Arrogante Franzosen? Das Vorurteil wankt …

Was ist los mit den Franzosen – und Französinnen? Wo ist ihre sprichwörtliche Arroganz geblieben?

Meine Liebe zu Frankreich und den Franzosen begann mit der Nouvelle Vague, den Filmen von Truffaut, Godard, Chabrol oder Rohmer. Ich verliebt mich in die Figuren, den Charme von Paris und in die legendäre Citroën DS, die überall zu sehen war.

Kulturschock in den 80er Jahren

Mein erster Besuch in Paris als Student jedoch war ein kleiner Kulturschock. Ich war mit meiner damaligen luxemburgischen Freundin, die gut Französisch sprach und mit meiner ersten Citroën DS (die damals in den 80er Jahren übrigens spottbillig zu haben war) durch Frankreich unterwegs. Dort erlebten wir die Franzosen durchwegs als ausgesprochen unfreundlich und arrogant. Niemand versuchte dort etwa etwas langsamer zu sprechen, noch bemühte sich jemand, zumindest von den Jüngeren, mir mit Englisch zu begegnen, um sich verständlich zu machen.

Das Gleiche ein paar Jahre später in Marseille. Hier fühlte ich mich quasi „übersehen“, wie eine unerfüllte Liebe zu einer Frau, die meine Existenz nicht einmal wahrnahm. Und bei meinen weiteren Besuchen in Frankreich war es selten anders.

Daraufhin verlagerte ich meine Reisen in den späteren Jahren mehr nach Italien, Spanien, Portugal, Kroatien, Griechenland oder in die Türkei.

Franzosen in Montpellier © Siegbert Mattheis

Bei einer Dégustation in der Nähe von Montpellier © Siegbert Mattheis

Ein völlig anderes Frankreich 30 Jahre später

2011 jedoch, als ich abseits der Touristensaison im Oktober wieder einmal nach Südfrankreich fuhr, erlebte ich ein völlig anderes Frankreich. Ich wollte in einem kleinen Laden etwas besorgen und fragte mit meinem Schulfranzösisch nach einigen Dingen, die ich nicht sofort fand. Sofort antwortete mir die Frau an der Kasse ausgesprochen freundlich und in perfektem Englisch und zeigte mir sogar persönlich die Waren, nach denen ich gefragt hatte. Ich hielt das zunächst für einen Einzelfall, aber in den darauffolgenden Tagen und den späteren weiteren Besuchen in Frankreich erlebte ich keinen einzigen unfreundlichen oder arroganten Franzosen mehr, obwohl meine Französischkenntnisse leider immer noch nicht für eine längere Unterhaltung taugen.

Bei einer Dégustation in der Nähe von Montpellier ergab sich völlig unkompliziert ein nettes Gespräch mit anderen Kunden und den Anbietern in einem Mix aus Englisch, Spanisch und Französisch. Eine freundliche Dame aus Cassis half mir sogar, gemeinsam mit ihrer Nachbarin nach der speziellen Bezeichnung der typisch mediterranen Drehstangenschlösser, nämlich Espagnolettes zu suchen.

Freundliche Französin © Siegbert Mattheis

Diese freundliche Dame half mir bei der Suche nach der speziellen Bezeichnung für Drehstangenschlösser „Espagnolettes“ © Siegbert Mattheis

Franzosen sprechen Englisch und Deutsch!

Bei unserem letzten Besuch in Bordeaux werden wir sogar von der Autovermietung nach einem Tag angerufen (auf Englisch!) ob mit unserem Auto alles in Ordnung sei und wir zufrieden seien. Auf dem Marché du Capucins spricht mich ein älterer, gut gekleideter Franzose an. Er hatte mich wohl sofort als deutschen Touristen identifiziert und weist mich (auf Deutsch!) freundlich darauf hin, wie gut die Jakobsmuscheln hier seien, dass er Deutschland sehr mag und er Angela Merkel bewundere. Und er gibt mir gleich noch den Tipp, wie ich die Muscheln am besten zubereiten sollte, nämlich nur in Butter angebraten und mit etwas Limettensaft beträufelt.

Mann auf dem Markt in Bordeaux © Claudia Mattheis

Auf Deutsch erklärt mir der freundliche Herr das beste Rezept für Jakobsmuscheln © Siegbert Mattheis

Und auch ansonsten treffen wir im Land nur auf herzliche und ausgesprochen freundliche, höfliche und zuvorkommende Menschen, egal ob im Restaurant, in den Hotels oder in den Geschäften, aber auch auf dem Land in Dörfern, die nur selten von Touristen besucht werden.

Als ich meine Verwunderung darüber auf Facebook teile, werden ungläubige Kommentare gepostet. Eine französische Freundin jedoch meint, in Paris würde man doch noch ab und an dieser altbekannten Arroganz begegnen, aber wohl nur dort.

Das bestätigte mir auch die 22jährige Laura aus Paris. Sie meinte, dass sich gerade in Paris jeder in seiner Community bewege und einfach keine Lust darauf habe, neue Leute kennenzulernen, und sie deswegen so abweisend wären. Auch Vincenzo aus Sizilien, der inzwischen schon 10 Jahre in Paris wohnt, perfekt Französisch spricht und einen guten Job bei Disney Paris hat, klagt darüber, dass er keinen richtigen Anschluss an die Pariser findet. Aber das sei nur in Paris so. Er überlegt jetzt, nach Berlin zu ziehen.

Mann in Aigues Mortes © Siegbert Mattheis

Nettes Gespräch mit einem Fan der unblutigen Stierkampfspiele Fête votive in Aigues Mortes © Siegbert Mattheis

Positive Auswirkung des europäischen Gedankens?

Vielleicht hat ja doch das Zusammenwachsen in der europäischen Einheit, die gemeinsame Währung, das einfachere Reisen und Leben im europäischen Ausland dazu beigetragen, dass die Sicht der Franzosen auf Nicht-Franzosen etwas milder geworden ist.

Vielleicht aber auch das „Sommermärchen“ 2006 in Deutschland, das coole Image von Berlin, die Solidarität der Welt mit den französischen Opfern der Terroranschläge, die Globalisierung oder alles zusammen dazu beigetragen,

Meine Liebe zu Frankreich hat jedenfalls neue Nahrung erhalten.

Siegbert Mattheis

Menschen in Cassis © Siegbert Mattheis

Freundliche Begegnungen beim Pastis in Cassis © Siegbert Mattheis

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