Weihnachten in Südfrankreich: das große Schlemmen und 13 Desserts

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Anders als bei uns beginnt die Weihnachtszeit in Südfrankreich nicht am 1. Advent, sondern am 4. Dezember und endet erst 40 Tage nach Heiligabend am 2. Februar. Und zwischendurch sind – wie könnte es in Frankreich anders sein – vielfältigste kulinarische Delikatessen mit der Familie und Freunden angesagt, „convivialité“, (Geselligkeit) und „savoir-vivre“ werden ausgiebig zelebriert.

Nostalgisches Karussel auf dem Weihnachtsmarkt © M. Ripert, VPA

Grüne Saat an La Sainte-Barbe

Aber davor wird erst einmal am Tag der Heiligen Barbara (La Sainte-Barbe), dem 4. Dezember,  der „Weizen der Hoffnung“, le blé de Sainte-Barbe gesät. Weizensamen und Linsen werden in drei kleine Schalen gelegt und dann sorgfältig gegossen. In den Wochen bis Weihnachten werden sie zu zarten jungen Trieben. Eine einfache, aber poetische Art, dem Weihnachtstisch an Heiligabend eine frische grüne Note zu verleihen!
Dieser Brauch hat noch eine weitere Bedeutung: Er dient dazu, das Glück für das kommende Jahr vorherzusagen und den Gästen Gesundheit und Wohlstand zu wünschen. Wenn die gesäten Samen gut aufgehen, ist ein erfolgreiches Jahr vorprogrammiert! Wie das provenzalische Sprichwort sagt: „Quand lou blad vèn bèn, tout vèn bèn!“ („Wenn der Weizen gut wird, wird alles gut!“).

Weizenkeime, Blé de la Sainte Barbe © Hocquel A, VPA

Weihnachtsmärkte in der Provence

Aber auch schon ab Ende November werden in vielen Städten und Gemeinden dekorative Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und Gassen aufgebaut. Unser Adventsbrauch mit den vier Kerzen ist in Frankreich wenig bekannt. Aber Weihnachtsmärkte finden nahezu überall statt. Aus Mangel an Schnee werden Weihnachtsbäume hier auch gerne mit Kunstschnee bestäubt. Dazu werden Stände mit vin chaud (Glühwein), feinen Delikatessen und provenzalischen Krippenfiguren, den Santons aufgebaut. Denn der Einkauf von Schlemmereien ist den Franzosen vor Weihnachten heilig.

Illumination in Isle sur la Sorgue © Maurel Kessler, VPA
Weihnachtsmarkt "Village de Noël" in Toulon © Siegbert Mattheis

Und Santons dürfen an keinem Weihnachtsfest fehlen. Jedes Jahr werden zur eigenen Krippe neue Figuren, Häuschen und Landschaftsmotive aus der provenzalischen Weihnachtsgeschichte von Antoine Maurel hinzugekauft. Diese Geschichte, die „Pastorale des Santons de Provence“ wird im Dezember an vielen Orten auch live auf der Bühne aufgeführt.

Pastorale de Santons de Provence © Maurel Kessler, VPA
Typische Santons-Szene, hier im Marcel Pagnol-Museum © Siegbert Mattheis
Weihnachtsmarkt am Vieux Port in Marseille © Siegbert Mattheis
Santons mit echten Stoffen auf dem Markt in Marseille © Siegbert Mattheis

Heiligabend in der Provence

Der 24. Dezember wird in der Provence etwas anders als bei uns gefeiert. Traditionell wurde der Weihnachtsabend mit dem uralten mediterranen Brauch des cacho fiò eingeleitet. Dieser typisch provenzalische Ritus bedeutete laut Frédéric Mistral „ins Feuer legen“.

