Riviera, Côte d‘Azur, Nizza, Cannes, Monaco, Saint-Tropez oder Juan-les-Pins … allein der Klang dieser Namen ruft in uns eine Unmenge von Bildern und Assoziationen hervor, weckt Sehnsüchte und Träume. Nicht nur von Sonne, Strand und azurblauem Meer, sondern gleichermaßen vom Zauber von Glamour, Luxus, Leidenschaft, Reichtum, Exzentrik und Weltgewandtheit. Mondän, welterfahren, extravagant, im ursprünglichen Sinne des französischen Wortes mondain.
Was hat das Hôtel Provençal mit dem Mythos Riviera zu tun?
Aber wie kam es überhaupt dazu, dass diese französische Riviera, die Côte d’Azur, ein in der Welt nahezu einzigartiges Mekka des Jet Set wurde? Wie entstand dieses Flair, das eng mit Künstlern, Schriftstellern, Schauspielern und anderen berühmten Persönlichkeiten zusammenhängt?
Das Buch Hotel Provençal
Das erfahren wir in Lutz Hachmeisters wunderbarem Buch “Hotel Provençal” * mit dem Untertitel “Eine Geschichte der Côte d‘Azur”. Etwas bescheiden, denn es ist unserer Meinung nach das Standardwerk über die Entstehung des Mythos’ der Riviera! Also vielmehr die Geschichte der Côte d‘Azur, so wie sie heute in unseren Köpfen verankert ist.
„Juan-les-Pins ist, vor allem im Sommer, einer der besten Rivieraorte …. Wenn Sie zufällig in Juan wohnen, tun Sie es nicht unter dem Provençal-Hotel, das, eine Burg des Reichtums, von erhöhter Stelle den Blick übers Meer beherrscht…“ schrieben schon Erika und Klaus Mann 1931 in ihrem „Buch von der Riviera“.
Was ist das Hotel Provençal?
Das Hotel Provençal ist ein legendäres, über knapp 50 Jahre leer stehendes Luxushotel in Juan-les-Pins an der Côte d’Azur. Das imposante Gebäude wurde 1927 vom amerikanischen Multimillionär Frank Jay Gould eröffnet und galt bis heute als die größte Hotelruine der Welt. In seiner Blütezeit war es eines der glamourösesten 5-Sterne-Hotels der Französischen Riviera mit opulenter Ausstattung und bot luxuriöses Ambiente mit prachtvollen Eingangshallen, die mit Teppichen ausgelegt und mit eleganten Sesseln bestückt waren. Das Hotel symbolisiert wie kein anderes die Entstehung des Mythos der Côte d’Azur.
Wo liegt das Hotel Provençal?
Das Hotel Provençal befindet sich in Juan-les-Pins, einem Ortsteil von Antibes an der Französischen Riviera. Das Gebäude steht in erhöhter Lage mit direktem Blick aufs Mittelmeer, nur wenige Schritte vom berühmten Richelieu-Strand entfernt. In der Nähe befinden sich weitere historische Hotels wie das 1931 eröffnete Hotel Juana und das Hotel Belles Rives.
Wie sah das Hôtel Provençal früher aus?
Die folgenden alten Aufnahmen zeigen das Hôtel Provençal in der aktiven Zeit, vermutlich in den 1930er oder 1940er Jahren (das genaue Datum ist leider nicht überliefert). Die Bilder wurden uns freundlicherweise vom “Fonds Andrau – Archives municipales d’Antibes“ über Lucy Howard vom Office de Tourisme d’Antibes Juan-les-Pins zur Verfügung gestellt.





Wie kam Lutz Hachmeister zum Hotel?
Lutz Hachmeister war “hooked”, wie er uns in einem Interview erzählte, als er 1989 das erste Mal vor diesem Bauwerk stand. Seiner Meinung nach sah es aus wie ein “im Wald gestrandeter Ozeandampfer”.
Fortan ließ ihn dieses riesige weiße, leer stehende Gebäude in einem “undefinierbaren Architekturstil, einer Mischung aus Stahlbeton-Gigantismus und neoprovenzalischer Ornamentik” nicht mehr los. Er befragte Einheimische, forschte in Archiven und interviewte Zeitzeugen.
Bereits im Jahr 2000 drehte er darüber einen Dokumentarfilm für das ZDF und arte. Darin ließ er zahlreiche Personen, die die Geschichte des Hotels und der Riviera miterlebt und teilweise auch mitgestaltet hatten, von der Zeit erzählen. Selbst der damalige Eigentümer, der Londoner Juwelier Alexandre Reza reiste extra aus Paris für ein Interview an.

