Zuletzt aktualisiert im August 2026 von Siegbert Mattheis
Wie sah ein Europäer vor 10.000 Jahren aus? Helle Haut, Fellumhang und vielleicht ein bisschen Neandertaler? Zumindest bei der Hautfarbe liegt dieses vertraute Bild ziemlich daneben.
Einige der Menschen, die damals längst in Europa lebten, hatten schwarze Haut. Und einer der bekanntesten von ihnen wahrscheinlich auch noch blaugrüne Augen.
Unsere frühen Vorfahren in Afrika waren ebenfalls dunkelhäutig. Die helle Haut vieler heutiger Europäer entstand erst viel später und keineswegs auf einen Schlag.
Woher wir das wissen? Vor allem Fossilienfunde und die Analyse alter DNA, sogenannter aDNA, haben unser Bild der Menschheitsgeschichte in den vergangenen Jahren kräftig durcheinandergebracht. Und sie zeigen, dass die Geschichte unserer Hautfarbe wesentlich spannender ist, als die alten Bilder vom hellhäutigen europäischen Steinzeitmenschen vermuten lassen.
Wo und wann entstand der moderne Mensch?
Homo sapiens entstand nach heutigem Forschungsstand vor rund 300.000 Jahren in Afrika.
Lange stellte man sich die Wiege der Menschheit gern als einen bestimmten Ort vor. Dort sei irgendwann der moderne Mensch entstanden und von dort habe er sich anschließend über die Welt verbreitet.
So einfach war es wahrscheinlich nicht.
Heute spricht einiges dafür, dass verschiedene Populationen innerhalb Afrikas über lange Zeiträume miteinander verbunden waren und gemeinsam zur Entstehung unserer Art beitrugen.
Einen entscheidenden Hinweis darauf lieferten ausgerechnet Funde aus Marokko.

Jebel Irhoud: Die Überraschung aus Marokko
In Jebel Irhoud, rund 100 Kilometer westlich von Marrakesch, wurden bereits in den 1960er-Jahren menschliche Fossilien entdeckt. Zunächst hielt man sie für wesentlich jünger.
Jahrzehnte später folgte die Überraschung.
Bei neuen Ausgrabungen fanden Forschende weitere menschliche Überreste.
2017 veröffentlichten Jean-Jacques Hublin (Professor am Max-Planck-Institut in Leipzig und Abdelouahed Ben-Ncer (Professor der Paläoanthropologie am INSAP in Rabat) und ihr Team ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature.
Gesicht, Unterkiefer und Zähne der Menschen von Jebel Irhoud zeigen bereits viele Merkmale früher Homo sapiens. Ihr Gehirnschädel war dagegen noch deutlich ursprünglicher geformt.
Und dann kam die Datierung: Mit den Fossilien gefundene, durch Feuer erhitzte Steinwerkzeuge sind etwa 315.000 ± 34.000 Jahre alt! Siehe Richter et al., Nature
Damit rückte die Geschichte unserer eigenen Art auf einen Schlag um viele Jahrtausende weiter zurück.
Ein Gespräch mit Hublin darüber könnt ihr in der arte-Mediathek ansehen (noch bis 16. November 2028)
Weitere bedeutende frühe Homo-sapiens-Funde
Omo Kibish, Äthiopien, mindestens ca. 233.000 Jahre
Omo I galt lange mit rund 195.000 Jahren als einer der ältesten bekannten anatomisch modernen Menschen. Eine neue Untersuchung einer darüberliegenden vulkanischen Ascheschicht verschob 2022 das Mindestalter auf etwa 233.000 ± 22.000 Jahre.
Herto, Äthiopien, ca. 160.000 Jahre
Auch die Fossilien von Herto gehören zu den bedeutenden frühen Funden des Homo sapiens in Afrika.
Wie sahen die ersten Menschen aus?
Das können wir natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hatten frühe Homo-sapiens-Populationen eine dunkle Haut.
Denn mit dem Verlust eines großen Teils der Körperbehaarung wurde sie stärker der intensiven afrikanischen UV-Strahlung ausgesetzt. Eine starke Pigmentierung mit dem Farbstoff Melanin bot unter diesen Bedingungen einen wichtigen Schutz.
