Pastis Karaffe, die spannende Geschichte hinter der Pichet à eau Ricard

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Pichet à eau Ricard, die Wasserkaraffe oder der Wasserkrug von Ricard und anderen Pastisherstellern sind inzwischen beliebte Sammler- und Kultobjekte, teilweise werden sie zu Preisen von über 250 Euro gehandelt. Wir haben davon nur bescheidene drei Stück ;). Hier die spannende Geschichte hinter den Pastis Karaffen:

3 Pastis-Karaffe, vorne ein Glas Ricard-Pastis, hinten eine Flasche POastis und ein Handtuch mit Pastis-Aufschrift
Unsere 3 Pastis-Karaffen © Siegbert Mattheis

Wasserkaraffen für Pastis werden immer seltener

Leider werden sie in den Cafés, Bistros und Bars immer seltener zu einem Pastis oder Pernod hinzugestellt, meist wird der Anisschnaps direkt im Glas mit Eiswürfeln serviert. Das verwässert mit der Zeit jedoch den Geschmack. Gedacht sind die Pichets à eau dafür, dass sie mit Eis gekühltes Wasser die perfekte Mischung für den Pastis ergeben, dabei aber die Eiswürfel beim Einschenken zurückhalten.

Seit wann gibt es Wasserkrüge für Pastis?

Es war Paul Ricard, der den ersten Pichet à eau für Pastis entwickelte. Ricard wurde 1909 in Marseille in eine Familie von Bäckern und Weinhändlern geboren. Eigentlich wollte er Künstler werden und, während er das Lycée Thiers besuchte, in die École supérieure des beaux-arts in Marseille eintreten. Sein Vater jedoch, ein Weinhändler, lehnte das strikt ab. Er war der Meinung, dass das Familienunternehmen die beste Ausbildung für einen Erben wäre. Notgedrungen unterstützte Paul seinen Vater, indem er ihn nach der Schule auf seinen Handelsreisen begleitete. Aber so lernte er viel über Kundenwünsche, Wein und Marketing.

Am Anfang stand ein Verbot

Der Legende nach soll er auf einer dieser Touren im Alter von 12 Jahren mit seinem Vater im Dorf Le Beausset ganz in der Nähe von Castellet (wo Paul Ricard sehr viel später eine Rennstrecke bauen würde) vorbeikommen. Er hatte Durst und sein Vater fragte einen Herrn Espanet dort um die Erlaubnis, Wasser aus seinem Brunnen zu schöpfen. Dieser „desinfizierte“ das Wasser mit einer selbstgemachten alkoholischen Mischung, die er Pastis nannte. Denn nach dem Absinthverbot von 1915, das alle alkoholischen Getränke mit Anis und Lakritze einschloss, braute sich beinahe jede Familie in der Provence heimlich ihre eigene Mischung, auf provenzalisch pastis genannt.

Der junge Paul war derart fasziniert, dass dass auch er – so die überlieferte Anekdote – wenn er groß wäre, Pastis herstellen würde, um das Wasser der ganzen Welt zu desinfizieren!

Jedenfalls verriet ihm Monsieur Espanet später das Geheimnis seines Rezepts für 60-prozentigen Pastis. In Le Beausset gibt es heute einen Place Ricard-Espanet, denn hier soll der Ricard Pastis geboren worden sein. Aber bis es dazu kam, dauerte es noch einige Jahre.

Blaues Schild mit Aufschruft
Der Place Ricard-Espanet in Le Beausset © Mairie de Le Beausset

Ricard, der echte Pastis aus Marseille

Mit 17 Jahren verließ Paul Ricard das Gymnasium in Thiers und versuchte gemeinsam mit seinem Bruder Pierre nun, seinen eigenen Pastis herzustellen, der alle anderen in den Schatten stellen sollte. In einem kleinen behelfsmäßigen Labor, das er zu Hause mit einem Destillierapparat einrichtete, verbrachte er seine Zeit damit, Mixturen zu erstellen und Aromen wie Lakritz und provenzalische Pflanzen zu testen. Schließlich entwickelte er ein Rezept, das eine Mischung aus Sternanis und grünem Anis mit einem Hauch von Lakritze enthielt. Infolgedessen verteilte und testete er diesen alkoholischen Anisdrink – obwohl es immer noch verboten war – in den Cafés seines Marseiller Viertels Sainte-Marthe. Das allerdings brachte ihm einige Probleme mit der Polizei und den Zollbehörden ein.

Am 7. April 1932 wurde per Dekret die Herstellung und der Verkauf von Anisgetränken mit 40 % Alkohol wieder liberalisiert. Noch keine 23 Jahre alt, ließ Paul Ricard das Rezept seiner letztendlichen Mischung sofort in Flaschen abfüllen und bewarb sie mit dem Slogan « Ricard, le vrai pastis de Marseille » „Ricard, der echte Pastis aus Marseille“, womit er ihr auch seinen Namen gab. Es war das erste Mal, dass das Wort Pastis auf dem Etikett eines Aperitifs mit Anisgeschmack erschien. Auch das Logo mit den markanten gelben Buchstaben auf blauem Untergrund entwickelte er selbst. Das Gelb stand sinnbildlich für die Sonne und das Blau für das Meer um Marseille.

Die Konkurrenz in Marseille war jedoch groß. So begann er selbst, die Bistros und Cafés der Stadt abzuklappern, um sich und seinen Pastis bekannt zu machen und Kundschaft zu gewinnen. Er differenzierte sich nicht nur über den feineren Geschmack, sondern auch dadurch, dass er seinen Pastis in einer Ein-Liter-Flasche verkaufte, mit der die Wirte etwa fünfzig Gläser pro Flasche verkaufen konnten.

