Pastis Geschichte, wie entstand das Kultgetränk der Franzosen?

Die Geschichte des Pastis begann in der Schweiz. Das Anisgetränk entstand als Nachfolger der „grünen Fee“, dem Absinth. Das Rezept dafür stammt ursprünglich aus einem Schweizer Kanton.

Dort stellten Ende des 18. Jahrhunderts die Apothekerschwestern Henriod ein Elexier aus Anis und Wermuth gegen Magenleiden her. Major Dubied aus dem Kanton Neuenburg erkannte den kommerziellen Nutzen des wohlschmeckenden Getränks und erwarb das Rezept. Gemeinsam mit seinem Schwager Hennri-Louis Pernod richtete er in Couvet eine Destillerie für Absinth ein. Pernod siedelte Anfang des 19. Jahrhunderts ins französische Pontarlier um, von wo aus er mit seinem Absinth große Erfolge feierte.

Pastis, das Kultgetränk der Franzosen © Catalyseur7, Fotolia
Pastis, das Kultgetränk der Franzosen © Catalyseur7, Fotolia
Vincent van Gogh, Cafétisch mit Absinth, 1887 © Wikipedia

Daraufhin entstanden in Frankreich wie auch in der Schweiz zahlreiche Nachahmer. Allerdings berichtete man um 1850 bereits über süchtigmachende, Halluzinationen hervorrufende Folgen des häufigen Absinthgenusses.

Von Künstlern und Intellektuellen wie Picasso, van Gogh, Cezanne und Oskar Wilde war das Modegetränk „grüne Fee“ wegen seiner berauschenden und nachgesagten erotisierenden Wirkung hochgeschätzt.

Ein Mordfall führte zum Verbot von Absinth

  • 1914 führte ein spektakulärer Mordfall, bei dem ein Mann im Absinthrausch seine ganze Familie umbrachte, in Frankreich zum Verbot der Herstellung und des Verzehrs von Absinth, später auch in vielen anderen europäischen Ländern, ausgenommen übrigens Spanien und Portugal. Alle Hersteller waren gezwungen, nach Alternativen zu suchen.

In der Provence produzierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe jede Familie heimlich ihren eigenen Aperitif, dabei war der anisbasierte „Pastis“, was auf Okzitanisch soviel heißt wie „Mischung“, einer der beliebtesten. In der Provence gibt es den Ausspruch „Quel Pastis!“, „Was für ein Durcheinander!“.

  • 1920 wurden zumindest anisbasierte Getränke wieder zugelassen (mit bis zu 30% vol.). Ein wahrer Rausch ergriff die Provence, wo die Bars ihren eigenen Pastis verkauften. Jede Marke personalisierte ihre Rezepte, indem sie dem Anis andere aromatische Pflanzen wie Fenchel, grünen Anis, Lakritze usw. hinzufügten.

Paul Ricard entwickelte das Rezept für den ersten offiziellen Pastis

Der Hafen von Marseille war damals der Hauptumschlagplatz Europas für wertvolle Gewürze wie Kardamon, Zimt, Vanille und Anis aus China und Indien. Paul Ricard, 1909 in Marseille geboren, ein Kleinunternehmer, Künstler und begeisterter Umweltschützer, war erst 22 Jahre alt, als er beschloss, einen eigenen Pastis zu entwickeln, der dem verbotenen Absinth sehr nahekommen sollte.

  • 1932 waren wieder Anisgetränke mit einem Alkoholgehalt von 40% erlaubt. Ricard brachte sofort seinen „Marseille Pastis“ auf den Markt, dem er Süßholz beigab. Das war auch das erste Mal, dass der Name Pastis offiziell auf einem Etikett erschien. Ricard entwickelte den Slogan „Ricard, le vrai pastis de Marseille“ und verteilte in den Bars seine selbstentworfene gelbe Karaffe, dessen Tülle die Eiswürfel zurückhält. So konnte er in den ersten acht Monaten allein in Marseille 250.000 Flaschen absetzen, sehr zum Ärger seines größten Konkurrenten, Pernod.
Vorne eine typische Karaffe von Ricard © Siegbert Mattheis
Vorne eine typische Karaffe von Ricard © Siegbert Mattheis
Gemälde auf Holz nach dem Motiv von 1936 © Gemälde: Siegbert Mattheis
Gemälde auf Holz nach dem Motiv von 1936 © Gemälde: Siegbert Mattheis

Ermutigt durch Ricards raschen Erfolg, etablierten sich rund um Marseille schnell weitere Hersteller des anishaltigen Aperitifgetränks, wie z.B. Pastis Olive. Der „petit jaune“, der „kleine Gelbe“ avancierte bald zum Kultgetränk und viele Firmen warben mit dem Slogan „comme à Marseille“ oder „à la marseillaise“.

  • 1938 wurden die Herstellung und der Verkauf von Pastis und Anisgetränken mit 45° vol. genehmigt, was bis heute der Standard für „Pastis à la marseillaise“ ist.
  • 1940 wurden unter dem Vichy-Regime alle Anisgetränke verboten, ebenso alle Getränke über 16° vol. Die Pernod-Fabrik wurde in eine Schokoladenfabrik umgewandelt, Ricard produzierte Wermut, Fruchtsäfte und Treibstoffalkohole.
  • 1951 wurde Pastis wieder zugelassen. Die Firma Pernod nutzte die entstandene Lücke und lancierte einen neuen Pastis, den „Pernod 51“ nach dem Jahr 1951 mit 45% Alkohol. Da jedoch Pernod immer schon den Alkoholgehalt in die Produktbezeichnung mit aufgenommen hatte („Pernod 40“ und „Pernod 45“, wurde die Marke missverstanden. Erst mit der Umbenennung in „Pastis 51“ 1954 setzte sich der Erfolg durch.

1975 schließen sich Pernod und Ricard zusammen

  • 1975 fusionierten die beiden größten Pastishersteller unter dem Konzernnamen Pernod Ricard.
  • Seit 2003 vertreibt der Konzern auch ein größeres Weinsortiment. und andere Marken wie Byrrh , Suze oder Lillet.

Siegbert Mattheis

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