Indiennes-Stoffe und die spannende Geschichte dahinter

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Mit Indiennes-Motiven bedruckte Baumwollstoffe erleben derzeit ein Comeback! Als Schals, Stoffe, Kleider, Taschen oder stylische Printhemden für Männer, vor allem im modebewussten Frankreich.

Dort hat die französische Luxusmarke Souleiado – deren Hemden auch schon Pablo Picasso trug – einen goßen Anteil an der Wiederbelebung der Indiennes. Dabei haben diese Motive und auch bedruckte Baumwolle eine lange Tradition mit einer spannenden Geschichte.

weiße Stofftasche mit blauem Muster
Tasche bei Souleiado © Siegbert Mattheis
Hemd mit schwarz-weißem Pflanzenmuster
Florale Indiennes-Motive © Claudia Mattheis
Picasso im blau-gelb gemusterten Hemd
Picasso im Souleiado-Hemd, Bild im Laden von Souleiado in Montpellier, Foto: Siegbert Mattheis

Was sind Indiennes?

Ab dem 16. Jahrhundert gelangten indische Stoffe mit ungewöhnlichen Motiven nach Europa. Es waren meist florale Motive oder rein dekorative wie das Paisley-Muster. Diese aufwändig bedruckten und farbenfrohen Stoffe wurden später als Indiennes bezeichnet und lösten einen regelrechten Hype aus. Denn in In Europa kleidete man sich zu der Zeit immer noch mit Leder, Schafswolle oder mit Leinen aus Flachs und anderen Pflanzen. Nur wer es sich leisten konnte, trug Seide. Baumwolle jedoch bot einen geringeren Pflegeaufwand und höheren Tragekomfort. Gleichzeitig beeindruckten die Leuchtkraft der Farben und die exotischen Motive, die damals in Europa so gut wie unbekannt waren.

Hemd mit schwarz-weißem Pflanzenmuster und Sonnensymbol
Indiennes-Hemd von Souleiado © Claudia Mattheis
Regal mit farbigen Hemden
Hemden-Kollektion mit Indiennes-Motiven von Souleiado © Siegbert Mattheis

Eine kurze Geschichte der Indiennes-Stoffe

Dabei wurde Baumwolle schon etwa 6.000 v. Chr. in Indien, vor allem im Indus-Tal (heute etwa dem Gebiet von Pakistan entsprechend) angebaut und für Kleidung verarbeitet. So war dort außerdem das Bemalen und Bedrucken von Baumwollstoffen bereits seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. weit entwickelt. Allerdings verlangte das sowohl hohe künstlerische Fertigkeiten als auch ein sehr spezialisiertes technisches Wissen im Umgang mit den verwendeten Farben. Aber auch in Mittel- und Südamerika wurde Baumwolle schon vor 5.000 Jahren für Kleidung genutzt.

Der griechische Historiker Herodot notierte im 5. Jh. v. Chr. über indische Baumwolle: „Es gibt wild wachsende Bäume, aus deren Frucht man eine Wolle gewinnen kann, die die Schönheit und Qualität der Schafwolle weit übertrifft. Die Inder machen aus dieser Baumwolle ihre Kleider“.

Der globale Handel ist viel älter, als wir oft denken

Nachdem Alexander der Große ab 334 v. Chr. Indien erreicht und die Stoffe von dort mitgebracht hatte, wurden sie ein begehrtes und luxuriöses Importgut aus dem Orient. Die Griechen und später die Römer schätzten die Baumwolle vor allem wegen ihrer Feinheit und Weiße. Rom importierte viele Waren aus Indien, vor allem Gewürze wie Pfeffer. Aber das war nicht billig, denn alles musste über die weiten Handelswege der später sog. Seidenstraße herangeschafft werden. Nach dem Zerfall des römischen Reiches etwa 400 n. Chr. schwächte sich der Handel ab. Und mit dem Aufkommen des Islam im 7. und 8. Jahrhundert waren diese Handelswege durch Muslime kontrolliert.

Gleichzeitig eroberten die Araber viele ehemalige römische Gebiete in Afrika, Sizilien und die iberische Halbinsel. Und dort bauten sie u. a. auch Baumwolle an. Bemerkenswerterweise stammt die heutige Bezeichnung cotton (engl.), coton (frz.), cotone (ital.) und das alte deutsche Wort Kattun vom spanisch-arabischen Dialektwort quṭún für Baumwolle ab.