250.000 Flaschen Ricard Pastis in 8 Monaten verkauft

Danach kam Ricard mit den Bestellungen kaum mehr nach. In nur acht Monaten konnte er 250.000 Flaschen im Marseille und Umgebung verkaufen. Ricard war so enthusiastisch, dass er sich anschließend um alles selbst kümmerte, um den Erfolg voranzutreiben. Auch die Werbeplakate, die die ersten Lieferwagen des Unternehmens zierten, gestaltete Ricard selbst.

Altes Plakat, eine Ricard-Flasche, davor zwei Gläser und der braune Krug mit roter Aufschrift Cinq volumes d'eau
"Cinq volumes d'eau", 5 Teile Wasser, so bewarb Ricard seinen Pastis und den Krug © Foto: Siegbert Mattheis

1935 entstand der Pichet à eau Ricard

Aber wie konnte man über sein einzigartiges Rezept hinaus die Reinheit des Anis wiederherstellen, wenn man seinen Pastis mit frischem Wasser mischt? Denn es ging um die richtige Menge an eisgekühltem Wasser. Um nämlich den perfekten Geschmack seines Pastis zu genießen, musste man 1 Teil Ricard mit 5 Teilen eiskalten Wassers mischen, das hatte er in vielfachen Selbstversuchen herausgefunden. Aber in den Bars hatte das Wasser selten die richtige Temperatur und mit Eiswürfeln im Glas verwässerte der Geschmack zu schnell. Am besten war es, das Wasser zuvor in einer Karaffe mit Eiswürfeln abkühlen zu lassen. Aber die Eiswürfel durften natürlich beim Eingießen nicht mit in den Pastis rutschen.

So kam ihm die Idee einer Karaffe, die die Eiswürfel beim Eingießen mittels einer Tülle zurückhielt. Er zeichnete sie auf – den Ausgießer empfand er als begeisterter Segler dem Kiel eines Segelschiffes nach – fuhr zur alteingesessenen Porzellanmanufaktur Revol in Saint-Uze und ließ sie dort produzieren. Allerdings kamen durch einen kleinen Fehler in der Produktion die ersten Karaffen, die Pichets à eau, statt wie gewünscht in der Firmenfarbe Gelb mit blauem Schriftzug in der Farbe eines pain grillé, eines Toastbrots heraus. Erst war Ricard konsterniert, aber später liebte er diese Farbe. Dennoch wurden sie als pichets jaune, als gelbe Wasserkrüge bezeichnet. Und sie wurden schnell zum Wahrzeichen der Aperitifmarke.

Braune Pastis Pichet Karaffe mit Aufschrift Un Ricard
Das Original von 1935 © Rui Camilo, Verlag Bernd Detsch, 2021

So begann die Saga des Pichet à eau Ricard oder des Ricard-Broc, (broc = Krug) der schon bald auf den Terrassen aller französischen Bistros zu finden sein sollte. Ab den 1960er-Jahren erfreute sich die gelbe Karaffe für Pastis, die ursprünglich rein als Werbeträger diente, mit 550.000 produzierten Einheiten großer Beliebtheit. Es wurde zu einem Sammlerstück, das auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden gesucht wurde.
Natürlich fand seine Idee sofort Nachahmer unter den vielen anderen Pastisherstellern.

Aber auch das Design der Karaffe hat sich im Laufe der Zeit verändert, unzählige Varianten erschienen auf dem Markt, es gibt sogar Plastikkrüge aus China und solche in Kamelform.

Neues Design des Pichet Ricard

Im Jahr 2000 war es der australische Designer Marc Newson (der Mann hinter der Apple Watch), der sich einbrachte und ihr eine konischere Form gab.

Ein gelbe Pastis Karaffe mit Aufschrift Ricard
Pichet Ricard von Marc Newson © Marc Newson

Und 2018 entwickelte das französische Designkollektiv 5.5 eine neue Version des broc, die sich auf ihre Ursprünge beruft. „Wir haben uns von der runden Form der Sonne inspirieren lassen, denn das ist es, was der Ricard-Aperitif für uns heraufbeschwört. Daraus haben wir ein minimalistisches, aufgeräumtes Design entwickelt, das eine Form von zeitloser Gemütlichkeit ausstrahlt“, erklärt Jean-Sébastien Blanc, Mitbegründer des Designstudios in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Monde. Um ihre Idee zu verwirklichen, arbeiteten die Designer ebenfalls mit der Firma Revol aus Saint-Uze zusammen, die die allerersten Karaffen mit Paul Ricard produziert hatten. Somit eine gelungene Rückkehr zu ihren Wurzeln.

gelbe, bauchige Pastis Karaffe mit Reliefschrift Ricard in balu
Design von 5.5 studio collectif © 5.5 studio collectif
Blauer Brunnen mit gelben Ricard-Wasserkrügen
Brunnen mit Ricard Pichets der Designerplattform 5.5 in den Docks in Marseille © Siegbert Mattheis

Buch mit 33 Fotografien der Pichets

Im Verlag Bernd Detsch erschien im August 2021 das Buch Trente-Trois Pichets Pastis zu dem Thema. Der Fotograf Rui Camilo hat aus der Sammlung von Michael Eckel bekannte, aber ebenso auch seltene Exemplare für dieses Künstlerbuch ausgesucht und wunderbar in Szene gesetzt. Das Bild des Original-Pichet Ricard von 1935 oben stammt aus diesem Buch. Das ist ein wunderbares Geschenk für Pastis-Liebhaber und Frankreich-Enthusiasten!

Mehr Infos über das Buch auch hier 

Siegbert Mattheis

gelbe Schrift auf Weiß, Trente-Trois Pichets Pastis
Buchcover © Rui Camilo, Verlag Bernd Detsch, 2021

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