Hotel Provençal, wie entstand der Mythos der Côte d’Azur und der Französischen Riviera?

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Riviera, Côte d‘Azur, Nizza, Cannes, Monaco, Saint-Tropez oder Juan-les-Pins … allein der Klang dieser Namen ruft in uns eine Unmenge von Bildern und Assoziationen hervor, weckt Sehnsüchte und Träume. Nicht nur von Sonne, Strand und azurblauem Meer, sondern gleichermaßen vom Zauber von Glamour, Luxus, Leidenschaft, Reichtum, Exzentrik und Weltgewandtheit. Mondän, welterfahren, extravagant, im ursprünglichen Sinne des französischen Wortes mondain.

Mythos Riviera und das Hotel Provençal

Aber wie kam es überhaupt dazu, dass diese französische Riviera, die Côte d’Azur, ein in der Welt nahezu einzigartiges Mekka des Jet Set wurde? Wie entstand dieses Flair, das eng mit Künstlern, Schriftstellern, Schauspielern und anderen berühmten Persönlichkeiten zusammenhängt?

Buchcover Lutz Hachmeister Hotel Provencal mit gemalter Strandszene im Stil der 20er Jahre

Hotel Provençal in Juan-les-Pins

Das erfahren wir in Lutz Hachmeisters wunderbarem Buch „Hotel Provençal“ * mit dem Untertitel „Eine Geschichte der Côte d‘Azur“. Etwas bescheiden, denn es ist unserer Meinung nach das Standardwerk über die Entstehung des Mythos‘ der Riviera! Also vielmehr die Geschichte der Côte d‘Azur, so wie sie heute in unseren Köpfen verankert ist.

Für diese „Erfindung“ der Französischen Riviera steht das Hotel Provençal wie kein anderes. Das imposante Gebäude in Juan-les-Pins wurde vom amerikanischen Multimillionär Frank Jay Gould gebaut und 1927 eröffnet.

„Juan-les-Pins ist, vor allem im Sommer, einer der besten Rivieraorte …. Wenn Sie zufällig in Juan wohnen, tun Sie es nicht unter dem Provençal-Hotel, das, eine Burg des Reichtums, von erhöhter Stelle den Blick übers Meer beherrscht…“ schrieben schon Erika und Klaus Mann 1931 in ihrem „Buch von der Riviera“.

Hôtel Provençal

Die folgenden alten Aufnahmen zeigen das Hôtel Provençal in der aktiven Zeit, vermutlich in den 1930er oder 1940er Jahren (das genaue Datum ist leider nicht überliefert. Die Bilder wurden uns freundlicherweise vom Fonds Andrau – Archives municipales d’Antibes über Lucy Howard vom Office de tourisme d’Antibes Juan-les-Pins zur Verfügung gestellt).

Hotel mit Aufschrift Provençal in sw
Das Hôtel Provençal vom Strand aus gesehen, vermutlich in den 1930er Jahren © 23S18 - Fonds Andrau - Archives municipales d’Antibes
Luftaufnahme des Standortes nahe am Meer
Das imposante Gebäude des Hotels; links oben im Bild ist auch das 1931 eröffnete Hotel Juana zu erkennen, rechts unten das Hotel Belles Rives © 34Fi91 - Fonds Andrau - Archives municipales d’Antibes
Bogenförmiges Tor über Eingang in sw
© 23S18 - Fonds Andrau - Archives municipales d’Antibes
Großer mit Teppichen ausgelegter Saal mit Sesseln
Die Eingangshalle in den 1930er Jahren © 23S18 - Fonds Andrau - Archives municipales d’Antibes
Hotel Inneneinrichtung in sw
Opulentes 5-Sterne-Ambiente zur damaligen Zeit © 23S18 - Fonds Andrau - Archives municipales d’Antibes

Größte Hotelruine der Welt

50 Jahre nach der Eröffnung, 1977, wurde es von einem auf den anderen Tag geschlossen und ist heute die größte Hotelruine der Welt.

Lutz Hachmeister war „hooked“, wie er uns in einem Interview erzählte, als er 1989 das erste Mal vor diesem Bauwerk stand. Seiner Meinung nach sah es aus wie ein „im Wald gestrandeter Ozeandampfer“. Fortan ließ ihn dieses riesige weiße, leer stehende Gebäude in einem „undefinierbaren Architekturstil, einer Mischung aus Stahlbeton-Gigantismus und neoprovenzalischer Ornamentik“ nicht mehr los. Er befragte Einheimische, forschte in Archiven und interviewte Zeitzeugen.

