Was ist männlich, was ist weiblich und was ist einfach menschlich?

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Männer in der Krise? Mansplaining, Hypermännlichkeit, toxische Männlichkeit, #MeToo wird aktuell überall diskutiert. Viele, vor allem verunsicherte junge Männer suchen in einer sich verändernden Welt nach festen Regeln, nach Vorbildern, nach einem Bild von Männlichkeit.

Da bieten der altbekannte Machismo oder das antifeministische, frauenhassende Netzwerk Manosphere in Social Media scheinbar klare Rollenbilder. Dabei berufen sie sich auf die Geschichte oder auf Studien, die Männern mit ihrem größeren Gehirn auch eine größere Intelligenz bezeugen soll und stellen damit ihre Vorherrschaft und Dominanz über Frauen als gottgegeben oder zumindest naturgegeben hin.

Manche jammern in der im März 2026 erschienenen, vielbeachteten Netflix-Doku Inside the Manosphere darüber, dass Frauen von Geburt an ein Wert gegeben wurde (in Form von „Muschi und Titten“!), Männer hingegen müssten sich ihren Wert immer erst erkämpfen.

Was ist da wirklich dran? Ist Mann nur „männlich“, wenn er aggressiv, muskelbepackt, und dominant ist? Und wollen Frauen wirklich unterworfen werden und lieben im Grunde solche „Arschlöcher“, wie einige dieser Männer behaupten?

Ein muskulöser Mann mit Tattoos verschränkt die Arme, trägt ein schwarzes Tanktop und eine silberne Kreuzkette und blickt selbstbewusst in die Kamera.
So ...
Ein lächelnder Mann mit dunklem Haar und Bart, der einen grünen Pullover trägt und in einem Raum mit sanfter Beleuchtung sitzt.
... oder so?

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Dumme Frage. Natürlich gibt es sie.

Wenn es im Weiteren um das Bild von Männern und Frauen geht, ist lediglich der Unterschied zwischen Zeugungs- und Gebärfähigkeit gemeint sowie die Vorstellung davon, was wir als „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ gelernt haben zu sehen.

Die sexuelle Orientierung ist ein anderes, aber nicht minder wichtiges Thema, das mittelbar damit zu tun hat.

Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob Männer und Frauen verschieden sind.

Sie lautet:

Worin bestehen diese Unterschiede tatsächlich, welche Bedeutung geben wir ihnen und welche gesellschaftlichen Schlussfolgerungen dürfen wir daraus ziehen?

Männer sind im Durchschnitt größer und körperlich stärker als Frauen. Sie besitzen durchschnittlich mehr Muskelmasse, haben eine andere Fettverteilung und oft auch eine tiefere und lautere Stimme.

Frauen können schwanger werden, Kinder gebären und stillen. Sie erleben Menstruationszyklen, Schwangerschaften, Geburten und die Menopause.

Das sind reale körperliche Unterschiede. Und die können erheblichen Einfluss auf das Leben eines Menschen haben.

Aber folgt daraus, dass Männer vernünftiger, durchsetzungsfähiger oder führungsstärker sind? Oder etwa intelligenter?

Sind Frauen deshalb automatisch fürsorglicher, emotionaler oder besser für die Erziehung von Kindern geeignet?

Oder etwa weniger intelligent? Weniger freiheitsliebend? Weniger selbstständig?

Nein.

Aus körperlichen Unterschieden allein ergibt sich keine geistige oder moralische Rangordnung. Aus größerer Muskelkraft folgt keine größere Urteilskraft. Aus der Fähigkeit, ein Kind zu gebären, folgt keine natürliche Zuständigkeit für Haushalt, Erziehung und Pflege. Und aus einem höheren durchschnittlichen Testosteronspiegel folgt weder ein Recht zur Dominanz noch eine Legitimation, über andere Menschen zu bestimmen.

Biologische Unterschiede allein bilden kein vollständiges Persönlichkeitsprofil

  • Denn zunächst sind wir alle und zuallererst Menschen. Mit allem, was uns ausmacht. Mit allen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen und Möglichkeiten. Als menschliches Wesen esse und trinke, lache und weine ich, erlebe alle möglichen Gefühle von Wut, Ärger, Hass, Demut, Angst, Liebe, Verletztheit, Zuneigung, Eifersucht, Freude, Kummer, Leid, Hoffnung, Sehnsucht, Zufriedenheit und Glück. Wie jedes andere menschliche Wesen. Egal, wo ich aufgewachsen bin, wie ich aussehe, welche Hautfarbe, welche Weltanschauung oder Glauben ich habe.
  • Erst an zweiter Stelle sind wir geschlechtlich. Mit von Geburt an gegebenen Merkmalen und mit unserer eigenen sexuellen Orientierung. Ich kann Kinder gebären oder nur ein Teil der Zeugung sein.
  • Und schlussendlich sind wir alle Individuen. Mit unseren spezifischen Genen, mit all unseren persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Erfahrungen. Und dem, was wir daraus machen.

An den beiden oberen Punkten kann ich nichts verändern, (ggf. eine Geschlechtsumwandlung oder Hormonbehandlung). An der Zusammensetzung meiner Gene ebenfalls nichts. Auch an den Erfahrungen, die ich mache, kann ich nicht viel ändern.

Aber wie ich damit umgehe, das kann ich selbst bestimmen. Und ich kann meine Verhaltensweisen und Denkweisen sehr wohl ändern.

Unterscheiden sich die Gehirne von Männern und Frauen?