Die Anthropologin Nina Jablonski, die seit Jahrzehnten zur Evolution menschlicher Hautpigmentierung forscht, beschreibt dunkle, schützende Pigmentierung unter hoher UV-Strahlung als den ursprünglichen Zustand bei Homo sapiens.
Quelle: Jablonski, Pigment Cell & Melanoma Research
Vermutlich also sahen sie uns schon sehr ähnlich, sie hatten:
- dunkle Haut
- krauses bis lockiges Haar
- ein relativ modernes Gesicht, teils robuster ausgeprägt
- und einen kräftigen Körperbau
Auch das Gehirnvolumen war bereits vergleichbar mit dem heutiger Menschen, wenn auch die Form teilweise leicht anders war.
Siehe auch “Waren die Steinzeitmenschen dümmer als wir? in der arte Mediathek (noch bis 19. September 2028)
Was ist die „Mitochondriale Eva“?
Der Name klingt ein wenig nach biblischer Urmutter. Gemeint ist aber etwas anderes und wissenschaftlich ausgesprochen Spannendes.
Die sogenannte Mitochondriale Eva ist die jüngste gemeinsame Vorfahrin aller heute lebenden Menschen.
Natürlich war sie keineswegs die einzige Frau ihrer Zeit. Neben ihr lebten viele andere Frauen und Männer. Nur sind deren rein mütterliche Abstammungslinien irgendwann abgebrochen.
Die Linie der Mitochondrialen Eva dagegen nicht.
Deshalb lässt sie sich heute in der mitochondrialen DNA aller lebenden Menschen wiederfinden.
Ihre individuelle Hautfarbe kennen wir nicht. Da sie jedoch in einer afrikanischen Homo-sapiens-Population lebte, in der eine starke Pigmentierung sehr wahrscheinlich war, dürfte auch sie dunkle Haut gehabt haben.
Woher weiß man, dass frühe Menschen dunkelhäutig waren?
Die Evidenz stammt aus mehreren Forschungsbereichen:
- Genomforschung
Vergleiche moderner DNA zeigen, dass dunkle Haut genetisch der ursprüngliche Zustand ist. Varianten für hellere Haut entstanden sehr viel später. - Genetik der Pigmentierung
Gene wie MC1R, SLC24A5 und SLC45A2 beeinflussen die Hautfarbe. Varianten, die zu hellerer Haut führen, sind evolutionär relativ jung. - Paläogenetik
Analysen alter DNA (aDNA) zeigen, dass auch frühe europäische Populationen noch vor wenigen tausend Jahren dunklere Haut hatten als lange angenommen worden war.
Die Stärke der menschlichen Hautpigmentierung hängt eng mit der UV-Strahlung zusammen.
In Regionen mit sehr hoher UV-Strahlung entwickelte sich eine stark pigmentierte, sog. eumelaninreiche Haut. Melanin wirkt dabei vereinfacht gesagt wie ein körpereigener Sonnenschutz.
In Regionen mit wesentlich geringerer UVB-Strahlung konnten dagegen hellere Hauttypen Vorteile haben. Quelle: Jablonski & Chaplin, PNAS
Gene liefern weitere Hinweise
Hautfarbe wird nicht durch ein einziges Gen bestimmt.
Tatsächlich sind sehr viele Gene daran beteiligt. Forschende sprechen deshalb von einem polygenen Merkmal. Einfacher gesagt: Viele verschiedene genetische Stellschrauben wirken zusammen.
Einige davon haben allerdings einen besonders großen Einfluss.
Mit alter DNA lässt sich bei manchen vorgeschichtlichen Menschen feststellen, welche Varianten bestimmter Pigmentierungsgene sie besaßen. Daraus können Forschende Wahrscheinlichkeiten für Haut-, Haar- und Augenfarbe berechnen.
Und dabei erlebte die Forschung einige Überraschungen.
Dunkle Haut und blaugrüne Augen: Cheddar Man
Einer der bekanntesten Fälle ist der Cheddar Man.
Dieser Mann lebte vor rund 10.000 Jahren im heutigen England. Sein Skelett wurde 1903 in Gough’s Cave in Somerset entdeckt.
Als Forschende seine DNA untersuchten, entstand ein Bild, das mit den traditionellen Darstellungen europäischer Steinzeitmenschen wenig gemeinsam hatte.