Bereits im Jahr 2000 drehte er darüber einen Dokumentarfilm für das ZDF und arte. Darin ließ er zahlreiche Personen, die die Geschichte des Hotels und der Riviera miterlebt und teilweise auch mitgestaltet hatten, von der Zeit erzählen. Selbst der damalige Eigentümer, der Londoner Juwelier Alexandre Reza reiste extra aus Paris für ein Interview an.

teilweise eingerüstetes 8-stöckiges weißes Gebäude
Die größte Hotelruine der Welt: Nordseite des Hotel Provençal 2021 © Siegbert Mattheis

Über 20 Jahre Recherche

Aber damit war sein Hunger, die ganze Geschichte zu erfassen, nicht gestillt. Hachmeister stürzte sich leidenschaftlich in die Arbeit. Er durchforschte über 600 Bücher und recherchierte in unzähligen Archiven, wie er uns erzählte. Inzwischen war er über 100 Mal in Juan-les-Pins und Umgebung, um mehr über die Geschichte des Hotels Provençal zu erfahren und sie niederzuschreiben.

Seit 2021 liegt dieses umfassend recherchierte Buch nun vor. Der Autor lässt uns auf 230 Seiten in die Faszination der „Côte“ eintauchen. Akribisch zählt er nahezu alle Personen auf, die die Geschichte des Hotels und der Riviera geprägt hatten. Aber er nennt nicht nur die Namen, sondern erläutert auch die Hintergründe und Zusammenhänge. Dabei erzählt er auf kurzweilige und süffisante Art über amouröse Abenteuer, geheime Liebschaften, verborgene Machenschaften, glamouröse Aufstiege, dramatische Abstiege, brutale Morde und menschliche Abgründe der Protagonisten.

Und sie waren alle da: Zunächst kamen Schriftsteller wie Scott Fitzgerald, Hemingway oder Jean Cocteau, Musiklegenden wie Cole Porter oder Édith Piaf, Künstler wie Pablo Picasso oder Man Ray, Staatsoberhäupter wie Winston Churchill, mehrere gekrönte Häupter und natürlich nahezu die gesamte Riege der damals bekannten und berühmten Schauspieler:innen, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Lilian Harvey… später waren auch Miles Davis, die Stones, Duran Duran, Melody Gardot in Juan … es wäre kürzer, die Namen der Berühmtheiten der letzten 100 Jahre aufzulisten, die nicht dort waren.

Entdeckung der Sommersaison

Es ist nur schwer vorstellbar, dass es einen Sommerurlaub, wie wir ihn kennen, erst seit etwa 1920 gibt. Denn zuvor, gegen Ende des 18. Jh. waren es wohlhabende Engländer, Amerikaner und später Russen, die Nizza oder Hyères für die Wintersaison entdeckten. In der Belle Époque ab Mitte des 19. Jh. entstanden so zahlreiche luxuriöse Hotels und extravagante Villen für dieses reiche Klientel. Eins der imposantesten Hotelkomplexe ist das „Excelsior Régina“ in Nizza, das für Königin Victoria von England errichtet wurde. Mit dem Ersten Weltkrieg jedoch endete diese Blütezeit abrupt.

Imposantes Hotelgebäude aus der Belle Époque
Das 1896 erbaute Hotel Excelsior Régina in Nizza © Siegbert Mattheis

Pablo Picasso, so schreibt Hachmeister, war einer der Ersten, der in Juan-les-Pins im Sommer 1920 seinen gebräunten Körper halb nackt am Strand zur Schau stellte und damit den Sommerurlaub en vogue machte. Ihm taten es viele andere nach und so begann der Ruhm von des Ortes als Destination für Sonnenhungrige, knappe Bademode und ausschweifendes Nachtleben.

Das Provençal warb als eines der ersten Hotels damit, auch im Sommer geöffnet zu sein. Aber erst ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg übertraf die Anzahl der Sommergäste die der Winterurlauber.

Weißes Seil vor Meer
In Juan-les-Pins wurde der Sommerurlaub erfunden, hier wurde Wasserskisport 1931 populär © Siegbert Mattheis
gelb-grünes Schild aus Fliesen mit Aufschrift Richelieu Plage, Juana
Schild etwa aus den 1930er Jahren © Siegbert Mattheis
Unbekleidete Frau, Palme, davor gelber Ricard-Schriftzug
So propagierte Ricard den Mythos Riviera auf einem Plakat der 1960er Jahre © Foto: Siegbert Mattheis

Juan-les-Pins war the place to go, hier vibrierte die Luft, hierher kamen die lebenswütigen Jugendlichen, es war die Sommerhauptstadt an der Küste. Und das Jazzfest Jazz à Juan ab 1960, das im Gedenken an den in Antibes lebenden Jazzmusiker Sydney Bechet, ins Leben gerufen wurde, sorgte für weiteres Klientel, vor allem aus den USA.

Auf dem Blvd. Edouard Baudoin finden Sie übrigens den Jazz Walk of Fame mit den Handabdrücken der Größen des Jazz, die hier waren.