Es gibt statistisch messbare Unterschiede zwischen den Körpern und teilweise auch zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen. (Max-Planck-Institut)

Solche Befunde werden jedoch regelmäßig stärker interessengeleitet interpretiert, als es die Daten erlauben.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung fand beispielsweise reproduzierbare durchschnittliche Unterschiede bei Hirnvolumen, Aktivierungsmustern und bestimmten Verhaltensmaßen. Gleichzeitig zeigte sie, dass diese Unterschiede kein einheitliches männliches oder weibliches Gesamtprofil ergeben. Wer in einem Bereich ein eher geschlechtstypisches Merkmal aufwies, musste in einem anderen Bereich keineswegs ebenfalls diesem Muster entsprechen. Auch die Zusammenhänge zwischen Hirnaktivität und Verhalten waren bei Männern und Frauen weitgehend ähnlich. (National Academy of Sciences USA)

Ein Mann kann kleiner und körperlich schwächer sein als viele Frauen. Eine Frau kann risikofreudiger, entschlossener oder durchsetzungsfähiger sein als viele Männer. Ein Mann kann einfühlsam sein und eine Frau analytisch. Ein Mensch kann zugleich mutig und verletzlich, rational und emotional, fürsorglich und ehrgeizig sein.

Das sind keine seltenen Ausnahmen, denn die Eigenschaften und Fähigkeiten von Männern und Frauen überschneiden sich in weiten Bereichen.

Biologische Unterschiede existieren also. Aber sie bilden kein geschlossenes Persönlichkeitsprogramm namens Männlichkeit oder Weiblichkeit.

Was wir als männlich oder weiblich empfinden, besteht immer aus mehreren Schichten: aus Körper, Hormonen, individuellen Anlagen, persönlichen Erfahrungen, Erziehung, gesellschaftlichen Erwartungen und kulturellen Deutungen.

Männlichkeit und Weiblichkeit sind daher nicht frei erfunden. Sie sind aber auch keine unveränderlichen Naturgesetze. Sie sind kulturell verdichtete Vorstellungen davon, wie ein Mann oder eine Frau angeblich sein sollte.

Wie aus einem körperlichen Unterschied gesellschaftliche Macht wurde

Dieser eine Unterschied, die durchschnittlich größere körperliche Stärke von Männern prägte die Geschichte jedoch in erheblichem Maße.

In Gesellschaften ohne verlässliches Gewaltmonopol, ohne wirksamen Rechtsschutz und ohne unabhängige wirtschaftliche Absicherung bedeutete körperliche Überlegenheit unmittelbare Macht. Wer stärker war, konnte andere einschüchtern, festhalten, vertreiben, verletzen oder töten. Oft genügte bereits die glaubhafte Androhung von Gewalt.

Hinzu kam, dass Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit Frauen zeitweise körperlich besonders beanspruchten und ihre Bewegungsfreiheit einschränken konnten. Ohne Verhütung, medizinische Versorgung und soziale Sicherung waren Frauen zudem häufig über viele Jahre mit Schwangerschaften und der Versorgung kleiner Kinder beschäftigt.

Aber Muskelkraft allein erklärt die jahrtausendelange Unterordnung von Frauen nicht vollständig. Körperliche Macht wurde in militärische, wirtschaftliche und institutionelle Macht übersetzt. Männer kontrollierten überwiegend Eigentum, Waffen, politische Ämter, religiöse Institutionen, Bildung und Rechtsprechung.

Aus einem ursprünglichen Machtvorteil entstand ein System.

Männer bestimmten nicht deshalb über Frauen, weil sie erwiesenermaßen intelligenter, vernünftiger oder moralisch besser geeignet waren. Sie bestimmten über Frauen, weil die wesentlichen Machtmittel überwiegend in ihren Händen lagen und weil sie diese Ordnung durch Gesetze, Traditionen, Besitzverhältnisse und religiöse Deutungen absichern konnten.

Zugespitzt könnte man sagen:

Nicht weil Männer besser, intelligenter oder kreativer waren, sondern einfach nur, weil sie es konnten.

Denn weil körperliche, militärische, wirtschaftliche und institutionelle Macht überwiegend in männlicher Hand lag, konnten Männer ihre Interessen leichter durchsetzen und diese Ordnung über Generationen bewahren.

Wir Männer haben Frauen einfach nicht erlaubt, Ähnliches zu erreichen. Und Frauen haben sich fügen müssen, weil wir keine anderen Möglichkeiten zugelassen haben.

Wie Macht zur vermeintlich natürlichen Ordnung erklärt wurde

Eine ungerechte Ordnung kann auf Dauer kaum allein mit Gewalt bestehen. Sie benötigt eine Geschichte, die sie rechtfertigt.

Deshalb wurde aus der bestehenden männlichen Vorherrschaft eine angeblich natürliche, vernünftige oder sogar gottgewollte Hierarchie.

Philosophen wie Aristoteles entwickelten Theorien, nach denen Männer das Vernünftige und Formgebende verkörperten, Frauen dagegen das Körperliche, Passive oder Unvollständige. Religiöse Überlieferungen wurden über Jahrhunderte überwiegend von Männern aufgezeichnet, interpretiert und institutionell verwaltet. Gesetze regelten Eigentum, Ehe, Sexualität und Erbschaft aus einer rein von Männern geprägten Perspektive und Interessen.

Die konkrete Ausgestaltung unterschied sich von Kultur zu Kultur und von Religion zu Religion. Es wäre deshalb zu einfach, pauschal „die Religion“ für die Unterordnung der Frau verantwortlich zu machen. Innerhalb des Christentums, des Islams, des Judentums, des Buddhismus und anderer Traditionen gab und gibt es sehr unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Vorstellungen vom Verhältnis der Geschlechter.

Unbestreitbar ist jedoch: Religiöse und weltliche Institutionen wurden lange überwiegend von Männern kontrolliert. Entsprechend spiegeln viele ihrer Regeln auch männlich dominierte Gesellschaftsordnungen wider.

Aus Macht wurde Deutungshoheit. Aus Deutungshoheit wurde Moral.

Frauen galten als tugendhaft, wenn sie gehorsam, sexuell zurückhaltend, fürsorglich und bescheiden waren. Männer galten als erfolgreich, wenn sie führten, versorgten, kämpften und sich durchsetzten.

Eine Frau, die diese Ordnung verließ, konnte als unweiblich, schamlos oder gefährlich gelten. Ein Mann, der nicht in das vorgesehene Bild passte, wurde als schwach, verweiblicht oder untauglich abgewertet.

Die Rollen wurden dadurch nicht nur beschrieben. Sie wurden erzwungen.

