Was ist der Kolonialstil? Ist er noch zeitgemäß?

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Zuletzt aktualisiert im August 2026 von Siegbert Mattheis

Dunkles Holz, helle Leinenstoffe, Rattan, Leder, alte Reisekoffer und Deckenventilatoren, die träge die heiße Luft bewegen … Der sogenannte Kolonialstil besitzt eine unverwechselbare Ästhetik. Historische Hotels, Bücher von Hemingway und Filme wie Out of Africa, Casablanca oder Indiana Jones haben daraus ein Bild voller Fernweh, Abenteuer und Eleganz gemacht.

Derzeit feiert er als “Colonial Chic” ein Comeback. Er wird heute jedoch deutlich reduzierter und zeitgemäßer kombiniert als das historische Original.

Mit Leopardendecke bezogenes Bett vor einem Schrank, links ein helles fenster, oben ein Ventilator
Ein Hauch von Fernweh bringt der Kolonialstil mit sich ... © Siegbert Mattheis
Mit Steinsäulen umfasster Patio, mit Holzgeländer
Viel Holz kennzeichnet den Kolonialstil, hier portugiesisch geprägt in der Villa de l'O in Essaouira © Siegbert Mattheis

Doch der Kolonialstil ist nicht vergleichbar mit anderen Architekturstilen. Denn diese Ästhetik entstand nicht in einem geschichtslosen Raum. Hinter prächtigen Villen, kostbaren Möbeln und Waren aus Übersee standen koloniale Herrschaft, wirtschaftliche Ausbeutung, Zwangsarbeit und Sklaverei.

Dessen sollten wir uns bei aller “Exotik” bewusst sein.

Luftaufnahme eines großen Hauses mit rotem Dach, grünem Rasen, Palmen und umliegenden Gärten.
Villa aus der Kolonialzeit (heute ein Rum Museum, Martinique) © Siegbert Mattheis

Was ist der Kolonialstil?

Als Kolonialstil werden Bauwerke, Innenräume und Möbel bezeichnet, die während der europäischen Kolonialherrschaft in Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien entstanden. Europäische Architekturstile und Wohnvorstellungen wurden dabei an das Klima, die verfügbaren Materialien und die handwerklichen Traditionen der jeweiligen Regionen angepasst.

So trafen etwa Barock, Klassizismus oder viktorianische Gestaltung auf tropische Hölzer, Rattan, Bambus, lokale Textilien und regionale Bautechniken. Große Veranden spendeten Schatten, hohe Decken mit Ventilatoren verbesserten die Luftzirkulation und Jalousien mit Lamellen schützten vor Sonne und Hitze.

Mehr zur Geschichte des Kolonialismus

Braune Holzdielen, Bett, beige Wände, weiße Holzdecken mit Ventilator
Grobe Holzdielen, Schild und Waffen an der Wand © Siegbert Mattheis
Holztür mit alten Beschlägen
Oben noch originale Beschläge, unten stilgerecht erneuert © Siegbert Mattheis

Einen einheitlichen Kolonialstil gab es allerdings nie. Spanische Kolonialarchitektur in Mexiko unterschied sich deutlich von britischen Bungalows in Indien, niederländischen Häusern in Indonesien oder französisch geprägten Villen in den französischen Kolonien wie Guadeloupe oder Martinique.

Zimmer mit Ventilator, Bett und Koffer davor
Lederkoffer am Bett, Leinenvorhänge © Siegbert Mattheis
Klappstuhl an einem schmalen Regal auf dunklem Holzboden
Klappstuhl aus Bambus und Leder © Siegbert Mattheis
Eine Holzveranda mit dekorativem Geländer und einem üppig grünen Garten davor, unter strahlend blauem Himmel.
Veranda einer Villa aus der Kolonialzeit © Siegbert Mattheis

Woran erkennt man Möbel im Kolonialstil?

Typische Kolonialmöbel wirken massiv, dunkel und repräsentativ. Häufig orientieren sie sich an europäischen Möbeltypen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Dazu gehören:

  • große Schreibtische und Sekretäre
  • massive Esstische
  • Kommoden und Vitrinen
  • Himmelbetten
  • Truhen und Reisekoffer
  • lederbezogene Sessel
  • Rattan- und Korbstühle
  • Beistelltische mit gedrechselten Beinen
  • Schränke mit Schnitzereien oder Lamellentüren
  • Mosaiktische

Viele Möbel, die heute als Kolonialmöbel verkauft werden, sind allerdings keine historischen Stücke. Es handelt sich meistens um moderne Nachbildungen, die dunkles Holz und traditionelle Formen miteinander kombinieren.