Marco Polo bringt Baumwollstoffe nach Venedig

Durch die Reiseberichte von Marco Polo über die Reichtümer Asiens nach seiner Rückkehr nach Venedig 1295 und der exotischen Waren, die er mitbrachte, wuchs die Begierde nach diesen Produkten. Gewürze, Edelsteine, Porzellan, Seide und eben Baumwolle. Man staunte über die Stoffe in leuchtend-kräftigen Farben in türkischrot oder indigo, die in Indien von allen Bevölkerungsgruppen getragen wurden. So wurden die Güter aus Indien und China erneut heiß begehrt. Allerdings wurden sie durch die vielen Zwischenhändler und langen Wege teuer gehandelt, sodass sie nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten waren. Also suchte ganz Europa nach einem Seeweg nach Indien, um die begehrten Produkte direkt importieren zu können.

Der Seeweg nach Indien und der Beginn der „Containerschiffahrt“

Das schaffte erstmals der Portugiese Vasco da Gama im Mai 1498. Unter Umgehung der muslimischen Gebiete und der Zwischenhändler gelangte er über den östlichen Seeweg um Afrika herum nach Indien. 6 Jahre zuvor hatte Christoph Kolumbus mit demselben Ziel Amerika entdeckt. Die beiden damals mächtigsten Seefahrernationen Spanien und Portugal hatten sich bereits 1494 die Erde durch den Vertrag von Tordesillas horizontal aufgeteilt. Die Portugiesen erhielten den östlichen Teil mit der Route nach Indien. Von da an beherrschten sie zunächst allein den Handel mit dem asiatischen Raum.

Doch das lukrative Geschäft lockte auch andere europäische Seemächte wie England und die Niederlande an. In der Folgezeit lieferten sie sich blutige Gefechte um die Vorherrschaft im Seehandel. 1600 wurde in England die East India Company ins Leben gerufen, zwei Jahre später gründeten die Holländer die Niederländische Ostindien-Kompanie VOC und stiegen in den Handel ein. Immer mehr exotische Waren aus China und Indien erreichten das Mittelmeer. Asiatische Motive kamen überall in Mode.

Bedruckte Baumwollstoffe erreichen Marseille

Portugiesische Seefahrer brachten erstmals 1648 bedruckte Baumwollstoffe mit den lebhaften Farben aus Indien in den Hafen von Marseille. Der war damals einer der größten Umschlaghäfen für Europa. Die Stoffe fanden sofort reißenden Absatz und verbreiteten sich schnell überall. Denn sie waren nun günstiger als die in Frankreich produzierten Seidenstoffe, zudem einfacher zu pflegen und boten einen angenehmeren Tragekomfort. So wurden schon Ende des 17. Jh. in Madras (heute Chennai) und später in Bengalen stapelweise Stoffe für den europäischen Markt produziert, nach den Vorlieben der Konsumenten. Das könnte man beinahe als den Beginn der Fast Fashion bezeichnen.

Indiennes als Luxusgut

Im damals kulturell führenden Frankreich bekamen die indischen Stoffe (frz. toiles indiennes, ausgesprochen etwa toal adienns) ihren Namen. Dort fanden sie als Luxusgut auch dekorative Verwendung als Überzüge für Sitzmöbel, als Tapeten oder Baldachine.

So gründete Jean-Baptiste Colbert, der französische Finanzminister von Ludwig XIV., 1664 die „Compagnie des Indes Orientales“, um ebenfalls an die begehrten Waren zu kommen. Fünf Jahre später senkte er zudem die Steuern im Hafen von Marseille, was den Zugang zum Import erleichterte.

Die nunmehr so genannten Indiennes-Händler und Produzenten eröffneten daraufhin Werkstätten in Arles, Avignon und Nîmes. Diese verfügten über gute Exportbeziehungen nach Italien und Spanien. So wurden ihre Produkte durch die Messe von Beaucaire (damals als „Foire de la Madeleine“ die größte in ganz Europa) schnell in vielen Ländern verbreitet. Colbert holte zudem ausländische Fachkräfte ins Land, um die besten Erzeugnisse anderer Staaten in Frankreich herstellen zu können. Viele davon kamen aus Armenien, einem der seit Jahrhunderten führenden Nation in der Drucktechnik von Stoffen und Teppichen.

Außerdem ließ Colbert die Landstraßen zu festen Chausseen ausbauen. Mit detaillierten Katalogen mit Produktionsvorschriften wie z. B. auch für die Savon de Marseille, versuchte er außerdem die Qualität der in Frankreich erzeugten Waren zu steigern.