Woher stammt das Bild vom “heldenhaften” Mann?

Vom Mann, der seine Muskeln stählt, der „hart“ ist und keine Schwäche kennt, der seine Gefühle „im Griff hat“, der mutig ist und kein Opfer scheut? Der tut, „was getan werden muss“, ohne nachzudenken?

Es wurde von der herrschenden Klasse aufgebaut, die selbst äußerst selten Anhänger oder Träger dieser Eigenschaften waren. Aber um ihre Privilegien zu behalten, neue Reichtümer anzuhäufen, indem sie andere Länder angriffen, brauchten sie williges Schlachtvieh.

Kräftige Männer, die in „Mann-gegen-Mann“-Schlachten den anderen überlegen waren, die ihre Kameraden neben sich zerfetzt sahen, ohne Gefühle zu zeigen, der oft sinnlose, mutige Aktionen beging und dabei nicht selten den eigenen Tod fanden.

Die Herrschenden brauchten Männer, die als Befehlshaber andere Männer dominierten, damit diese nicht selbst nachdachten und oft völlig sinnlose Opfer brachten. Frauen waren als Krankenschwestern dazu auserwählt, diese Männer wieder „zusammenzuflicken“.

In vielen Köpfen spukt noch das Bild, das Hitler 1935 von Männern forderte, sie müssten „schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“.

Heute inszeniert Putin (mit einem geschätzten Vermögen von 40 Milliarden Dollar der reichste Russe) Männlichkeit als politische Kernkompetenz, verbunden mit Härte, Stärke und der Ablehnung “verweichlichter” westlicher Gesellschaften.

“Ein Mann muss kämpfen, schützen und Verantwortung tragen, anstatt Schwäche zu zeigen. Der wahre Mann bewährt sich in der Krise und im heroischen Einsatz für das Vaterland.”

Das perfekte Werkzeug, um Kriege zu führen.

Woher kommt der Mythos vom „Alphatier“?

Der Begriff des dominanten Alpha-Männchens stammt ursprünglich aus veralteten Verhaltensbeobachtungen an eingesperrten, willkürlich zusammengewürfelten Wölfen aus den 1940er-Jahren. Obwohl die Verhaltensforschung (wie von L. David Mech) längst bewiesen hat, dass freilebende Rudel reine Familienverbände ohne permanente Dominanzkämpfe sind, hält sich das Klischee in der Gesellschaft.

Brauchen wir den Alpha-Mann? (arte Doku)

Woher stammt das Bild vom „archaischen“ Jäger?

Hier wird gerne das Bild von den mutigen Männern in der Steinzeit heraufbeschwört, die riesige Mammuts erlegten, während die Frauen ausschließlich sammelten und Kinder betreuten. Aber auch da sprechen neueste archäologische Funde dagegen. Frauen waren in vielen untersuchten Nahrungssuchergesellschaften durchaus auch an der Jagd beteiligt.

Und Grillen auf dem offenen Feuer hat für uns Männer ja auch etwas Archaisches, Wildes, Naturverbundenes. Obwohl ja die Frauen eigentlich für das Hüten des Feuers in der Höhle zuständig waren …

Was hat sich verändert?

Erst in den letzten, nicht einmal 60 Jahren hat sich einiges verändert. In Deutschland wurde zwar 1918 das allgemeine Frauenwahlrecht erstritten.

Bis 1958 durften Frauen in Westdeutschland allerdings nur mit Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten. Und erst seit 1962 dürfen sie ein eigenes Konto führen. Da waren etruskische Frauen vor 2.500 Jahren zum Teil schon besser gestellt.

In der DDR gab es solche Einschränkungen nicht.

In der Schweiz wurde das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt.

In den 1970er Jahren begannen sich Frauen erstmals gegen die jahrtausendealte Benachteiligung zu wehren. Gegen öffentliches, ungestraftes Begrapschen, gegen die automatische Zuweisung als „Heimchen am Herd“ und gegen das Verbot der Abtreibung eines ungewollten Fötus’ in ihrem eigenen Körper.

Der Paragraph 218 war zwar nicht der historische Ursprung des Feminismus, aber er war der zentrale Auslöser für die “zweite Welle” der Frauenbewegung ab 1971 in Westdeutschland.

Selbst heute dürfen Frauen immer noch nicht vollständig über ihren eigenen Körper bei einer Schwangerschaft entscheiden.

Die besondere körperliche Erfahrung von Frauen

Viele Männer wissen theoretisch, dass Frauen menstruieren, schwanger werden und Kinder gebären können. Doch wir denken häufig erstaunlich wenig darüber nach, was diese Prozesse im wirklichen Leben bedeuten.

Die Menstruation ist einer der natürlichsten körperlichen Vorgänge überhaupt.

Sie begleitet alle Frauen über Jahrzehnte. Sie kann mit Schmerzen, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen, Stimmungsschwankungen oder anderen Beschwerden verbunden sein. Manche Frauen sind kaum beeinträchtigt. Andere jedoch leiden erheblich.

Trotzdem wurde die Menstruation in vielen Kulturen als unrein, beschämend oder ekelerregend behandelt. Ein vollkommen natürlicher Vorgang, den Frauen nicht willentlich steuern können, wurde gegen sie verwendet.

Stellt euch als Männer einmal vor, unser Penis würde über Jahrzehnte etwa alle 4 Wochen bluten. Wir müssten diesen Vorgang im Alltag organisieren und möglichst unsichtbar halten. Wir müssten dafür sorgen, dass niemand etwas bemerkt, weil Blutspuren peinliche Kommentare oder Beschämung auslösen könnten. Gleichzeitig wüssten viele Menschen kaum, was dabei mit uns und in unserem Körper geschieht.

Der Vergleich kann die Erfahrung einer Frau nicht vollständig vermitteln. Aber er kann uns bewusst machen, wie selbstverständlich wir körperliche Belastungen übersehen, die wir selbst nicht erleben.

Ähnliches gilt für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Eine Geburt kann eine intensive körperliche und psychische Grenzerfahrung sein. Sie kann den Körper dauerhaft verändern und ist trotz moderner Medizin nicht völlig frei von Risiken.

