Fuveau, ein verträumtes village perché in der Provence

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Fuveau ist ein beschauliches provenzalisches Bergdorf, ein sog. village perché in der Region zwischen Aubagne und Aix-en-Provence.

Jedes Mal, wenn wir von der Autobahn nach Aix-en-Provence (kurz nach dem Autobahnkreuz) Richtung Aubagne kommend, das Dorf auf der rechten Seite gesehen hatten, hatten wir uns vorgenommen, diese enge Ansammlung von rostroten Häusern mit einem markanten Kirchturm auf einer Bergkuppe, unbedingt einmal zu besuchen.

Bergdorf mit Kirche vor Bergmassiv
Ansicht von Fuveau mit der Montagne Sainte-Victoire © Wikimedia

Verträumtes provenzalisches Dorf

Diesmal waren uns die Urlaubermassen an der Küste im Juli etwas zu viel geworden. Wir sehnten uns nach einem verträumten alten Dorf in der Provence, von einem ruhigen, schattigen Platz unter Platanen, ohne hektisches Treiben und Touristen. Das mag etwas naiv klingen, da inzwischen wohl so gut wie jedes idyllisches provenzalisches Nest von Reiseführern empfohlen und im Sommer von Besuchern überschwemmt wird. Fuveau fanden wir jedoch in keinem davon und nicht einmal im Internet gab es viel darüber zu lesen, schon gar nicht auf Deutsch. Also fuhren wir an einem heißen Samstag los und wurden nicht enttäuscht.

Marktplatz mit französischen kleinen Flaggen
Der platanenbestandene Marktplatz Cours Victor Leydet in Fuveau © Siegbert Mattheis

Römischer Ursprung

Fuveau war schon in der Römerzeit besiedelt, allerdings finden sich davon nur noch wenige Spuren. Das erste Mal tauchte der Ort namentlich im Jahr 1080 in einer Urkunde auf. Das mittelalterliche Dorf liegt auf einem Felsvorsprung und schlängelt sich in gewundenen, schattigen engen Straßen rund um die zentrale Kirche Saint Michel.

2 große gemauerte Rundbögen
Alte Mauern ... © Siegbert Mattheis

Fuveau Sehenswürdigkeiten auf einem kleinen Spaziergang

Die freundliche Monique Chaine vom Tourismusbüro hatte uns einen kleinen Führer mitgegeben, auf dem die Sehenswürdigkeiten verzeichnet waren. Gut sichtbare Emaille-Plaketten, die an den Orten angebracht waren und im Dorfplan verzeichnet sind, erzählen ein wenig über die Geschichten dahinter.

Steinernes Tor mit Rundbogen
Die mittelalterliche Porte de Bassac © OT Fuveau
Mit Efeu bewachsenes Haus vor blauem Himmel
Idyllisch überwachsenes Haus in Fuveau © Siegbert Mattheis

Mittelalterliche Gassen

Unter anderem über die mittelalterlichen Relikte von Fuveau, die man noch an einigen Stellen erkennt. Z. B. an der Porte de Bassac, die in einem der meterdicken Wallmauern den südlichen Eingang des Dorfes darstellte und sich noch beinahe im Originalzustand befindet. Ein weiteres Tor finden Sie an der Rue Nationale mit einem fantastischen Durchblick auf die Montagne Sainte-Victoire. Etwas weiter oben bietet sich ein noch atemberaubenderer Blick auf das Bergmassiv, das Cézanne hundertfach gemalt hatte.
Beim Weiterschlendern entdeckten wir in den stillen Gassen in einer Ecke ein Aprikosenbaum, der aus einer Mauerecke wuchs, ein Stuhl stand zum Ausruhen bereit, Katzen strichen gemächlich herum, aus den Fenstern drangen leise französische Chansons, ansonsten herrschte eine angenehme Ruhe.

