Santons Figuren, die Provence en miniature

Jedes Jahr seit 1803 findet in Marseille von Mitte November bis Ende Januar der älteste Santons-Markt, der Markt für provenzalische Krippenfiguren statt. Früher am Ende der Canebiére in der Nähe des Vieux Ports oder wie seit 2018 direkt am nördlichen Ufer des Alten Hafens. Der Name Santons kommt übrigens aus dem Provenzalischen santouns und bedeutet „kleine Heilige“

Hier bieten über 30 sog. Santonniers ihre unterschiedlichen, teilweise sehr kunstvoll gearbeiteten Santons-Figuren an. Sie entspringen vorwiegend der Weihnachtsgeschichte von Antoine Maurel, der sie 1844 schrieb und dabei viele unterschiedliche Figuren und Charaktere der provenzalischen Dörfer integrierte.

Hier mehr über die Geschichte der Santons.

Damit Sie sich als Insider geben können, haben wir für Sie in einer Übersicht die wichtigsten Figuren aufgelistet, die in keiner Krippe fehlen dürfen (natürlich neben dem kleinen Jesuskind, Maria und Joseph, den Hirten sowie den 3 Weisen aus dem Morgenland, Ochse, Esel und Schaf), ihre Namen teilweise in provenzalischer Sprache:

Der Alte und die Alte stehen sinnbildlich für die Liebe © Siegbert Mattheis
Das alte Paar steht sinnbildlich für die Liebe © Siegbert Mattheis

Le vieux et la vieille, das alte Paar

Ihre Namen sind Grasset und Grassette und stehen sinnbildlich für die Liebe schlechthin. Sie werden oft auf einer Bank auf dem Dorfplatz zusammen sitzend oder stehend und immer in ihren Sonntagskleidern dargestellt. Traditionell trägt Grasset einen Regenschirm und Grassette einen Korb voller Lebensmittel, alternativ lesen sie Zeitung und stricken.

Lou Pistachié, der Schürzenjäger © Siegbert Mattheis
Lou Pistachié, der Schürzenjäger © Siegbert Mattheis

Lou Pistachié, der Schürzenjäger

Der Pistachié ist ein Bauernhandwerker und ein Schürzenjäger. Es ist ein Muss in der provenzalischen Krippe. Pistazien gelten in der Provence als Aphrodisiakum, daher der Spitzname. Antoine Maurel machte ihn zu einem Feigling und Betrunkenen, gleichzeitig ist er aber auch ein großer Redner und ein großer Faulenzer. Ein wenig dumm, stimmt er zu, seinen Schatten an den Boumian zu verkaufen. Er bringt zwei Körbe voller Nahrung in die Krippe: Der erste ist übervoll mit gesalzenem Kabeljau und Würstchen, der zweite ist mit Fougasse und pompe à l’huile (einem flachen Hefegebäck mit Olivenöl, einer provenzalischen Spezialität) gefüllt. Lou Pistachié ist der Ehemann von Honorine, der Fischhändlerin. Meist wird er in einem vernachlässigten Outfit dargestellt, in Hemd und Hose, die von einem einzigen Riemen gehalten wird.

Lou Ravi, der Entzückte

Lou Ravi ist eine wesentliche Figur in der Krippe. Er ist der Dorftrottel (oder besser gesagt, der Überraschte, der Einfache im Herzen) und bringt Glück. Der arme unschuldige Mann hat nichts zu bieten, freut sich aber über diese Geburt. Er wird immer mit erhobenen Armen zum Himmel dargestellt, als Zeichen von Überraschung und Freude. Im Dorf kümmert er sich um kleine Arbeiten (im Bauernhaus oder auf den Feldern), er ist ein sehr bescheidener Charakter, der normalerweise in der Hütte lebt, in der die Geburt stattfindet. Er ist einfach gekleidet und trägt eine Haube, eine Art Schlafmütze auf dem Kopf. Dieser ungeschliffene Charakter ist ein Ungläubiger, der überrascht ist, dass die Gläubigen zusammenkommen, weil sie glauben, dass ein Erlöser in dieser Nacht geboren wurde.