Diese Belastungen begründen keine Schwäche. Sie begründen auch keine moralische Überlegenheit oder Unterlegenheit. Sie verdienen zunächst schlicht Aufmerksamkeit, medizinische Ernsthaftigkeit und gesellschaftliche Rücksicht.

Durch diesen natürlichen Unterschied werden Frauen auch finanziell viel stärker belastet.

Tampons z. B. unterliegen erst seit 2020 nicht mehr der Luxussteuer. Frauen zahlen teilweise mehr als den doppelten Preis für Kosmetika als Männer. Bei identischen Inhaltsstoffen.

Körperliche Stärke ist keine moralische Leistung

Ich bin größer und kräftiger als die meisten Frauen und auch kräftiger als viele Männer. Dafür habe ich wenig geleistet. Ich hatte schlicht Glück mit meinen körperlichen Voraussetzungen.

Meine Stimme ist tief und kann laut werden. Ich kann damit einen Raum füllen. Ich kann andere Menschen körperlich schützen. Ich könnte meine Kraft aber auch einsetzen, um jemanden einzuschüchtern oder an seiner freien Bewegung zu hindern.

Darin liegt ein entscheidender Unterschied:

Dass ich etwas kann, bedeutet nicht, dass ich es darf.

Körperliche Stärke ist zunächst nur eine Fähigkeit. Ihren moralischen Wert erhält sie erst durch die Art, wie ich mit ihr umgehe.

Ich kann meine Kraft einsetzen, um einen Menschen gegen seinen Willen festzuhalten. Ich kann sie aber auch einsetzen, um ihn zu schützen. Ich kann meine Stimme benutzen, um andere zu übertönen. Ich kann mit ihr aber ebenso für jemanden eintreten, der selbst kein Gehör findet.

Männliche Stärke ist nicht das Problem. Das Problem beginnt dort, wo Stärke mit einem Anspruch auf Herrschaft verwechselt wird.

Der Moment, in dem mir meine eigene Macht bewusst wurde

Als ich 22 Jahre alt war, hielt ich während eines Streits meine Freundin am Arm fest, als sie gehen wollte.

Ich habe sie nicht geschlagen. Ich habe sie nicht vergewaltigt. Trotzdem überschritt ich in diesem Moment eine Grenze. Ich verhinderte mit meiner körperlichen Kraft, dass sie sich frei bewegen konnte.

Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich das nur tun konnte, weil ich stärker war.

Hätte sie versucht, mich in derselben Weise festzuhalten, hätte ich mich vermutlich ohne große Mühe entziehen können. Ich hatte meinen Willen also nicht durchgesetzt, weil ich im Recht war oder weil meine Argumente überzeugender gewesen wären. Ich hatte einfach meine körperliche Überlegenheit benutzt.

Diese Erkenntnis war unangenehm. Aber ungeheuer wichtig für mich.

Wir sprechen oft über Gewalt, als beginne sie erst mit einem Faustschlag. Tatsächlich beginnt sie früher. Sie beginnt dort, wo ein Mensch seine Macht einsetzt, um die Freiheit eines anderen zu beschneiden.

Sie beginnt bei der Drohung, bei der Einschüchterung, beim Blockieren eines Ausgangs, beim Festhalten, beim Zerstören von Gegenständen oder bei der unausgesprochenen Botschaft: Ich könnte dir etwas antun.

Ich musste lernen, zwischen Durchsetzungsfähigkeit und Einschüchterung zu unterscheiden.

Durchsetzungsfähigkeit bedeutet nicht, andere durch Lautstärke, Angst oder körperliche Überlegenheit gefügig zu machen. Sie bedeutet, die eigene Position klar zu vertreten, Konflikte auszuhalten, Grenzen zu setzen und mit Argumenten zu überzeugen.

Ja, das ist anstrengender. Es ist aber nachhaltiger und respektiert die Freiheit des anderen.

Was es bedeutet, körperlich verletzlich zu sein

Eine weitere Erkenntnis kam mir, als ich mich mit einem homosexuellen Mann traf, der mich offenbar attraktiv fand. Er war größer und kräftiger als ich und lud mich zu sich nach Hause ein.

Plötzlich stellte sich mir eine Frage, die ich mir in Begegnungen mit Frauen bis dahin nie gestellt hatte:

Was geschieht, wenn ich in eine Situation gerate, die ich körperlich nicht mehr beherrschen kann?

Ich weiß nicht, ob dieser Mann meine Grenzen jemals missachtet hätte. Es gibt keinen Grund, ihm das zu unterstellen. Entscheidend war allein, dass ich mich erstmals in einer körperlichen Konstellation wahrnahm, in der ich möglicherweise nicht der Stärkere gewesen wäre.

Zum ersten Mal konnte ich zumindest ansatzweise nachvollziehen, was es bedeutet, die körperliche Kontrolle über eine Situation vielleicht nicht behalten zu können.

Sicherheit ist für mich als Mann häufig ein selbstverständlicher Ausgangszustand. Für viele Frauen ist sie etwas, das sie ständig prüfen und organisieren müssen.

Diese einzelne Erfahrung bildet nicht ab, was viele Frauen seit ihrer Jugend im Alltag erleben. Frauen müssen sehr früh lernen, Situationen nach möglichen Gefahren zu beurteilen:

Wer läuft hinter mir? Wer begleitet mich nach Hause? Kann ich mein Getränk unbeaufsichtigt lassen? Wie reagiere ich, wenn ein Mann ein Nein nicht akzeptiert? Ist er beleidigt, hartnäckig oder wird er gewalttätig?

Weltweit erlebt laut Angaben der WHO etwa jede dritte Frau in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt.

Und fast die Hälfte aller Frauen erfährt im Leben Formen psychischer Gewalt wie Drohungen, Stalking oder Psychoterror.

Begehren ist kein Anspruch

Wir Männer erleben sexuelles Begehren. Wir können eine Frau schön, begehrenswert oder erregend finden. Das ist weder verwerflich noch ungewöhnlich.