Handabdruck Pat Metheny mit Jahreszahl 99
Pat Metheny © Siegbert Mattheis
Handabdruck Al Jarreau
Al Jarreau © Siegbert Mattheis
Handabdruck Ravi Coltrane
Ravi Coltrane © Siegbert Mattheis
Handabdruck Carlos Santana
Carlos Santana © Siegbert Mattheis
Strand mit weißen Sonnenschirmen
Richelieu-Strand vor der Bühne des Jazzfestivals © Siegbert Mattheis
Rosfarbenes 5-stöckiges Gebäude
Hotel Juana, 1931 eröffnet, nur ein paar Schritte vom Hotel Provençal entfernt, heute quasi der Backstage-Bereich des Jazzfestivals © Siegbert Mattheis

Die Geschichte der Côte d’Azur

Aber Hachmeister spannt den Bogen zur Geschichte der Riviera weiter. Er erläutert, wie durch Filme mit Brigitte Bardot, Alain Delon oder Romy Schneider der verschlafene Fischerort Saint-Tropez zum neuen Jet Set-Hotspot wurde. Wie Aristoteles Onassis mit der Einfädelung der Hochzeit von Grace Kelly und Fürst Rainier das Finanzparadies Monaco in das Licht der Öffentlichkeit rückte. Warum Cannes durch die Filmfestspiele zu einem der begehrtesten Orte an der Riviera avancierte. Oder wie Hollywood die Französische Riviera als traumhafte Filmkulisse entdeckte. So erzählt er wie nebenbei die gesamte Geschichte der Côte d’Azur. Der Begriff selbst wurde übrigens erstmalig geprägt vom Dichter Stéphen Liégeard, der 1887 ein Buch über die Küste mit dem Titel „La Côte d’Azur“ veröffentlichte.

Grace Kelly 1955 am Strand im Film "Über den Dächern von Nizza" © Paramount
Grace Kelly 1955 am Strand im Film "Über den Dächern von Nizza" © Paramount

Hotel Provençal nach 1977 bis heute

Die letzten Kapitel des Buches beschäftigen sich mit der Hotelruine. Warum ist das Gebäude auch nach 45 Jahren Leerstand noch nicht wieder in Betrieb gegangen, als Hotel oder als Appartementhaus, in bester Lage mit einer denkmalgeschützten Fassade? Hachmeister recherchierte über die mehrfach wechselnden Investoren, berichtet über deren Renovierungsarbeiten und Pläne und den Widerstand von Umweltschützern, Journalisten und der Gemeinde Antibes-Juan-les-Pins. Und zeichnet damit auch ein etwas anderes Bild der Riviera. Ein Bild der Oligarchen, Emire und Industriellen, die mehr oder weniger engen Verbindungen zwischen den lokalen, meist rechtsgerichteten Eliten und der Unterwelt. Aber auch derer, die sich dafür einsetzen, die Französische Riviera zu einem ruhigeren Küstenstreifen mit nachhaltiger Siedlungsplanung, mehr Grünflächen, Radwegen und weniger Betonbauten umzugestalten.

Fassade mit neuen Balkonen
Details der Renovierung © Siegbert Mattheis
Weiße Fassade
Innen inzwischen komplett entkernt © Siegbert Mattheis

Wenn Sie also wissen wollen, wie dieser Mythos entstanden ist, dann sollten Sie dieses faszinierende Werk über das Hotel und die Riviera unbedingt lesen! Es ist kurzweilig und prall gefüllt mit amüsanten Anekdoten, erhellenden Zitaten aus Romanen und Schriftwechseln sowie hilfreichen Querverweisen.

Eventuell spüren Sie dabei außerdem, worin unsere Sehnsucht begründet liegt, dass ein Hauch des Glanzes dieser Berühmtheiten auf uns abfärben möge. Uns erhöhen könnte, wenn wir uns an denselben Orten bewegen, gleichsam wortwörtlich in die Fußstapfen derer treten, die dort waren.

Und wer weiß, vielleicht erleben Sie ja auch noch die glanzvolle Wiedereröffnung des Hotels. Bis dahin achten Sie auf die Schilder „Coming soon“

Über die aktuelle Entwicklung schrieb Nice Matin.

Siegbert Mattheis

Über den Autor:

Lutz Hachmeister, geboren 1959 in Minden/Westfalen, ist Publizist, Filmemacher und Kommunikationsforscher. Der ehemalige Chef des Grimme-Instituts zählt zu den bekanntesten deutschen Dokumentarfilmern. Er hat Produktionen wie »Das Goebbels-Experiment« (2005), »Ich, Reich-Ranicki« (2006) und »Auf der Suche nach Peter Hartz« (2011) realisiert, zuletzt produzierte er »Günter Wallraff, Rollenspieler« (2022). In der Penguin Random House Verlagsgruppe erschienen von ihm u.a. die Sachbücher »Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik« (DVA, 2007) und »Hannover. Ein deutsches Machtzentrum« (DVA, 2016).

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