Ledersessel mit Kissen in Raubtieroptik in einer Ecke
Ledersessel mit Kissen in Raubtieroptik © Siegbert Mattheis
Rote Samtvorhänge an hohem Fenster
Opulenz durch schwere Samtvorhänge © Siegbert Mattheis
Freistehende alte Kupferbadewanne und Messingarmaturen
Freistehende Kupferbadewanne und Messingarmaturen © Siegbert Mattheis

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Welche Materialien sind typisch?

Besonders charakteristisch sind dunkle oder dunkel gebeizte Hölzer wie Mahagoni, Teak, Palisander, Ebenholz, Sheesham, Mango und Akazie.

Hinzu kommen:

  • Rattan und Bambus
  • Leder
  • Leinen und Baumwolle
  • Sisal und Kokosfasern
  • Messing und Kupfer
  • Keramik und Stein
  • geflochtene Matten und Körbe

Viele dieser Materialien wurden in ihren Herkunftsregionen schon lange vor der Kolonialzeit kunstvoll verarbeitet. In Afrika, Asien und Amerika bestanden hoch entwickelte Traditionen der Textilherstellung, Holzverarbeitung, Metallkunst, Keramik und Architektur.

Koloniale Einrichtungen übernahmen solche Materialien und Techniken, passten sie jedoch überwiegend europäischen Wohnvorstellungen an.

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Ventilator aus rotem Holz vor weißer Holzdecke
Ein Ventilator sollte nie fehlen © Siegbert Mattheis
Lampe aus Bronze mit farbigen Glassteinen, der von einer weißen Balkendecke herabhängt.
Kunstvoll gearbeitete Lampe © Siegbert Mattheis
Weltkugel mit arabischer Kalligraphie
Weltkugel mit arabischer Kalligraphie © Siegbert Mattheis
Mit Fell bezogener Lampenschirm neben einem Bett am Fenster mit Sonnenlicht
Lampenschirm auf Stativ © Siegbert Mattheis

Welche Farben passen zum Kolonialstil?

Die Farbwelt wird vor allem durch Naturmaterialien geprägt. Typisch sind:

  • Dunkelbraun
  • Cognac und Rotbraun
  • Beige und Sand
  • Creme und Weiß
  • Terrakotta
  • Oliv- und Dunkelgrün
  • Messing- und Kupfertöne

Der klassische Kontrast entsteht aus dunklem Holz und hellen Stoffen. In großen Räumen kann das elegant und ruhig wirken. Kleine Räume erscheinen mit zu vielen dunklen Möbeln dagegen schnell schwer und überladen.

Ein einzelner dunkler Schrank oder Ledersessel lässt sich aber auch in kleineren Räumen gut mit hellen Wänden, Leinen, schlichten Teppichen und modernen Leuchten kombinieren.

Afrikanische Masken an einer Wand
Masken auf einem Markt in Marokko © Siegbert Mattheis
Ledercouch und Lampe auf altem Holzstativ
Ledercouch und Lampe auf altem Holzstativ © Siegbert Mattheis
Zimmer mit dunklem Schrank und Bett mit weißen Bezügen
Dunkel gebeiztes Holz kombiniert mit weißer Baumwolle und opulentem Kronleuchter © Siegbert Mattheis

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Welcher andere Stil passt zum Kolonialstil?

Der Kolonialstil lässt sich hervorragend mit dem Industrial Style kombinieren. Mit Möbeln aus Metall oder Gusseisen, Dielen, Betten oder Möbel aus grobem Holz. Rostige Industrierohre oder offene Stahlträger vor einer Backsteinwandkulisse lassen sich hervorragend mit wuchtigen, dunklen Ledermöbeln kombinieren.

Der Stil braucht allerdings weite, große Räume, um optimal zu wirken. Andererseits könnt ihr euch auch in kleineren Räumen eine Ecke im Kolonialstil einrichten. Zum Beispiel mit einem Einzelstück wie einem bequemen Ledersessel, umrahmt von Masken oder einem Spiegel mit einem reich verziertem, dunklen Holzrahmen an der Wand.