Aber Begehren erzeugt kein Recht.

Aus meinem Verlangen folgt keine Verpflichtung der anderen Person. Aus ihrer Kleidung folgt keine Einladung. Aus einem Flirt folgt keine Zustimmung zu Sex. Aus einer früheren Zustimmung folgt keine Zustimmung für später. Und auch innerhalb einer Beziehung bleibt jeder Körper Eigentum der Person, zu der er gehört.

Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Bob Marley

Problematisch wird Sexualität dort, wo Männer ihr eigenes Begehren als naturgegebenen Anspruch verstehen.

Dann entstehen Vorstellungen wie (und das sagen und meinen viele Männer auch heute noch):

  • Sie hat mich provoziert.
  • Sie wollte es eigentlich auch.
  • Sie hat sich bewusst so angezogen.
  • Sie hätte nicht allein unterwegs sein sollen.
  • Sie hätte deutlicher Nein sagen müssen

All diese Sätze verschieben die Verantwortung von demjenigen, der eine Grenze überschreitet, auf den Menschen, dessen Grenze verletzt wurde.

Eine Frau ist nicht verantwortlich für die Gedanken oder Handlungen eines Mannes, nur weil sie seinen Blick auf sich zieht. Der nackte oder auffällig gekleidete Körper einer Frau ist keine Aufforderung. Das moralische Problem liegt nicht in ihrem Körper, sondern im Verhalten desjenigen, der daraus einen Anspruch ableitet.

Selbstbeherrschung bedeutet nicht, keine starken, widersprüchlichen oder auch dunklen Impulse zu kennen. Sie bedeutet, diese Impulse wahrzunehmen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Gedanken sind keine Taten. Fantasien sind keine Erlaubnis. Ein erwachsener Mensch zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Spiel und Ernst, Vorstellung und Zustimmung unterscheiden kann.

Das traditionelle Männerbild schädigt nicht nur Frauen

Die patriarchale Ordnung verschaffte Männern gegenüber Frauen erhebliche Vorteile. Sie gewährte ihnen größere wirtschaftliche Freiheit, mehr politische Macht, stärkere rechtliche Stellung und häufig die Autorität innerhalb der Familie.

Aber sie behandelte keineswegs alle Männer gut oder gleich.

Männer mussten sich ihren Platz in der männlichen Hierarchie verdienen. Sie sollten stark, mutig, leistungsfähig, sexuell erfolgreich und unabhängig sein. Sie sollten ihre Familie versorgen, sich gegen andere Männer behaupten und Schmerzen aushalten.

Angst, Hilflosigkeit und Trauer galten als Schwäche.

So entstand ein stilles Versprechen:

Du darfst über anderen stehen, solange du selbst keine Schwäche zeigst.

Männer wurden als Soldaten gebraucht, als Arbeiter, Ernährer, Eroberer und Konkurrenten. Sie sollten für ihre Familie, ihren Herrscher, ihr Land, ihre Religion oder ihren Betrieb Risiken eingehen und Opfer bringen.

Das bedeutet nicht, dass Männer im Patriarchat ebenso benachteiligt waren wie Frauen. Es bedeutet, dass männliche Privilegien einen Preis hatten.

Das traditionelle System erlaubte Männern eher, Macht über andere auszuüben. Es erschwerte ihnen aber gleichzeitig, eigene Verletzlichkeit anzuerkennen, Hilfe zu suchen und Beziehungen jenseits von Leistung und Status zu gestalten.

Aktuelle Forschung zur Männergesundheit beschreibt genau diesen Zusammenhang. Restriktive Männlichkeitsnormen können Männer davon abhalten, gesundheitliche und psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie können riskantes Verhalten fördern und die Vorstellung verstärken, ein Mann müsse Probleme allein lösen.

Ein 2025 veröffentlichter Rahmen für Männergesundheit fordert deshalb nicht eine Rückkehr zu alten Rollen, sondern vielfältigere Formen von Männlichkeit, in denen Hilfesuche, Fürsorge und Verletzlichkeit nicht als Versagen gelten. (The Lancet⁠)

Männer und die Angst vor Hilflosigkeit

Hilflosigkeit ist für viele Männer besonders schwer zu ertragen.

Wenn jemand von einem Problem erzählt, beginnen wir oft sofort, nach einer Lösung zu suchen. Das kann hilfreich sein. Es kann aber auch ein Versuch sein, das unangenehme Gefühl auszuschalten, dass wir etwas vielleicht nicht kontrollieren oder reparieren können.

Manchmal benötigt ein anderer Mensch keine sofortige Lösung. Manchmal braucht er jemanden, der zuhört, die Situation aushält und sagt: Ich sehe, dass du leidest. Ich fühle mit dir und bin bei dir.

Das klingt einfach. Für Menschen, die ihren Wert vor allem aus Handlungsfähigkeit beziehen, kann es äußerst schwer sein.

Auch Weinen stellt dieses Selbstbild infrage. Ein weinender Mann zeigt, dass etwas seine Schutzschicht durchdrungen hat. Er ist sichtbar berührt, traurig, überwältigt oder machtlos

Doch weshalb sollte das unmännlich sein?

Ein Mann im Anzug weint inmitten einer Menschenmenge mit ernsten Mienen auf einer Straße in der Stadt.
Dieses berühmte Foto eines weinenden Mannes September 1940 in Marseille ging um die Welt. Es zeigt Jérôme Barzotti, der mit vielen anderen verzweifelten Menschen an der Parade der Flaggen aufgelösten französischen Regimenter beiwohnt, die aus der freien Zone nach Algerien verbracht werden. Es wurde zum Symbolbild für den Schmerz der Franzosen © Marcel de Renzis, Wikipedia

Männer sind genauso verletzlich wie Frauen. Wir können geliebte Menschen verlieren, scheitern, krank werden, verlassen werden oder Angst haben. Wir können trauern und verzweifeln.

Das ist keine Schwäche.

Das ist auch nicht „unmännlich“. Es ist ein Teil unseres Menschsein.