Toröffnung in meterdicker Mauer
Tor an der Traverse de la Paix © Siegbert Mattheis
3 Stufen zwischen Mauern
Verträumte Gassen in Fuveau © Siegbert Mattheis
Meterdicke Mauern und weiter Blick durch Rundbogen
Blick durch das West-Tor aus dem 14. Jh. in der Rue Nationale auf die Montagne Sainte-Victoire © Siegbert Mattheis
Blick auf den gebirgszug, im Vordergrund ein paar Häuser
Montagne Sainte-Victoire, oft gemaltes Motiv von Cézanne © Siegbert Mattheis
Vergitterte Öffnung in Holztor
Tür-Detail © Siegbert Mattheis
Weiße Aufschrift auf mintfarbener Holzfassadenverkleidung "Assurances Blanchard"
Alte Aufschriften © Siegbert Mattheis

Die Kirche Saint Michel

Die wurde 1854 im italienischen Barockstil fertiggestellt und ersetzte eine ältere, bescheidenere Kirche. Einen Teil des früheren Gebäudes wurde in die neue Kirche integriert. Man sieht das noch sehr gut an der ungewöhnlich schrägen Wand, an der sich Jesus am Kreuz nicht ganz mittig wie ansonsten üblich angebracht ist. Über dem Portal der Kirche prangt die lateinische Inschrift „Terribilis est locus iste…“ (dt. „Schrecklich ist der Ort…“), hm … Aber damit ist wohl nicht Fuveau explizit gemeint, sondern die irdische Welt im Ganzen, denn es geht weiter „Hic domus dei est et porta coeli“, (dt. „Hier ist das Haus Gottes und die Pforte zum Himmel“). Solche Inschriften finden sich auf sehr wenigen französischen Kirchen.

gelbe, barocke Kirchenfassade
Kirche St. Michel © Siegbert Mattheis
Portal mit Aufschrift, darüber eine Marienstatue
"Terribilis est locus iste. Hic domus dei est et porta coeli" © Siegbert Mattheis
Kircheninneres, hinten eine schräge Mauer mit Kreuz
Hinten sieht man noch den Teil der Ursprungskirche © Siegbert Mattheis

Denkmal für einen Lehrer

Gegenüber der Kirche steht das Denkmal des aus Belgien stammenden Charles Joseph Verminck, ein Lehrer, der 1824 hier die erste öffentliche Schule gegründet hatte. Sein ältester Sohn (er hatte 13 oder 14 Kinder) Charles Auguste, wurde später ein erfolgreicher Geschäftsmann und Reeder in Marseille. Er soll ein großzügiger Spender für die Gemeinde gewesen sein und stiftete 1906 auch das Denkmal für seinen Vater. Die Originalstatue wurde im Jahr 2005 gestohlen. Der Diebstahl wurde nie aufgeklärt, aber schon 2006 wurde eine neue Bronzestatue errichtet.

Bronzestatue Mann mit 2 Kindern
Das Denkmal des Lehrers Verminck © Siegbert Mattheis

Barthélemy Niollon

Einen weiteren, berühmteren Sohn hat der Ort in Barthélemy Niollon, einem Malerfreund von Paul Cézanne. Er wurde 1849 in Fuveau geboren und arbeitete in seiner frühen Jugend zunächst gemeinsam mit seinem Vater in der nahe gelegenen Kohlemine. Nach einem Unfall besuchte er eine Zeichenschule und gewann schon im Alter von 17 Jahren einen Preis. Er hätte damit ein Stipendium der Stadt Aix-en-Provence erhalten können, um seine Kunst in Paris zu vervollkommnen. Aber er zog es vor, in der Provence zu bleiben. 1874 heiratete er die Tochter eines Nougatfabrikanten und trat in das Unternehmen seines Schwiegervaters ein. Das Geschäft ließ ihm dennoch viel Zeit, weiter malen zu können. 1894 zog er sich aus dem Handel zurück und widmete sich ausschließlich der Malerei. 1882 stellte er auf dem Salon des artistes françaises aus. Gegen Ende seines Lebens war er Dekan der Kommission des Museums der Schönen Künste von Aix-en-Provence. Heute hängen 5 seiner Werke im Musée d’Orsay in Paris und etliche in Aix.