Antiker Toilettenpapierständer aus Messing
Antiker Toilettenpapierständer aus Messing © Siegbert Mattheis
Ständer mit Kleiderbügel, Seifenschale und Handtuchhalter aus Messing
Ein sog. "Butler" aus Messing © Siegbert Mattheis
Patio mit altem Fernrohr und Holzstühlen
Accessoires wie ein altes Fernrohr passen gut © Siegbert Mattheis
Große Truhe aus Sisalfasern und Leder
Truhe aus Sisalfasern und Leder © Siegbert Mattheis
Mit Holz verkleidete halbrunde Badewanne in einer Ecke vor grünlich-cremiger Wand
Badewanne mit Vintage Armaturen, die Wände aus Tadelakt © Siegbert Mattheis

Weitere Fragen und Tipps zum Kolonialstil

Seine Anfänge liegen in der europäischen Expansion seit dem 15. Jahrhundert. Portugal und Spanien errichteten zunächst Handelsstützpunkte und Kolonien in Afrika, Asien und Amerika. Später folgten unter anderem die Niederlande, Großbritannien, Frankreich, Belgien und das Deutsche Reich.

Siehe auch die europäische Kolonialgeschichte, kurz erklärt

Der Kolonialstil entwickelte sich nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Er entstand über mehrere Jahrhunderte in sehr unterschiedlichen Regionen. Besonders prägend für das heutige Bild waren das 18. und 19. Jahrhundert sowie die Epoche des europäischen Hochimperialismus um 1900.

In dieser Zeit ließen Kolonialbeamte, Militärs, Händler und Plantagenbesitzer Häuser errichten, die europäischen Komfort mit regionalen Materialien und klimatischen Anpassungen verbanden.

Kolonialismus bezeichnet die politische und wirtschaftliche Beherrschung anderer Gebiete und ihrer Bevölkerung. Europäische Mächte eroberten Land, kontrollierten Handelswege, eigneten sich Rohstoffe an und zwangen Menschen, für ihre Interessen zu arbeiten.

Die repräsentativen Häuser und Einrichtungen der Kolonialherren waren Teil dieses Systems. Sie demonstrierten Wohlstand und gesellschaftliche Macht. Dieser Wohlstand beruhte vielfach auf der Kontrolle über Land, Rohstoffe und die Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung.

Der Kolonialstil ist deshalb nicht einfach das Ergebnis eines gleichberechtigten kulturellen Austauschs. Er entstand unter Bedingungen, in denen europäische Interessen und Lebensweisen dominierten.

Sklaverei existierte bereits lange vor dem europäischen Kolonialismus und auch außerhalb Europas. Der von europäischen Mächten organisierte transatlantische Sklavenhandel erreichte jedoch eine bis dahin beispiellose geografische und wirtschaftliche Dimension.

Wie ist Rassismus eigentlich entstanden? Und warum?

Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner wurden verschleppt, über den Atlantik transportiert und auf Plantagen, in Bergwerken, in Werkstätten und Haushalten zur Arbeit gezwungen. Menschen und häufig auch ihre Nachkommen wurden rechtlich zu Eigentum erklärt.

Ihre Arbeit produzierte Zucker, Baumwolle, Tabak, Kaffee und andere Waren, die in Europa hohe Gewinne ermöglichten. Davon profitierten nicht nur Plantagenbesitzer, sondern auch Handelsgesellschaften, Banken, Versicherungen, Reedereien, Hafenstädte und weiterverarbeitende Betriebe.

Nicht jedes Gebäude und jedes Möbelstück aus einer ehemaligen Kolonie wurde von versklavten Menschen hergestellt. Viele repräsentative Einrichtungen entstanden jedoch innerhalb kolonialer Wirtschaftsordnungen, die auf Entrechtung, Zwang und extremer Ungleichheit beruhten.

Ja, der Begriff ist historisch belastet. Das bedeutet nicht, dass er grundsätzlich nicht mehr verwendet werden darf. In einem erklärenden oder historischen Zusammenhang ist er weiterhin sinnvoll. Problematisch wird er, wenn er ausschließlich zum Beispiel in der Werbung als positives Verkaufsversprechen für Eleganz, Exotik und Weltläufigkeit eingesetzt wird.

Daher weichen manche auf Begriffe wie „Global Style“ oder ähnliches aus.

Präziser sind Begriffe, die tatsächlich beschreiben, was gemeint ist:

  • Einrichtung mit dunklem Naturholz und Leinen
  • tropisch inspirierter Wohnstil
  • Vintage-Reisestil
  • britischer oder französischer Vintage-Stil
  • mediterran-orientalische Einrichtung
  • Wohnen mit Rattan und Naturmaterialien

In klassischen Inszenierungen finden sich alte Landkarten, Globen, Fernrohre, Lederkoffer, Tropenhelme, Tiermuster, Jagdtrophäen sowie Masken und Skulpturen aus verschiedenen Weltregionen.