Das Ideal der männlichen Unverletzlichkeit ist nicht nur unrealistisch. Es ist gefährlich. Wer seine eigene Angst und Verletzlichkeit nicht ertragen kann, verwandelt sie möglicherweise in Wut, Abwertung oder Aggression.

Ein Mann verliert seine Würde nicht, wenn er weint. Er verliert sie eher, wenn er andere erniedrigen muss, um sich selbst wieder stark zu fühlen.

Liebe gegen vermeintliches Wohlverhalten

Viele Jungen lernen früh eine unausgesprochene Botschaft:

Ich werde anerkannt und geliebt, wenn ich stark, unabhängig und erfolgreich bin.

Viele Mädchen lernen eine andere:

Ich werde anerkannt und geliebt, wenn ich schön, angenehm und fürsorglich bin und dafür sorge, dass es den anderen gut geht.

Beide Botschaften können Menschen über Jahrzehnte prägen.

Der Mann lernt, seine Bedürftigkeit zu verbergen. Die Frau lernt, ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Der Mann sucht eine Partnerin, die ihm emotionalen Halt gibt, den er sich selbst kaum zugestehen kann. Die Frau sucht möglicherweise einen Mann, der Sicherheit und Stärke verkörpert, weil ihr selbst beigebracht wurde, diese Eigenschaften nicht vollständig zu beanspruchen.

So entstehen Beziehungen, in denen sich Menschen scheinbar ergänzen, tatsächlich aber wechselseitig jene Teile übernehmen sollen, die der andere nicht leben darf.

Der Mann soll die Welt bewältigen. Die Frau soll seine emotionale Welt regulieren.

Die Frau soll für Harmonie sorgen. Der Mann soll Entscheidungen treffen.

Beide verlieren dabei Freiheit.

Was wollen Frauen?

Schon die Frage ist problematisch. Denn Frauen sind keine einheitliche Gruppe mit einer gemeinsamen Wunschliste.

Dass aber vor allem junge Männer mehr Wert auf ihr Äußeres legen und versuchen, Muskeln aufzubauen, zu „pumpen“, bedeutet für viele Frauen auch eine Art von Genugtuung.

Denn meist mussten nur sie bisher viel Zeit und Geld aufwenden, um einem in der Gesellschaft verbreitetem, meist männergerechten Schönheitsideal zu entsprechen.

Kräftige Muskeln zu haben, ist ja nichts Verwerfliches. Für ein längeres, gesundes Leben sind sie sogar überlebenswichtig (solange sie natürliche Weise und nicht mit Präparaten aufgebaut werden)

Manche mögen muskulöse Männer, andere nicht. Manche wünschen sich traditionelle Rollen, andere lehnen sie ab. Manche suchen Abenteuer, andere Verlässlichkeit. Manche wollen Kinder, andere nicht.

Dasselbe gilt für Männer. Manche stehen auf große Brüste, andere nicht. Manche sehen sich nach dem Ideal einer Familie, andere haben Bindungsängste.

Die vielleicht einfacher zu beantwortende Frage wäre:

Was wollen Frauen nicht?

  • dominiert werden
  • in ihrer Freiheit eingeschränkt werden
  • kontrolliert werden
  • Gewalt gegen sie oder die Kinder erleben müssen

Genau dasselbe, was auch kein Mann will.

Trotzdem gibt es Bedürfnisse, die viele Menschen in Beziehungen teilen: Anerkennung, Wertschätzung, Sicherheit, Verlässlichkeit, sexuelle Anziehung, Eigenständigkeit, Respekt und emotionale Verbundenheit.

Wann ist Stärke attraktiv?

Körperliche oder soziale Stärke kann attraktiv sein. Aber sie wird nicht durch Kontrolle attraktiv. Sie wird attraktiv, wenn sie mit Selbstbeherrschung, Kompetenz und Fürsorge verbunden ist.

Ein starker Mann muss nicht aggressiv sein. Er muss niemanden kleinhalten, um selbst groß zu wirken.

Er kann körperlich leistungsfähig sein und gleichzeitig empfindsam. Er kann Verantwortung übernehmen, ohne über andere zu verfügen. Er kann Schutz anbieten, ohne Besitzansprüche zu entwickeln. Er kann seiner Partnerin den Rücken stärken, ohne ihr vorzuschreiben, wohin sie gehen soll.

Stärke bedeutet dann:

Bleib handlungsfähig. Kümmere dich. Steh für andere ein. Aber respektiere ihre Freiheit.

Durchsetzungsfähigkeit ohne Dominanz

Durchsetzungsfähigkeit wird häufig als männliche Eigenschaft bezeichnet. Doch was bedeutet sie eigentlich?

Bedeutet sie, andere dazu bringen zu können, das zu tun, was ich will?

Wenn ich dafür körperliche Überlegenheit, Lautstärke, Status oder Angst einsetze, ist das keine bewundernswerte Durchsetzungsfähigkeit. Es ist Dominanz.

Dominanz kann kurzfristig wirksam sein. Wer Angst hat, gehorcht möglicherweise. Doch Angst erzeugt zugleich Widerstand, Misstrauen und den Wunsch, sich zu entziehen oder zurückzuschlagen.

Nachhaltige Durchsetzungsfähigkeit funktioniert anders.

Sie besteht darin, eine Position klar zu formulieren, Argumente vorzubringen, Widerspruch auszuhalten und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Sie erkennt gleichzeitig an, dass andere Menschen einen eigenen Willen besitzen.

Überzeugen ist schwieriger als zwingen. Aber es respektiert den anderen als freien Menschen.

Das ist nicht weniger männlich. Es ist souveräner.

Haushalt, Kinder und die angeblich natürliche Arbeitsteilung

Noch immer werden bestimmte Tätigkeiten einem Geschlecht zugerechnet, obwohl dafür kaum eine biologische Begründung existiert.

Männer können kochen. Die große Zahl männlicher Köche beweist es täglich. Männer können Wäsche waschen, Wohnungen reinigen und Kinder versorgen. Sie können Flaschen geben, Windeln wechseln, trösten, vorlesen und Kinderwagen schieben.