Cheddar Man hatte wahrscheinlich dunkles Haar und blaugrüne Augen. Seine Hautpigmentierung fiel nach Angaben des Natural History Museum mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine der beiden am stärksten pigmentierten Kategorien des verwendeten Modells: „dark“ oder „dark to black“.
Allerdings war der Cheddar Man nicht unbedingt „der typische Europäer“ seiner Zeit.
Denn zur gleichen Zeit lebten beispielsweise in Teilen Skandinaviens und Westasiens bereits Populationen mit wichtigen Genvarianten für hellere Haut. Darauf weist auch das Natural History Museum ausdrücklich hin.
Auch Ötzi war dunkler als lange dargestellt
Ein weiteres berühmtes Beispiel ist Ötzi.
Der Mann aus dem Eis lebte vor rund 5.300 Jahren und wurde 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt.
Viele ältere Rekonstruktionen zeigen ihn mit relativ heller Haut. Neuere genetische Untersuchungen sprechen jedoch dafür, dass er eine deutlich dunklere Hautfarbe hatte als lange angenommen.
Stammen wirklich alle Menschen aus Afrika?
Ja. Alle heute lebenden Menschen haben ihren Ursprung in afrikanischen Populationen.
Die sogenannte Out-of-Africa-Hypothese beschreibt, dass sich Homo sapiens in Afrika entwickelte und sich von dort in mehreren Wellen über die Welt ausbreitete.
Die wichtigste Ausbreitungsphase fand wahrscheinlich vor etwa 60.000 bis 70.000 Jahren statt.
Diese Theorie gilt heute als der am besten belegte Erklärungsrahmen für die globale Verbreitung des modernen Menschen.
Genetische Studien zeigen zudem, dass sich Homo sapiens außerhalb Afrikas mit anderen Homininen wie Neandertalern und Denisovanern vermischte. Also gemeinsame Kinder bekamen.
Auch Neandertaler hatten übrigens dunklere Haut als bisher angenommen, wie es auf den Seiten des Neanderthal-Museums zu lesen ist.
Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass es auch unter Neandertalern unterschiedliche Pigmentierungen gab. Einige besaßen wahrscheinlich eine relativ helle Haut und möglicherweise rötliches Haar.
Das überrascht eigentlich nicht. Neandertaler lebten über Hunderttausende von Jahren in einem riesigen Gebiet Eurasiens.
Warum sollten sie alle gleich ausgesehen haben?
Ein kleiner Teil (etwa 2 %) dieses Erbes ist bis heute im Genom vieler Menschen nachweisbar, so Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Woher stammen die heutigen Europäer?
Wer nach einer europäischen „Urbevölkerung“ sucht, wird enttäuscht.
Denn die gibt es so nicht.
Europa war über Jahrtausende ein Kommen und Gehen unterschiedlicher Populationen. Menschen wanderten ein, andere wanderten weiter, Gruppen trafen aufeinander und vermischten sich.
Besonders wichtige Beiträge zur Abstammung heutiger Europäer stammen unter anderem von:
- europäischen Jägern und Sammlern,
- Bauern, die sich während der Jungsteinzeit aus Anatolien nach Europa ausbreiteten,
- sowie späteren Populationen aus der pontisch-kaspischen Steppe.
Und mit diesen Menschen wanderten auch Gene für unterschiedliche Haut-, Haar- und Augenfarben.
Eine große Untersuchung von 1.158 alten Genomen aus West-Eurasien über einen Zeitraum von rund 40.000 Jahren zeigt beispielsweise, dass eine wichtige Variante des Gens SLC24A5, die zur helleren Haut beiträgt, mit neolithischen Bauern nach Westeuropa gelangte und sich dort anschließend weiter verbreitete. Quelle: Ju & Mathieson, PNAS
Migration ist, historisch betrachtet, also wirklich keine neue Erfindung.
Welche Rolle spielten die Jamnaja?
Im 3. Jahrtausend v. Chr. kam eine weitere große Wanderungsbewegung hinzu.
Menschen aus der Steppe nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres breiteten sich weit nach Europa aus. Besonders bekannt ist die Jamnaja-Kultur.
Diese Menschen hinterließen deutliche genetische Spuren in späteren europäischen Populationen.