Er ist ein bodenständiger Typ, er achtet nur auf das Irdische: Trinken, Essen, Vergnügen, aber er ist auch vertraut mit der Hässlichkeit, mit Kriegen, dem täglichen Leben, das mit dem Schweiß auf der Stirn gewonnen werden muss. Aber seine Freude über den Anblick von Jesu Geburt macht ihn zu einem neuen und anderen Menschen, er öffnet sein Herz und entdeckt den Weg zum Glück in Einfachheit. (Er ist im Übrigen unser Lieblings-Santon).

Le maire, der Bürgermeister © Siegbert Mattheis
Le maire, der Bürgermeister © Siegbert Mattheis

Le maire, der Bürgermeister

Der Bürgermeister heißt lou conse in der Provence. Erster Richter seiner Gemeinde, zieht er seine besten Kleider an, um in die Krippe zu gehen, und trägt seinen Schal in den Tricolore-Farben, einen Zylinder und einen Regenschirm in der Hand. Eine goldene Uhr hängt an seiner Jackentasche. In der provenzalischen Weihnachtsgeschichte wird er Mathieu genannt und macht die Geburt durch die Eintragung Jesu in das Zivilstandsregister seines Dorfes offiziell.

Priester und Mönch-Santons © Siegbert Mattheis
Priester und Mönch-Santons © Siegbert Mattheis

Le curé, der Priester

Gutmütig, oft dickbäuchig und kahl, scheint er von der Geburt Jesu völlig durcheinander zu sein, da er ja so seinem Herrn begegnet.

Le moine, der Mönch

Er stellt Franz von Assisi dar, mit seinem Gewand aus Bure, dem Schutzpatron der Santonsmacher. 1223 schuf dieser in Greccio, Italien, eine der ersten lebenden Krippen mit echten Menschen und Tieren in einer Höhle in der Region, in der die Franziskaner dank einer Schenkung des Dorfvorstehers eine Einsiedelei errichtet hatten.

Der Tambourinspieler und die Farandole-Tänzer © Siegbert Mattheis
Der Tambourinspieler und die Farandole-Tänzer © Siegbert Mattheis

Le tambourinaïre und die Farandole

Der Tamburinspieler, auch Guillaume genannt, ist mit seinem Tamburin und seinem Galoubet, einer Einhandflöte, vertreten. Traditionell ist er derjenige, der die Farandole, den historischen provenzalischen Volkstanz, anführt. Es ist eines der Hauptthemen der Krippe. Der Tamburinspieler trägt meist ein elegantes Kostüm mit einem breitkrempigen Filzhut. Unter seiner schwarzen Samtweste lugt ein weißes Hemd hervor, das am Kragen mit einer Fliege gebunden ist. Die Hose wird von einer Taiole, einem typischen provenzalischen Gürtel aus roten Wollstoffstreifen gehalten.

Die Farandole-Tänzer bilden eine lange Linie, die sich schlängelnd bewegt. Die Wendungen dieses Tanzes, der angeblich griechischen Ursprungs ist, erscheinen wie ein Labyrinth. Während die Männer ein Kostüm tragen, das dem des Tamburins ähnelt, sind die Tänzerinnen entweder Arlesianisch, Provenzalisch oder Comtadinisch aus Avignon gekleidet, je nachdem, aus welcher Region der Santonnier, der Hersteller der Krippenfiguren stammt.

Die Arlésienne, hier den Farandole tanzend © Siegbert Mattheis
Die Arlésienne, hier den Farandole tanzend © Siegbert Mattheis

L’Arlésienne, die Frau aus Arles

Die Frau aus Arles wird entweder tanzend, stehend oder sehr oft auch mit ihrem Guardian auf einem weißen Camargue-Pferd gezeigt. Die Mode aus Arles zeichnet sich durch eine spezielle Haube aus, die das Tragen von langen Haaren erfordert. Abhängig von den Wochentagen und den zu erfüllenden Aufgaben wurde diese Frisur auf dem Kopf durch einen Schleifen- oder Spitzenknoten gehalten.

Der Blinde und sein Sohn © Siegbert Mattheis
Der Blinde und sein Sohn © Siegbert Mattheis

Lou Avugle e soun fieu, der blinde Mann und sein Sohn

Der Blinde und sein Sohn stammen aus der Weihnachtsgeschichte von Maurel. Der jüngste Sohn der Familie, Chicoulet, wurde entführt, und sein Vater weinte so sehr, dass er blind wurde. Deshalb geht er, gestützt auf seinen anderen Sohn Simoun, in die Krippe, um Jesus zu bitten, ihm zu helfen, sein Kind zu finden.