Brennender Holzscheit im Kamin
Traditionelle Vebrennung des Weihnachstsscheites, cacho fiò © Siegbert Mattheis

Denn vor dem großen Abendessen, dem Gros Souper oder Gros Soupa im provenzalischen Dialekt, wurde früher ein Holzscheit im Kamin angezündet. Dieser große Scheit war von einem Obstbaum, einer Birne, Kirsche oder Olive und wurde gemeinsam vom Jüngsten und dem Ältesten der Familien zuvor feierlich zum Kamin getragen. Dabei gingen sie drei Mal um den mit drei Tischdecken und drei Leuchtern gedeckten Tisch. Dieses rituelle Anzünden des Weihnachtsscheits (calendau auf Provenzalisch) entsprach einem Ritual des verborgenen Feuers und kündigte die Rückkehr der wieder helleren Jahreszeit an, das Licht der ersten Sonne des neuen Jahres. Das Holzscheit sollte bis zum Dreikönigstag reichen. Wenn es verglüht war, wurden die Kohlestücke in die Ställe gelegt, um das Vieh vor Krankheiten zu schützen und auf den Feldern verstreut, um reiche Ernte im nächsten Jahr zu bringen.

Hirtenspiel in Le Baux de Provence © Le Baux de Provence

Bûche de Noël

Da es aber immer weniger Kamine in den provenzalischen Häusern gibt, wird diese Tradition heute symbolisch in einigen Gemeinden der Provence öffentlich auf dem Rathausplatz vollzogen. Aber der Kaminscheit daheim sollte dennoch nie fehlen. Daher wandelten die findigen Franzosen den Holzstamm einfach in eine kulinarische Spezialität um: die Bûche de Noël. Die besteht aus einem rechteckigen Biskuitboden, der mit Schokoladen-Buttercreme gefüllt und aufgerollt wird. Die äußere Cremeschicht wird zudem rillenartig verziert, um die Borke nachzuahmen. Die Bûche de Noël wird als Dessert nach dem Gros Souper gereicht.

Bûche de Noël © Mitantig, Wikipedia

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Das Gros Souper an Weihnachten

Und dann geht es feierlich an die kulinarischen Köstlichkeiten. Denn einer der Höhepunkte des Weihnachtsfestes ist das „große“ oder „fette Abendessen“, das am 24. Dezember mit der Familie oder mit Freunden eingenommen wird. Trotz des Namens enthält es traditionell kein Fleisch, aber inzwischen wurde auch diese Tradition aufgeweicht und es wird in vielen Gegenden Frankreichs auch Geflügel serviert.

Der gedeckte Weihnachtstisch in der Provence © Hocquel A, VPA

Luxus steht dabei nicht unbedingt auf der Speisekarte, aber Qualität wird großgeschrieben. Mit dem Gros Souper werden zahlreiche Rituale begangen: Der Tisch muss mit den drei oben erwähnten Tischtüchern gedeckt sein. Das Abendessen wird auf dem obersten serviert, das zweite Tuch bildet den Rahmen für das Mittagessen am 1. Weihnachtsfeiertag, das diesmal auch mit Fleisch serviert wird, während das dritte für die Reste verwendet wird, die am Abend des 25. Dezembers gegessen werden.

Das Gros Souper am Heiligabend beginnt traditionell mit einem aïgo boulido, einer duftenden Brühe aus Knoblauch, Salbei und Thymian. Darauf folgen sagen und schreibe sieben fleischlose Gerichte, wie Kabeljau mit Lauch, Kürbisgratin und Trüffelomelett.

Zu frischen Austern passt Champagner © Siegbert Mattheis
Köstliche Seeigel © Siegbert Mattheis

Zu den Leckerbissen gehören auch lokale Spezialitäten wie Seeigel, Austern aus La-Seyne-sur-Mer, Poutargue (Bottarga) aus Martigues, Seebarsch und andere Meeresfrüchte. Zudem Hüttenkäse aus Rove oder Käse aus den Alpen. Und kein provenzalisches Weihnachtsfest wäre vollständig ohne eine Reihe von Aperitifs und Likören, die aus regionalen Pflanzen und Früchten hergestellt werden.

Poutargue © Siegbert Mattheis
Pompe à l'huile, Olivenöl-Brioche mit Orangenblütenwasser © A. Simon, CRT Sud

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Dieses Festmahl kann neben den sieben Gängen auch aus dreizehn verschiedenen Brotsorten bestehen! Dazu werden Weine aus den besten Anbaugebieten der Provence, des Rhônetals und der Alpen sowie Quellwasser aus den Bergen gereicht. Es bietet auch die Gelegenheit, das schönste Geschirr und die schönsten Tischtücher zu präsentieren. Was die Blumendekoration anbelangt, so versprechen intensiv blaue und violette Anemonen, gemischt mit sternförmigen gelben Mimosen, einen zusätzlichen Zauber für den Tisch.