Wie lange hat Hachmeister recherchiert?
Aber damit war sein Hunger, die ganze Geschichte zu erfassen, nicht gestillt. Hachmeister stürzte sich leidenschaftlich in die Arbeit und recherchierte mehr als 20 Jahre. Er durchforschte über 600 Bücher und stöberte in unzähligen Archiven, wie er uns erzählte. Inzwischen war er über 100 Mal in Juan-les-Pins und Umgebung, um mehr über die Geschichte des Hotels zu erfahren und sie niederzuschreiben.
Was macht Hachmeisters Buch besonders?
Das Buch ist kurzweilig und prall gefüllt mit Informationen. Lutz Hachmeister lässt uns auf 230 Seiten in die Faszination der “Côte” eintauchen. Akribisch zählt er nahezu alle Personen auf, die die Geschichte des Hotels und der Riviera geprägt hatten. Aber er nennt nicht nur die Namen, sondern erläutert auch die Hintergründe und Zusammenhänge.
Dabei erzählt er auf kurzweilige und süffisante Art über:
- Amouröse Abenteuer und geheime Liebschaften
- Verborgene Machenschaften
- Glamouröse Aufstiege und dramatische Abstiege
- Brutale Morde und menschliche Abgründe der Protagonisten
- Amüsante Anekdoten
- Erhellende Zitate aus Romanen und Schriftwechseln
- Hilfreiche Querverweise
Welche Berühmtheiten waren im Hotel Provençal und in Juan-les-Pins?
Und sie waren alle da: Zunächst kamen Schriftsteller wie Scott Fitzgerald, Hemingway oder Jean Cocteau, Musiklegenden wie Cole Porter oder Édith Piaf, Künstler wie Pablo Picasso oder Man Ray, Staatsoberhäupter wie Winston Churchill, mehrere gekrönte Häupter und natürlich nahezu die gesamte Riege der damals bekannten und berühmten Schauspieler:innen, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Lilian Harvey…
Später kamen auch Miles Davis, die Stones, Duran Duran, Melody Gardot nach Juan … es wäre kürzer, die Namen der Berühmtheiten der letzten 100 Jahre aufzulisten, die nicht dort waren.
Wie ist die Geschichte der Côte d’Azur?
Aber Hachmeister spannt den Bogen zur Geschichte der Riviera weiter. Er erläutert, wie durch Filme mit Brigitte Bardot, Alain Delon oder Romy Schneider der verschlafene Fischerort Saint-Tropez zum neuen Jet Set-Hotspot wurde. Wie Aristoteles Onassis mit der Einfädelung der Hochzeit von Grace Kelly und Fürst Rainier das Finanzparadies Monaco in das Licht der Öffentlichkeit rückte. Warum Cannes durch die Filmfestspiele zu einem der begehrtesten Orte an der Riviera avancierte. Oder wie Hollywood die Französische Riviera als traumhafte Filmkulisse entdeckte. So erzählt er wie nebenbei die gesamte Geschichte der Côte d’Azur:
Wie entstand der Mythos der Französischen Riviera?
Der Mythos der Côte d’Azur entwickelte sich in mehreren Phasen:
- Wintersaison (ab Ende 18. Jh.): Wohlhabende Engländer, Amerikaner und später Russen entdeckten Nizza und Hyères für die Wintersaison. In der Belle Époque ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche luxuriöse Hotels und extravagante Villen für dieses reiche Klientel. Eines der imposantesten ist das 1896 erbaute Excelsior Régina in Nizza, das für Königin Victoria von England errichtet wurde. Mit dem Ersten Weltkrieg endete diese Blütezeit abrupt.

- Erfindung der Sommersaison (ab 1920): Es ist nur schwer vorstellbar, dass es einen Sommerurlaub, wie wir ihn kennen, erst seit etwa 1920 gibt.
Pablo Picasso war im Sommer 1920 einer der Ersten, der in Juan-les-Pins seinen gebräunten Körper halb nackt am Strand zur Schau stellte und damit den Sommerurlaub en vogue machte.
Ihm taten es viele andere nach, und so begann der Ruhm des Ortes als Destination für Sonnenhungrige, knappe Bademode und ausschweifendes Nachtleben. Das Provençal warb als eines der ersten Hotels damit, auch im Sommer geöffnet zu sein. Aber erst ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg übertraf die Anzahl der Sommergäste die der Winterurlauber.

- Juan-les-Pins als “the place to go”: Juan-les-Pins war die Sommerhauptstadt an der Küste, hierher kamen die lebenswütigen Jugendlichen, hier vibrierte die Luft. Der Ort war auch Pionier des Wassersports: 1931 wurde hier Wasserskilaufen populär.

- Filmära und weitere Hotspots: Saint-Tropez wurde durch Filme mit Brigitte Bardot, Alain Delon und Romy Schneider zum neuen Jet Set-Hotspot.
Aristoteles Onassis rückte durch die Einfädelung der Hochzeit von Grace Kelly und Fürst Rainier das Finanzparadies Monaco in das Licht der Öffentlichkeit (Grace Kelly war 1954 in “Über den Dächern von Nizza” am Strand zu sehen). Cannes avancierte durch die Filmfestspiele zu einem der begehrtesten Orte. Hollywood entdeckte die Französische Riviera als traumhafte Filmkulisse.
Der Mythos Riviera wurde auch durch Werbung propagiert, wie etwa auf Ricard-Plakaten der 1960er Jahre mit unbekleideten Frauen, Palmen und dem gelben Ricard-Schriftzug.