Aber auch die Jamnaja waren keine genetisch isolierte „Urgruppe“. Ihre eigene Geschichte war bereits durch die Vermischung unterschiedlicher Populationen geprägt.
Das Muster wiederholt sich also: Menschen wandern, treffen andere Menschen und vermischen sich mit ihnen.
Wann wurden die Europäer hellhäutig?
Helle Haut erschien nicht eines Tages irgendwo in Europa und verbreitete sich anschließend gleichmäßig über den Kontinent.
Verschiedene Genvarianten, die zu einer geringeren Pigmentierung beitragen, verbreiteten sich zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen.
Eine wichtige Variante von SLC24A5 kam beispielsweise mit Bauern aus Anatolien nach Westeuropa. Anschließend wurde sie durch natürliche Selektion weiter begünstigt. Andere Pigmentierungsvarianten entwickelten sich ebenfalls weiter.
Quelle: Ju & Mathieson, PNAS
Was hat Vitamin D mit heller Haut zu tun?
Eine ganze Menge. Unser Körper kann mithilfe von UVB-Strahlung Vitamin D in der Haut bilden.
Stark pigmentierte Haut enthält viel Melanin. Das schützt bei intensiver UV-Strahlung, lässt aber zugleich weniger UVB-Strahlung in tiefere Hautschichten gelangen.
In Regionen mit schwächerer und stark saisonaler UVB-Strahlung kann eine geringere Pigmentierung deshalb einen Vorteil haben: Der Körper kann unter diesen Bedingungen leichter genügend Vitamin D produzieren.
Jablonski und Chaplin beschreiben diesen Zusammenhang als einen wichtigen Selektionsfaktor bei der Evolution menschlicher Hautpigmentierung. Quelle: Jablonski & Chaplin, PNAS
Allerdings beeinflussten auch Ernährung, Migration, Kleidung, kulturelle Veränderungen, unterschiedliche genetische Varianten und die Vermischung von Populationen die Entwicklung. Die Evolution unserer Hautfarbe war ein Zusammenspiel biologischer, ökologischer und kultureller Faktoren. Quelle: Jablonski, Pigment Cell & Melanoma Research
Entwickelte sich helle Haut nur einmal?
Nein. Spannenderweise entstand eine hellere Pigmentierung in verschiedenen Populationen teilweise auf unterschiedlichen genetischen Wegen.
Menschen in Europa und Ostasien können deshalb eine ähnlich helle Haut besitzen, obwohl an ihrer Entwicklung teilweise andere Genvarianten beteiligt waren.
Quelle: Jablonski & Chaplin, Royal Society
Die Evolution kam also mehrmals zu einem ähnlichen Ergebnis, ohne dafür exakt denselben Weg zu nehmen.

Ist Hautfarbe überhaupt von Bedeutung?
Nein. Hautfarbe ist biologisch gesehen eine im wahrsten Sinne des Wortes oberflächliche Eigenschaft, die durch eine kleine Anzahl genetischer Varianten beeinflusst wird, die weniger als 0,01 % des gesamten menschlichen Genoms ausmachen.
Sie erzählt durchaus etwas darüber, an welche UV-Bedingungen sich die Vorfahren verschiedener Populationen über lange Zeiträume angepasst haben.
Aber sie erzählt nur einen kleinen Ausschnitt unserer genetischen Geschichte.
Menschen sind gewandert, Populationen haben sich getrennt, wieder getroffen und miteinander vermischt. Gene wurden dabei immer wieder neu kombiniert.
Nina Jablonski und George Chaplin weisen deshalb darauf hin, dass Hautfarbe aufgrund ihrer starken evolutionären Anpassungsfähigkeit kein zuverlässiges Merkmal ist, um Menschen eindeutigen genetischen Abstammungsgruppen zuzuordnen.
Und vielleicht ist das die interessanteste Erkenntnis der ganzen Geschichte:
Was uns auf den ersten Blick so deutlich voneinander zu unterscheiden scheint, ist evolutionär betrachtet völlig irrelevant und erstaunlich wandelbar.
Unsere Entwicklung als Homo sapiens ist also eine Geschichte von Migration, Anpassung, Begegnung und immer neuer Vermischung.
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.