Verbot der Indiennes in Frankreich und England

Drei Jahre nach seinem Tod verbot jedoch Ludwig XIV. im Jahr 1686 wiederum diesen aufstrebenden Industriezweig der bedruckten Baumwollstoffe. Denn er gefährdete die anderen großen französischen Textilprodukte wie Leinen, Wolle und vor allem Seide aus Lyon. Er untersagte nicht nur die Herstellung und Vermarktung, sondern auch den Import von Indiennes im gesamten Königreich Frankreich. England ging einen ähnlichen Weg.

Marseille versuchte sich gegen dieses Gesetz zu wehren, aber 1689 wurden alle Druckstöcke in Marseille offiziell auf einem öffentlichen Platz zerstört. Viele Hersteller zogen daraufhin nach Avignon, der päpstlichen Stadt, in der das Verbot nicht galt. Andere flohen in die Schweiz und nach Deutschland.

Neubeginn der Indiennes-Produktion nach 1759

Das führte jedoch in den darauffolgenden Jahren dazu, dass Frankreich vom ansonsten in Europa boomenden Baumwollmarkt abgeschnitten war. Als erst über 70 Jahre später, 1759 das Verbot wieder aufgehoben wurde, gab es in Frankreich keine Fachkräfte im Baumwollmarkt mehr. So nutzte der aus der Nähe von Schwäbisch-Hall stammende Deutsche Christophe-Philippe Oberkampf die Gunst der Stunde. Er gründete sofort im selben Jahr in Jouy-en-Josas bei Versailles die größte und bedeutendste französische Fabrik für bedruckte Stoffe im Indiennes-Stil, die wir immer noch als Toile-de-Jouy kennen.

Aber auch in der Provence besann man sich auf die lange Tradition der Textilproduktion. So wurde die Entwicklung neuer Dekorationsmuster, vor allem provenzalischer Motive der Schlüssel zum Erfolg der renommiertesten Hersteller. Die Indiennes kamen wieder in Mode und wurden nun auch durch neue Druckverfahren für große Teile der Bevölkerung erschwinglich.

Die Entstehung der Blue Jeans

Nîmes war schon im 17. Jh. einer der führenden textilverarbeitenden Städte Frankreichs. Der „Serge de Nîmes“, das Tuch aus Nîmes wurde überallhin exportiert. So gelangte auch ein Ballen Baumwollstoff mit der Nummer 501 in die Hände von Levi Strauss, der geeigneten Stoff für die Goldgräber im Westen der USA suchte. Er nannte ihn denim („de Nîmes“, aus Nîmes). Mit der Nummer 501 war nun auch die Jeans geboren, denn Levi Strauss färbte sie mit dem Indigo-Blau aus Genua, dem „Bleu de Gênes“ (ausgesprochen etwa „Blö dschens“). Daraus wurde dann im Englischen „Blue Jeans“.

Mehr über die Geschichte der Jeans.

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Die Marke Souleiado

Die französische Luxusmarke Souleiado wurde 1802 in der Stadt Tarascon gegenüber von Beaucaire als Manufacture Jourdan gegründet. Sie ist heute die einzige, die noch Indiennes-Stoffe mit den alten provenzalischen Mustern herstellt.

Denn als im April 2009 Daniel und Stéphane Richard Direktoren von Souleiado wurden, durchforstete ihr Team die Archive von Zeichnungen, Klischees und Stoffen und stießen auf einen reichen Schatz von nahezu 50.000 „Indiennes“-Druckstempeln mit Mustern aus über 360 Jahren. Der Name Souleiado bedeutet im Provenzalischen Dialekt übrigens „Wenn die Sonne nach dem Regen wieder hervorscheint“.

Baumwolle als globales Handelsprodukt

Baumwolle gehörte übrigens bis weit ins 20. Jahrhundert zu den wichtigsten globalen Handelsgütern. Durch den Handel mit der Rohware und den bedruckten Tüchern und Stoffen gelangten viele Unternehmen in Europa und den USA zu enormem Reichtum. Die begehrten Produkte dienten im sog. Dreieckshandel als Tauschware gegen Sklaven, die nach Amerika und Brasilien verschleppt wurden. Die von ihnen dort produzierten Güter wurden wiederum mit hohen Gewinnen in Europa verkauft.

Siegbert Mattheis

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