- Jazzfestival: 1960 wurde das Jazzfestival in Juan-les-Pins ins Leben gerufen. Es entstand zum Gedenken an den in Antibes lebenden Jazzmusiker Sydney Bechet. Das Festival zog zahlreiche Jazzgrößen an die Côte d’Azur und sorgte für weiteres Klientel, vor allem aus den USA. Auf dem Boulevard Edouard Baudoin findet sich heute der Jazz Walk of Fame mit den Handabdrücken der Größen des Jazz wie Pat Metheny, Al Jarreau, Ravi Coltrane und Carlos Santana. Die Bühne des Festivals befindet sich direkt am Richelieu-Strand, und das Hotel Juana dient quasi als Backstage-Bereich des Jazzfestivals.
Was erfährt man über die heutige Situation und Schattenseiten der Riviera?
Die letzten Kapitel des Buches beschäftigen sich mit der Hotelruine und zeichnen auch ein etwas anderes Bild der Riviera. Hachmeister recherchierte über die mehrfach wechselnden Investoren, berichtet über deren Renovierungsarbeiten und Pläne und den Widerstand von Umweltschützern, Journalisten und der Gemeinde Antibes-Juan-les-Pins.
Das Buch zeigt ein Bild der:
- Oligarchen, Emire und Industriellen, die an der Riviera investieren
- Mehr oder weniger engen Verbindungen zwischen den lokalen, meist rechtsgerichteten Eliten und der Unterwelt
- Menschen, die sich einsetzen, die Französische Riviera zu einem ruhigeren Küstenstreifen mit nachhaltiger Siedlungsplanung, mehr Grünflächen, Radwegen und weniger Betonbauten umzugestalten
Es ist also auch ein kritischer Blick auf die Entwicklung der Côte d’Azur.
Wird das Hotel Provençal wiedereröffnet?
Nach diesem jahrzehntelangem Leerstand sollte das Hotel Provençal ursprünglich im Sommer 2025 als Luxus-Residenz eröffnet werden.
Der britische Milliardär John Caudwell erwarb das Anwesen 2014 und hatte etwa 360 Mio. Euro investiert. Für das Design war das Pariser Architektur- und Innendesignbüro Affine Design verantwortlich (bekannt für Renovierungen des Hôtel de Crillon, Hôtel de Paris und Hôtel Shangri-La Paris)
Stand Januar 2026 ist das Projekt aber noch nicht abgeschlossen. Das Gebäude wird nun nicht mehr als Hotel betrieben, sondern als exklusive Wohnanlage Le Provençal mit 41 Luxusappartements. Die Bauarbeiten befinden sich in der Endphase, aber der genaue Eröffnungstermin ist derzeit noch offen.
Der Kaufpreis für ein Appartement beginnt bei 7 Mio. Euro. Stand Juli 2025 sind 30 % der Appartements bereist verkauft.
Was bedeutet “Côte d’Azur” und woher kommt der Name?
Der Begriff “Côte d’Azur” (Azurblaue Küste) wurde erstmals 1887 vom französischen Dichter Stéphen Liégeard geprägt. Er veröffentlichte ein Buch über die Küste mit dem Titel “La Côte d’Azur”, das diesem Küstenabschnitt seinen weltberühmten Namen gab.
Wer war Lutz Hachmeister?
Lutz Hachmeister, geboren 1959 in Minden/Westfalen, war Publizist, Filmemacher und Kommunikationsforscher. Der ehemalige Chef des Grimme-Instituts zählte zu den bekanntesten deutschen Dokumentarfilmern. Er hatte Produktionen wie “Das Goebbels-Experiment” (2005), “Ich, Reich-Ranicki” (2006) und “Auf der Suche nach Peter Hartz” (2011) realisiert, zuletzt hatte er “Günter Wallraff, Rollenspieler” (2022) produziert. In der Penguin Random House Verlagsgruppe waren von ihm u.a. die Sachbücher “Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik” (DVA, 2007) und “»Hannover. Ein deutsches Machtzentrum” (DVA, 2016) erschienen.
Lutz Hachmeister ist im 26. August 2024 im Alter von 64 Jahren verstorben.
Woher kommt unsere Sehnsucht nach der Côte d’Azur?
Eventuell liegt unsere Sehnsucht darin begründet, dass ein Hauch des Glanzes dieser Berühmtheiten auf uns abfärben möge. Uns erhöhen könnte, wenn wir uns an denselben Orten bewegen, gleichsam wortwörtlich in die Fußstapfen derer treten, die dort waren.
Wenn ihr also wissen wollt, wie dieser Mythos entstanden ist, dann solltet ihr dieses faszinierende Werk über das Hotel und die Riviera unbedingt lesen!
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Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.
Zuletzt aktualisiert im Januar 2026 von Siegbert Mattheis












