Italien und die Italiener verstehen: „Erklär mir Italien!“ Eine Buchrezension

Italiener verstehen: Was ist der Unterschied zwischen einer italienischen Mutter und einem Terroristen? Warum sind italienische Männer keine Romantiker? Warum gilt Schlitzohrigkeit als ein Zeichen von Intelligenz und Charakter? Welchen Einfluss hat die Mafia auf die Italiener? Das Buch „Erklär mir Italien!“ gibt Antworten:

Italien verstehen

Was ist los mit den Italienern? Der Satz, dass die Deutschen die Italiener lieben, aber nicht achten und dass die Italiener die Deutschen zwar bewundern, aber nicht lieben, ist nicht mehr so ganz richtig. Inzwischen ist Italien für viele junge Deutsche nicht mehr nur Urlaubsland, sondern auch Arbeitsland und Deutschland wird von Italienern auch als Urlaubsland entdeckt. Dadurch haben sich die Perspektiven verändert, und auch das Verständnis füreinander. Aber im Grundsatz enthält diese Behauptung dennoch viel Wahres.

Das Buch „Erklär mir Italien! Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?“ versucht das Verständnis für Italien und die Italiener zu fördern. Die Autoren sind Giovanni di Lorenzo, deutsch-italienischer Herkunft und Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit und Roberto Saviano, der durch sein Buch Gomorrha über die Machenschaften der neapolitanischen Camorra wegen Morddrohungen seit Jahren unter Polizeischutz lebt.

Das knapp 300 Seiten starke Buch liest sich, als würde man im Restaurant an einem Tisch mit Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo sitzen und ihrem Gespräch lauschen.

Dabei erfahren wir viel Neues und Erstaunliches über Italien, die Familie, die Mafia oder italienische Sitten und italienische Verhaltensweisen. Dabei wird auch manches liebgewordene Klischeebild von Italienern zurechtgerückt. Zum Beispiel, dass italienische Männer überhaupt keine Romantiker, sondern Pragmatiker sind – weil sie im Endeffekt entweder die romantisch umworbene Frau ins Bett kriegen wollen oder sich Gefälligkeiten erhoffen. Wir erfahren auch den Unterschied zwischen einer italienischen Mutter und einem Terroristen – mit letzterem kann man zur Not verhandeln.

Politik und Mafia

Aber ein Großteil des Buches nimmt die Politik und die Mafia ein, die das Leben der Italiener in größerem Ausmaß prägt, als wir uns das hier vorstellen können.

Denn die letzten Jahrhunderte verlief die Geschichte Italiens sehr viel anders als die in Deutschland, der Schweiz oder Österreich. Italien war in der meisten Zeit fremdbestimmt, wurde von Spaniern, den Normannen, den Habsburgern, den Arabern und vielen anderen Nationen beherrscht – und die einheimische Bevölkerung wurde selten gut behandelt. Das zeigt sich übrigens sehr gut in Neapel, bei dem die Kanonen der Festung Castel St’Elmo, erbaut vom französischstämmigen Robert von Anjou, auf die Stadt, gegen die Bevölkerung gerichtet waren.
In Neapel ist heute jeder zweite Jugendliche arbeitslos, und die, die einen Job haben, verdienen vielleicht 400 Euro im Monat. Der Glauben an die Politik ist verloren gegangen, bzw. er war vielleicht nie vorhanden.

Das mag auch erklären, warum sich viele Italiener weniger an staatliche Gesetze halten, sondern eher an gemeinschaftlich anerkannte Regeln. So wird eine gewisse Schlitzohrigkeit, fare il furbo, also den Schlaumeier spielen und die anderen zum eigenen Vorteil austricksen, als „Zeichen für besondere Intelligenz gewertet und nicht als Charakterfehler“, so Giovanni di Lorenzo. Das neapolitanische Volk mag dafür ein gutes Beispiel sein, „denn es hat sich immer selbst organisiert, unabhängig von Verwaltungen und Vorschriften, die dafür da sind, umgangen zu werden“, so Saviano. Sie begegnen der Unfähigkeit der Bürokraten mit „Schläue, den Übergriffen mit Toleranz und ihrem Talent, sich damit zu arrangieren.

Wir erfahren weiterhin viel darüber, wie das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ funktioniert, ein wichtiger Aspekt, wenn man Italien verstehen will. Wir lesen, warum Italiener den wählen, der ihnen persönlich weiterhilft. Oder warum die Kirche die einzige Institution ist, die noch etwas in Bewegung zu setzen vermag, warum der Kommunismus in Italien viel positivere Assoziationen weckt hat als in Deutschland und anderen Ländern uvm.

Zum Schluss des Buches geben die beiden Autoren aber auch noch preis, warum sie das Land und die Italiener lieben: u.a. wegen der großartigen Kultur, wegen des besonderen Sinnes für Ästhetik, wegen der Leidenschaft und, wie es Roberto Saviano im letzten Satz des Buches erklärt, der „ungestümen“ Eigenschaft der Italiener, einer „irrationalen lebendigen Kraft, die uns am Ende alle ruinieren wird. Aber sie ist schön. Sie ist menschlich.“

Ein lesenswertes Buch, wenn man wirklich mehr über Italien und die Italiener erfahren will und ein echtes Interesse daran hat, das Land und seine Bewohner verstehen zu wollen. Uns hat es sehr geholfen, Italien und die Italiener ein wenig besser zu verstehen.

Siegbert Mattheis

Italien verstehen: Erklär mir Italien!
Erklär mir Italien!

Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-04971-8
Erschienen am: 09.11.2017
272 Seiten, gebunden mit SU

Preis:

Deutschland 20,00 €
Österreich 20,60 €

 

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