Die 13 Desserts © Mathias Dandine, Gemenos C. Luparini CRT Sud
Nougat und kandierte Früchte gehören dazu © T. Obrien, VPA

Den Abschluss bilden dreizehn Desserts, bestehend aus süßen Köstlichkeiten und frischem Obst, die nach der Mitternachtsmesse genossen werden. Den Heiligabend so ausklingen zu lassen, ist eine alte Tradition in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Warum sind es genau 13 Desserts?

Die Zahl der Treize Desserts verweist auf Jesus und seine 12 Apostel. Dabei spielt es keine Rolle, ob mehr als dreizehn Nachspeisen auf dem Weihnachtstisch stehen, Hauptsache, es sind nicht weniger! Allen voran der weiße und der schwarze Nougat, der mit Honig und Mandeln hergestellt wird. Dazu werden vier Arten von Trockenfrüchten gereicht. Sie tragen den Spitznamen „Vier Bettler“ und stehen für die verschiedenen religiösen Orden: Walnüsse oder Haselnüsse für die Augustiner, getrocknete Feigen für die Franziskaner, Mandeln für die Karmeliter und Rosinen für die Dominikaner. Pompe à l’huile, fein duftende Olivenöl-Brioche mit Orangenblütenwasser sowie frisches Obst wie Äpfel, Birnen, Weintrauben, Apfel-Birnenmus oder Frucht-Gelee, Korsische Orangen und Clementinen, Walnüsse, Calissons aus Aix oder kandierte Maronen, Fruchtgelee oder Fruchtkonfekt und Schokolade. Auch Datteln werden als exotische Frucht serviert, um an die Flucht von Josef, Maria und dem Jesuskind nach Ägypten zu erinnern. Dazu gibt es einen Tropfen Vin cuit de Provence, einen Süßwein wie Beaumes-de-Venise-Muskateller oder Rasteau.

Fougasse © J Demeurs, Provence Tourisme
Gelbe Calissons mit Zuckerglasur
Zuckersüße Calissons aus Aix © LeRoyRene

Und währenddessen warten die Kinder sehnsüchtig auf die Ankunft von Père Noël, dem Weihnachtsmann, um endlich ihre Geschenke zu öffnen. Meist liegen sie jedoch schon im Bett und erhalten sie erst am Morgen des 25. Dezember.

Dreikönigsfest

Zum Fest des Jour des Rois, das nicht mehr wie früher am 6. Januar, sondern stets am ersten Sonntag im neuen Jahr gefeiert wird, ist es seit langer Zeit Brauch, eine Galette des Rois mit Freunden und Familie zu essen. Denn im Inneren des Kuchens versteckt sich eine kleine Figur, die Fève, die den Finder oder die Finderin einen Tag lang zu König oder Königin macht.

Porzellamn-Figur in einem Kuchenstück
Vorsicht beim Reinbeißen! So ist die Figur eingebacken © Siegbert Mattheis

An Mariä Lichtmess, dem 2. Februar, endet die Weihnachtszeit

Am Tag La Chandeleur zündeten Gläubige früher in ihren Häusern Kerzen an, um eine reiche Ernte einzuläuten. In Marseille und der Provence – und nirgendwo sonst in Frankreich – werden an Mariä Lichtmess traditionell Navettes gegessen. Diese kleinen, mit Orangenblütenwasser aromatisierten Kekse in Form eines Bootes symbolisieren den Kahn, mit dem die drei Heiligen Marien, Maria Magdalena, Maria Jacobi und Maria Salome, an den Ufern der Provence gestrandet waren.

Mehrere Körbe mit vielen Navettes-Knabbereien
Navettes in allen Geschmacksrichtungen © Fotolia

Und ein traditionelles provenzalisches Sprichwort besagt: „An Lichtmess flieht der Winter oder er bleibt sehr lang“.

Siegbert Mattheis mit freundlicher Unterstützung der Region Provence, Alpes, Côte d’Azur

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