Dass manche Männer diese Aufgaben als unmännlich empfinden, liegt nicht an ihren Körpern. Es liegt an der Bewertung der Tätigkeit

Grillen gilt eher als männlich, Kochen im Familienalltag eher als weiblich. Eine Bohrmaschine zu bedienen, wird als männliche Haushaltsleistung anerkannt. Regelmäßig das Badezimmer zu reinigen, besitzt offenbar weniger symbolischen Wert.

Das zeigt, wie willkürlich viele Zuschreibungen sind.

Die Verteilung unbezahlter Arbeit ist dabei keine Nebensache. Nach dem OECD-Bericht von 2025 leisten Frauen in den untersuchten Ländern durchschnittlich fast doppelt so viel unbezahlte Arbeit wie Männer. Diese ungleiche Verteilung beeinflusst ihre Erwerbszeit, Karrierechancen, Einkommen und spätere Altersversorgung.

Eine gerechte Arbeitsteilung verlangt nicht, dass jedes Paar jede einzelne Tätigkeit exakt halbiert. Menschen können unterschiedliche Fähigkeiten, Vorlieben und zeitliche Möglichkeiten haben.

Entscheidend ist, dass Aufgaben nicht allein aufgrund des Geschlechts zugewiesen werden und dass beide Partner die wirtschaftlichen und persönlichen Folgen ihrer Aufteilung berücksichtigen.

Ein traditionelles Familienmodell kann freiwillig gewählt werden. Es wird problematisch, wenn es als einzige natürliche Ordnung gilt oder eine Person dadurch dauerhaft abhängig und rechtlos wird.

Das Ende männlicher Privilegien ist nicht das Ende des Mannes

Ein Teil der heutigen Manosphere erzählt Männern, Gleichberechtigung sei ein Verlustgeschäft.

Frauen erhielten mehr Macht, also müssten Männer Macht verlieren. Frauen würden unabhängiger, also würden Männer überflüssig. Männer dürften nicht mehr stark, erfolgreich oder sexuell selbstbewusst sein.

Diese Erzählung beruht auf einem Nullsummendenken: Was die eine Seite gewinnt, müsse die andere verlieren.

Doch warum sollte Freiheit so funktionieren?

Ein Mann wird nicht kleiner, weil eine Frau selbstständig ist. Seine Leistung wird nicht wertlos, weil eine Frau ebenfalls erfolgreich sein kann. Seine Männlichkeit verschwindet nicht, weil er ein Kind versorgt, Gefühle zeigt oder im Haushalt Verantwortung übernimmt.

Tatsächlich können Männer durch gleichberechtigtere Verhältnisse viel gewinnen:

  • Sie müssen nicht mehr allein für das Familieneinkommen verantwortlich sein.
  • Sie dürfen engere Beziehungen zu ihren Kindern aufbauen.
  • Sie dürfen Berufe und Lebensmodelle wählen, die nicht dem klassischen Ernährerbild entsprechen.
  • Sie dürfen Hilfe benötigen.
  • Sie dürfen fürsorglich sein.
  • Sie dürfen verletzt, unsicher oder traurig sein, ohne deshalb als gescheitert zu gelten.

Das Ende männlicher Vorrechte ist deshalb nicht das Ende des Mannes.

Es ist die Chance, Männlichkeit von der Vorstellung zu befreien, ein Mann müsse herrschen, um etwas wert zu sein.

Was könnte gute Männlichkeit bedeuten?

Ich möchte meine körperliche Kraft nicht ablegen. Ich möchte nicht weniger entschlossen, handlungsfähig oder mutig sein.

Ich möchte aber selbst darüber entscheiden, wofür ich diese Fähigkeiten einsetze.

Gute Männlichkeit könnte bedeuten, die eigene Kraft zu kennen, ohne sich über andere zu erheben.

  • Sie könnte bedeuten, Verantwortung zu übernehmen, ohne alles kontrollieren zu wollen.
  • Sie könnte bedeuten, für Menschen einzustehen, ohne sie als Eigentum zu betrachten.
  • Sie könnte bedeuten, Konflikte auszuhalten, ohne zu demütigen.
  • Sie könnte bedeuten, die eigenen Grenzen zu kennen und die Grenzen anderer zu respektieren.
  • Sie könnte bedeuten, sich selbst schützen zu können und trotzdem Hilfe anzunehmen.
  • Sie könnte bedeuten, die eigene Wut zu verstehen, statt sie gegen Schwächere zu richten.
  • Sie könnte bedeuten, Vater, Partner, Freund, Kollege oder Führungskraft zu sein, ohne die eigene Würde aus der Unterordnung anderer zu beziehen.

Selbstbewusstsein bedeutet dabei nicht, sich für überlegen zu halten.

Es bedeutet, sich selbst zu kennen. Zu wissen, was man kann und was nicht. Die eigenen Stärken ebenso anzuerkennen wie die eigenen Schwächen. Nicht jede Kritik als Angriff auf die eigene Identität zu erleben. Fehler eingestehen und sich entschuldigen zu können.

Ein stabiles Selbstbewusstsein benötigt keine Erniedrigung anderer.

Was ist weiblich und was ist männlich?

Vielleicht ist diese Frage weniger wichtig, als wir lange glaubten.

Mut kann männlich wirken. Aber Frauen sind ebenso mutig.

Fürsorge kann weiblich wirken. Aber Männer können genauso fürsorglich sein.

Durchsetzungsfähigkeit, Vernunft, Empathie, Kreativität, Belastbarkeit, Selbstbeherrschung und moralische Stärke haben kein Geschlecht.

Menschen können diese Fähigkeiten unterschiedlich stark besitzen. Vielleicht gibt es bei einigen Eigenschaften statistische Tendenzen. Aber keine dieser Tendenzen darf zu einem Gefängnis werden.

Ein Mann muss nicht beweisen, dass er keine weiblich genannten Eigenschaften besitzt. Eine Frau muss nicht männliche Verhaltensweisen kopieren, um ernst genommen zu werden.

