provisorischen Holzhütten zu ersetzen, die jeden Sommer errichtet werden.
An seinen Vorschlag war eine Notiz angehängt, die seine tiefe Zuneigung zu dem kleinen Fischerdorf offenbarte. Hier ein kurzer Auszug:
“… Wer dieses Fleckchen Paradies auch nur einmal gesehen hat, muss sich voller Staunen fragen, warum er nicht der tägliche Treffpunkt all jener ist, die im Anblick des Schönen Erholung und Trost suchen (…). Kein Maler hatte jemals auf seiner Palette eine solche Vielfalt an Grüntönen, wie sie dem verzückten Auge der riesige Wald aus Zitrusbäumen, Olivenbäumen und Johannisbrotbäumen bietet, der den schönen türkisfarbenen Golf umgibt, zum Meer hin abfällt und sich in einem noch türkiseren Himmel spiegelt, eingeschlossen zwischen dem erhabenen Monte Gallo und unserem Pellegrino …”
Gleichzeitig veröffentlichte er seine Vorschläge in La Sicile Illustrée, eine in Paris in französischer und italienischer Sprache erscheinende Monatszeitschrift.
Mondello pries er darin an als ebenbürtig zu den berühmtesten Badeorten und mit einer schöneren Strandpromenade als die Promenade des Anglais in Nizza.
Der Artikel sorgte für ein bemerkenswertes Echo im restlichen Europa der Adligen und der Geschäftswelt. Darunter war auch eine Gruppe belgischer Geschäftsleute, die sich auf Elektrizität und Straßenbahnen spezialisiert hatten. Sie bemühten sich umgehend um einen Deal mit der Regierung von Palermo.
Am 28. Dezember 1910 erteilte die Stadtverwaltung der neugegründeten belgisch-italienischen Firma Les Tramways de Palerme (heute Mondello Immobiliare Italo Belga S.A.) die Konzession für die komplette Entwicklung des Küstengebiets. Das Unternehmen installierte ein Stromnetz, baute Straßenbahnlinien und legte den Grundstein für einen großen Badepavillon.
Sie „stahlen” somit das Projekt des Mailänder Ingenieurs. Der nahm sich 1914, am Boden zerstört von dem Rückschlag, das Leben, obwohl die wahren Umstände seines tragischen Todes nie aufgeklärt wurden.
Aber schon zuvor wurden an der Küste Villen gebaut, zum Beispiel die Villa Lentini, die der Architekt Ernesto Basile für den Maler Rocco Lentini 1910 fertiggestellt hatte.
Eine neue Gartenstadt
Der Auftrag an das belgisch-italienische Konsortium sah die Erschließung eines neuen Stadtviertels vor, das ausdrücklich auf die wohlhabenden Gesellschaftsschichten ausgerichtet sein sollte. Das neue Viertel wurde nach den Grundsätzen der Gartenstadt-Bewegung geplant.
Ernesto Basile sollte nun auch die weiteren Villen entwerfen und bauen lassen. Er war durch den Bau der Palermer Oper Teatro Massimo, die sein Vater geplant und er 1897 zum Abschluss gebracht hatte, zu einiger Berühmtheit gelangt. So entstanden in den folgenden Jahren unter seiner Führung und gemeinsam mit seinen Studenten weitere Villen im damals vorherrschenden Liberty-Stil.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden einige von ihnen, obwohl sie von Kriegsschäden verschont waren, abgerissen. Aber einige dieser Jugendstilvillen stehen heute noch und machen einen Großteil des Charmes von Mondello aus.
Das Badehaus
Das Stabilimento Balneare ist das Wahrzeichen von Mondello und eines der wenigen Badehäuser im Mittelmeer, die es noch heute gibt.
Die Urheberschaft des architektonischen Entwurfs des 1912 fertiggestellten Jugendstil-Baus ist nicht endgültig geklärt. In vielen Quellen wird der Name Rudolf Stualker genannt. Neueste Forschungen von 2020 zeigen jedoch, dass es sich hierbei um eine Fehlschreibung von Rodolfo Stoelcker handelt, einem deutsch-italienischen Bauingenieur, der allerdings nur die Fundamente und die Konstruktion des Gebäudes entwarf. Er hatte mit der Firma Ferrobeton ein Patent auf die damals neuartige Stahlbeton-Bauweise.
Realisiert wurde der Bau durch Salvatore Rutelli aus der Familie des berühmten Bildhauers Giovanni Rutelli. Die Familie hatte bereits den Löwen am Teatro Massimo und u. a. auch das Denkmal für Johann Wolfgang von Goethe in München realisiert.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude sowohl von den italienischen Faschisten als auch von der deutschen Armee als Hauptquartier genutzt. Danach von den alliierten Streitkräften, die die meisten Möbel in die Villa Igiea verlegten.
In den 1990er-Jahren wurde das Gebäude dank der Arbeit des Ingenieurs Umberto Di Cristina, der von der Italo Belga Real Estate Company finanziert wurde, restauriert und in seinen früheren Glanz zurückgebracht.