Bei einigen dekorativen Gegenständen sollten wir aber überlegen. Denn manche transportieren Vorstellungen von Eroberung, Großwildjagd oder der vermeintlichen Fremdartigkeit anderer Kulturen. Werden sie unkritisch zusammengestellt, kann aus einer Reiseästhetik schnell eine nostalgische Inszenierung kolonialer Macht werden.

Ein Globus oder ein alter Koffer ist nicht automatisch problematisch. Entscheidend sind Zusammenhang, Herkunft und Gesamtwirkung.

Afrika als “Wiege der Menschheit” umfasst mehr als 50 Staaten und eine enorme Zahl unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und künstlerischer Traditionen. Von daher ist der Ausdruck „afrikanische Maske“ sehr ungenau.

Siehe auch: Warum waren wir früher alle Schwarz?

Masken können zeremonielle, religiöse, politische oder gesellschaftliche Funktionen besitzen. Andere werden ausdrücklich als Kunst oder für den Verkauf hergestellt. Ob ihre Verwendung als Dekoration angemessen ist, hängt deshalb vom konkreten Objekt ab.

Wir selbst haben auch einige Masken und Figuren aus Afrika. Fast alle haben wir dort auf lokalen Märkten von einheimischen Künstler:innnen und Handwerker:innen gekauft.

Vor dem Kauf solltet ihr euch am besten erkundigen:

  • Aus welchem Land und welcher Region stammt die Maske?
  • Wer hat sie hergestellt?
  • Welche ursprüngliche Funktion hatte sie?
  • Wurde sie als Kunsthandwerk für den Verkauf gefertigt?
  • Wie und wann gelangte sie nach Europa?
  • Ist ihre Herkunft nachvollziehbar?
  • Erhalten die Künstlerinnen und Künstler eine faire Vergütung?

Denn während der Kolonialzeit wurden zahlreiche Kulturgüter geraubt, unter Zwang abgegeben oder unter ungleichen Bedingungen erworben. Nicht jedes historische Objekt aus Afrika, Asien oder Ozeanien ist automatisch Raubgut. Eine ungeklärte Herkunft sollte aber skeptisch machen.

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste⁠ weist darauf hin, dass koloniale Kontexte sowohl die damaligen Erwerbungsumstände als auch bis heute fortwirkende Strukturen und Denkmuster umfassen.

Nicht jede Übernahme eines Materials, Musters oder Gegenstands aus einer anderen Kultur ist kulturelle Aneignung. Kulturen beeinflussen sich seit Jahrtausenden gegenseitig. Ohne diesen Austausch gäbe es viele unserer Gerichte, Sprachen, Musikrichtungen oder Wohnformen nicht.

Kritisch wird die Übernahme, wenn ein Gegenstand aus seinem kulturellen oder religiösen Zusammenhang gelöst und auf einen dekorativen Effekt reduziert wird. Besonders problematisch ist es, wenn seine Herkunft verschwiegen, seine Bedeutung verfälscht oder mit ihm Geld verdient wird, ohne die Urheber oder Herkunftsgemeinschaften zu beteiligen.

Der Unterschied zwischen respektvollem Austausch und Aneignung liegt daher eher im Umgang damit:

  • Wird die genaue Herkunft genannt?
  • Wird die Bedeutung respektiert?
  • Werden Urheberinnen und Urheber sichtbar gemacht?
  • Erfolgt der Handel fair?
  • Wird eine Kultur differenziert dargestellt oder bloß als „exotisch“ inszeniert?

Dunkle Möbel, Rattan, Leder oder Leinen sind für sich genommen nicht kolonial. Niemand muss einen geerbten Schrank oder einen alten Ledersessel entsorgen, weil das Stück optisch dem Kolonialstil entspricht.

Entscheidend ist, welche Geschichte die gesamte Einrichtung erzählt. Eine nostalgische Inszenierung aus Tropenhelm, Gewehr, Großwildtrophäen und anonymen Kultobjekten wirkt anders als ein Raum mit einem dunklen Vintage-Schrank, handgefertigten Körben und zeitgenössischer Kunst, deren Herkunft bekannt ist.

Man kann also einzelne Gestaltungselemente übernehmen, ohne Kolonialherrschaft zu romantisieren.