Schild mit Foto des Malers und Beschreibung
Geburtshaus des Malers Barthéleémy Niollon, einem Freund von Cézanne © Siegbert Mattheis

Kohlebergbau in der Provence

Das Dorf profitierte im 19. Jh. von der Kohleförderung in der Provence (ein relativ unbekanntes Thema) und so wuchs es auch außerhalb der mittelalterlichen Mauern. Es entstanden rechtwinklig angelegte Straßen und ein großer, platanenbestandener Marktplatz, umsäumt von neoklassizistischen Gebäuden in typisch provenzalischen Farben. Genau so einer, wie wir ihn uns vorgestellt hatten.

Runde kupferne Tafel mit Aufschrift
Überall in den Dörfern finden Sie solche Mahnhinweise an den Abwasserkanälen: "Hier beginnt das Meer, nichts hineinwerfen" © Siegbert Mattheis
Moosbewachsener Brunnen im Vordergrund, Menschen auf Plastikstühlen
Brunnen am Marktplatz © Siegbert Mattheis
Denkmal, eine Frau mit zum Himmel gestreckten Armen
Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs © Siegbert Mattheis

Das alte Waschhaus

Le vieux lavoir, ein altes Waschhaus am Ortsausgang, wurde 1873 gebaut. Es hat seinen Ursprung in dem notwendigen Abfluss des Wassers aus einem unterirdischen Stollen des Bergwerks. Da es warm war, machte es die Arbeit der Waschfrauen sehr viel angenehmer. Die letzte Wäscherin war noch bis 1968 mit ihrem „Wäschewagen“ unterwegs.

Rundbögen über Bach mit Holzpfählen
Das alte Waschhaus © Foto: Siegbert Mattheis
Eine Wäscherin im Waschhaus, alte sw-Aufnahme
Das alte Waschhaus in früheren Zeiten © OT Fuveau

Bergbaumuseum in Gréasque

In dem nur 7 MInuten entfernt liegenden Gréasque finden Sie ein Minenmuseum in der ehemaligen Kohlemine, die bis 1968 in Betrieb war. Das Museum war nicht ganz einfach zu finden, es gab kaum Ausschilderungen.

Der Schacht Hély d’Oissel ist das Herzstück des Bergbaumuseums. Kohle wurde hier von 1919 bis 1962 abgebaut, die Grube war in den 1950er-Jahren die produktivste in ganz Frankreich. Der Förderturm ist als historisches Industriebauwerk klassifiziert. Hier bekommen Sie einen Einblick in die Welt des Kohlebergbaues in der Provence: Arbeitsbedingungen der Bergmänner und ihrer Familien, Entwicklung der Lampen und Werkzeuge, Geologie, Gefahren und Sicherheit in den Stollen u.v.m. Wer etwas über die unbekannte Geschichte der Kohlenminen in der Provence erfahren möchte, ist hier genau richtig.

Musée de la Mine – 13850 Gréasque

Förderturm, im Vordergrund eine Art Traktor
Das Kohlebergwerk-Museum © Siegbert Mattheis

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Ausflüge in die Umgebung

Fuveau bietet sich wunderbar als Ausgangspunkt für Wanderungen und Radtouren in die umliegende Natur, zur Montagne Sainte-Victoire oder nach Aix oder Marseille an.

Gut gegessen haben wir im Restaurant und Pizzeria Chez Titi mit bürgerlicher, provenzalischer Küche. Hier hatte ich das erste Mal Andouilettes probiert, eine Wurstsorte aus Innereien, die Bestandteil der französischen Kochkultur ist. Etwas speziell, man muss sie wohl mögen …

Weitere Infos zu Fuveau und Ausflugstipps in die Umgebung gibt Ihnen gerne das Tourismusbüro von Fuveau.

Siegbert Mattheis

Wurst mit Pommes frites und Salat auf Teller
Andouillette © Siegbert Mattheis

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