Immer an die Schulter seines Sohnes gelehnt, ist der blinde Mann meist mit seinem Stock ausgestattet. Er ist ein älterer Mann, sein Bart und seine Haare sind grau oder weiß. Der Sohn führt ihn und hält seinen Hut in der Hand, als Zeichen des Respekts vor dem Vater.

Le boumian et la boumiane, die Sinti und Roma

Sie sind die Zigeuner, die Nomaden der Krippe. Der Name „Boumian“, wie er im Provenzalischen üblich ist, „Bohemià“ im Katalanischen, soll daher kommen, dass ein Graf der Provence die Zigeuner zwang, in den Höhlen des Massif de la Sainte-Baume zu leben. Andererseits ist La Bohéme im Französischen die Bezeichnung für Böhmen, woher viele der eingewanderten Roma und Sinti stammen.

Der Boumian ist traditionell in bunte Kleidung gekleidet, in ein großes schwarzes Cape, einen roten Schal auf dem Kopf, mit langen, schwarzen Haaren und einem Bart. An seinem Gürtel hängt ein großes Messer. Man sagt, er sei ein Heiler und Wissenschaftler. Seine Frau, die Boumiane trägt ein Tamburin in der Hand und ihr Kind an der Hüfte. Ihr Rock ist lang und schwarz, ihr Mieder bunt. Als Zaubererin liest sie aus der Hand und betreibt Wahrsagerei.

Diese beiden Charaktere sind beängstigend, weil ihr Wissen stört und fasziniert. Sie sind die einzigen Bösewichte in der Krippe, die beschuldigt werden, Wäsche und Hühner gestohlen oder Kinder entführt zu haben. Als sie in die Krippe kommen, bringt das Paar dem blinden Mann dessen Sohn Chicoulet, zurück, den sie ihm entführt hatten.

Daraufhin geschehen zwei Wunder: Der blinde Mann erlangt sein Augenlicht zurück, er erkennt seinen ältesten Sohn, der ihm in die Arme fällt. Und der Boumian gibt seine Missetaten auf, indem er verspricht, ein ehrliches Leben zu führen.

Weitere traditionelle Santons-Figuren sind:

  • lou pescadou (der Fischer)
  • lou peissouniero (der Fischhändler),
  • lou pourtarié d’aigo (der Wasserträger)
  • lou bouscatié (der Holzfäller)
  • la jardiniero (der Gärtner)
  • lou masièro (der Landwirt mit den landwirtschaftlichen Produkten)
  • lou móunié (der Müller mit seiner Mehltüte)
  • lou boulangié (der Bäcker)
  • lou banastaire (der Korbmacher)
  • l’estamaire (der Kesselflicker)
  • l’amoulaire (der Schleifer)
  • la bugadiero (die Waschfrau)
  • der Jäger und der Schornsteinfeger

sowie inzwischen alle möglichen Berufe und Figuren, die in der provençalischen Welt und auch in ganz Frankreich zu finden sind.

Neu als Santon-Figur: Paul Bocuse, im Januar 2018 verstorben © Siegbert Mattheis
Neu als Santon-Figur: Paul Bocuse, im Januar 2018 verstorben © Siegbert Mattheis
Fanny "fesses à l'air" © Siegbert Mattheis
Fanny "fesses à l'air" © Siegbert Mattheis

Aber die Santonniers begnügen sich nicht damit, nur die Figuren aus der provenzalischen Weihnachtsgeschichte darzustellen, sie bilden auch viele Figuren aus der französischen Kultur-Geschichte ab, wie die Figuren aus Marcel Pagnols Büchern und Filmen, oder die Schauspieler Fernandel, Luis de Funés oder ganz aktuell 2018 den kürzlich verstorbenen Sternekoch Paul Bocuse.

Oder auch Fanny „fesses à l’air“, die eine ganz besondere Funktion hat. Wenn jemand nämlich beim Pétanquespiel komplett, also 13 : 0 verloren hat, muss er den blanken Hintern von Fanny küssen …

Daher achten Sie am besten immer auch auf die Nouveautés, vor allem, wenn Sie anfangen sollten, die Santons-Figuren zu sammeln …

Siegbert Mattheis

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