Setzt auf konkrete Herkunft statt auf „Exotik“

„Afrikanisch“, „asiatisch“ oder „orientalisch“ sind für die Beschreibung eines Gegenstands meist viel zu ungenau. Ein Berberteppich aus Marokko, mexikanische Keramik und ein senegalesischer Korb stammen aus völlig verschiedenen Traditionen.

Je genauer ihr Herkunft, Material und Herstellung kennt, desto interessanter wird ein Objekt ohnehin.

Kauft direkt und fair

Bevorzugt zeitgenössisches Kunsthandwerk mit Angaben zu den Menschen oder Werkstätten, die es hergestellt haben. Ein höherer Preis ist nicht automatisch ein Beleg für faire Produktion. Transparente Informationen über Herkunft und Vergütung sind aussagekräftiger als Begriffe wie „authentisch“ oder „Ethno“.

Nutzt vorhandene Möbel weiter

Ein gut erhaltenes Vintage-Möbelstück weiterzuverwenden, ist häufig sinnvoller, als eine neue historisierende Nachbildung zu kaufen. Alte Möbel lassen sich zudem mit hellen Stoffen, modernen Leuchten und zeitgenössischer Kunst neu interpretieren.

Achtet auf die Herkunft des Holzes

Gerade bei Tropenhölzern sollte die Lieferkette nachvollziehbar sein. Das FSC-Siegel bietet eine Orientierung für Holz aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern. Nach Angaben von FSC Deutschland⁠ sind auch zahlreiche Möbel mit entsprechender Zertifizierung erhältlich.

Alternativen sind recyceltes Holz oder heimische Holzarten. Dunkel gebeizte Eiche, Buche oder Nussbaum können eine ähnliche Wirkung erzielen.

Verzichtet auf echte exotische Tierfelle

Tiermuster lassen sich mit Textilien oder Imitaten aufgreifen. Bei echten Fellen können Artenschutzbestimmungen greifen. Unabhängig von der Rechtslage wirken Jagdtrophäen und Felle bedrohter Tierarten heute kaum noch wie ein Ausdruck von Weltläufigkeit.

Mischt Kulturen nicht wahllos

Eine Buddhafigur, eine westafrikanische Maske, ein mexikanischer Totenkopf und ein marokkanischer Teppich ergeben nicht automatisch einen kosmopolitischen Wohnstil. Ohne erkennbaren Zusammenhang werden unterschiedliche Kulturen schnell zu einer allgemeinen Kulisse des „Fremden“.

Stimmiger ist es, einzelne Objekte bewusst auszuwählen und ihre Geschichte zu kennen.

Als unbeschwert romantisierter „Abenteuerstil“ ist er nicht mehr zeitgemäß. Zu gut sind die Gewalt, Ausbeutung und rassistischen Vorstellungen dokumentiert, die mit der europäischen Kolonialherrschaft verbunden waren.

Seine einzelnen Gestaltungselemente können dagegen weiterhin reizvoll sein. Dunkles Holz, Rattan, Leinen und handwerklich gefertigte Gegenstände gehören keiner Kolonialmacht. Sie erhalten ihre Bedeutung durch Herkunft, Verwendung und den Zusammenhang, in den wir sie stellen.

Ein zeitgemäßer Umgang bedeutet daher nicht, alles Historische aus unseren Wohnungen zu verbannen, sonder einfach genauer hinzusehen.

Kann man also Ästhetik und Geschichte zusammendenken?

Der sogenannte Kolonialstil wirkt elegant, warm und weltläufig. Gleichzeitig trägt sein Name die Geschichte eines Herrschaftssystems, das auf Eroberung, Ungleichheit und wirtschaftlicher Ausbeutung beruhte.

Beides darf nicht voneinander getrennt werden. Wir können Formen und Materialien schön finden und trotzdem fragen, woher sie stammen, wer sie geschaffen hat und welche Geschichten bislang nicht erzählt wurden.

Wer bewusst auswählt, faire Herstellung unterstützt, kulturelle Gegenstände respektvoll behandelt und koloniale Symbolik nicht romantisiert, muss auf atmosphärisches Wohnen nicht verzichten. Die Einrichtung verliert dadurch nichts. Sie gewinnt an Haltung, Individualität und echter Weltläufigkeit.

Siegbert Mattheis

Älterer Mann mit weißem Haar und Bart, trägt ein dunkles Hemd und blickt mit einem leichten Lächeln in die Kamera.

Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam AmbienteMediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.

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