Nichtbinäre, trans und intergeschlechtliche Menschen sollten sich nicht erst in eine der beiden traditionellen Schubladen einordnen müssen, um respektiert zu werden.

Übrigens bezeichnet sich laut Umfragen von Statista nahezu jeder dritte Mensch in Deutschland als nicht heterosexuell.

Auch im Tierreich ist gleichgeschlechtliches Sexualverhalten weit verbreitet. Es wurde bei über 1.500 Tierarten (wie Pinguinen, Löwen, Delfinen und Affen) wissenschaftlich dokumentiert.

Und nur am Rande: Auch 10 % aller Schafe sind schwul.

Gleichberechtigung verlangt nicht, dass alle Menschen gleich aussehen, gleich fühlen oder gleich leben.

Sie verlangt, dass Unterschiede nicht über den Wert, die Rechte und die Möglichkeiten eines Menschen entscheiden.

Was ist also menschlich?

  • Menschlich ist, stark und verletzlich sein zu können.
  • Menschlich ist, vernünftig zu denken und emotional zu reagieren.
  • Menschlich ist, Schutz zu benötigen und Schutz geben zu können.
  • Menschlich ist, sich durchzusetzen und Kompromisse einzugehen.
  • Menschlich ist, zu begehren und dennoch die Freiheit des anderen zu respektieren.
  • Menschlich ist, Fehler zu machen und Verantwortung dafür zu übernehmen.
  • Menschlich ist, Angst zu haben und trotzdem mutig zu handeln.
  • Menschlich ist, auf Hilfe angewiesen zu sein.

Vielleicht besteht Reife nicht darin, eine perfekte männliche oder weibliche Rolle zu erfüllen. Vielleicht besteht sie darin, Zugang zu möglichst vielen dieser menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln.

Eine gemeinsame Zukunft

Eine bessere Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass Männer weiblicher oder Frauen männlicher werden. Sie entsteht auch nicht dadurch, dass wir alle Unterschiede leugnen.

Sie entsteht, wenn jeder Mensch seine Fähigkeiten entwickeln darf, ohne durch Geschlechterrollen begrenzt zu werden.

In einer solchen Gesellschaft wäre Stärke kein Herrschaftsanspruch. Sie würde dem Schutz, der Verantwortung und der Handlungsfähigkeit dienen.

Fürsorge wäre keine selbstverständliche Pflicht der Frauen. Sie wäre eine gemeinsame gesellschaftliche Leistung.

Führung würde weder automatisch mit Dominanz noch mit einem bestimmten Geschlecht verbunden. Gute Führung könnte entscheiden und zuhören, Orientierung geben und Fehler eingestehen, Leistung verlangen und Überlastung wahrnehmen.

Partnerschaften würden nicht durch überlieferte Rollen festgelegt, sondern von den Beteiligten ausgehandelt. Menschen könnten traditionelle oder vollkommen andere Modelle wählen. Entscheidend wären Freiwilligkeit, gegenseitiger Respekt und echte wirtschaftliche und persönliche Wahlmöglichkeiten.

Jungen müssten nicht lernen, dass ihre Würde von Härte, Erfolg und sexueller Anerkennung abhängt. Mädchen müssten nicht lernen, dass sie nur liebenswert sind, wenn sie schön, angepasst und für das Wohlergehen anderer verantwortlich sind.

Kinder könnten lernen, Gefühle auszudrücken, Grenzen zu setzen, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte auszuhalten, Hilfe anzunehmen und andere Menschen zu respektieren.

Eine solche Gesellschaft würde reale Probleme von Frauen, Männern und Menschen jenseits dieser Einteilung anerkennen, ohne sie gegeneinander aufzurechnen.

  • Sie würde Gewalt gegen Frauen bekämpfen, ohne Männer pauschal zu Tätern zu erklären.
  • Sie würde psychische Krisen, Einsamkeit und gesundheitliche Probleme von Männern ernst nehmen, ohne Frauen dafür verantwortlich zu machen.
  • Sie würde geschlechtliche Vielfalt anerkennen, ohne Menschen auf Etiketten zu reduzieren.
  • Sie würde verstehen, dass Gleichberechtigung kein Geschlechterkrieg ist, sondern ein gemeinsames Befreiungsprojekt.

Stärke ohne Herrschaft

Vielleicht besteht die entscheidende Frage deshalb nicht darin, was Männer und Frauen von Natur aus sind.

Die wichtigere Frage lautet: Was machen wir aus unseren Voraussetzungen?

  • Körperliche Kraft kann unterwerfen oder schützen.
  • Vernunft kann Herrschaft rechtfertigen oder sie begrenzen.
  • Empfindsamkeit kann lähmen oder Menschen miteinander verbinden.
  • Mut kann in einen Krieg führen oder dazu befähigen, sich der eigenen Angst und Verletzlichkeit zu stellen.

Keine dieser Möglichkeiten gehört allein Männern oder Frauen. Sie sind menschlich.

Eine gerechte Zukunft verlangt nicht, dass wir alle gleich werden. Sie verlangt, dass niemand aus einem Unterschied das Recht ableitet, über andere zu herrschen.

Männer müssen dafür nicht auf Stärke verzichten. Frauen müssen ihre Fürsorglichkeit nicht ablegen. Menschen jenseits dieser Kategorien müssen sich nicht für eine Seite entscheiden.

Wir müssen lediglich aufhören, einzelne Fähigkeiten zum Eigentum eines Geschlechts zu erklären.

  • Dann wird aus Stärke Schutz statt Dominanz.
  • Aus Selbstbewusstsein wird Verantwortung statt Überheblichkeit.
  • Aus Empfindsamkeit wird Verbindung statt vermeintlicher Schwäche.
  • Und aus Verschiedenheit wird Zusammenarbeit statt Hierarchie.
  • Das wäre kein Sieg der Frauen über die Männer.

Es wäre ein Gewinn für uns alle.

Siegbert Mattheis

Älterer Mann mit weißem Haar und Bart, trägt ein dunkles Hemd und blickt mit einem leichten Lächeln in die Kamera.

Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam AmbienteMediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.

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