Wie ist Rassismus eigentlich entstanden? Und warum?

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„Für mich bist du gar nicht schwarz!“, meinte eine junge Weiße Frau in Berlin zu ihrer langjährigen Schwarzen Freundin. Sie meinte es als Kompliment. Für die angesprochene Frau bedeutete es jedoch etwas anderes: Ihre Hautfarbe und die damit verbundenen Erfahrungen wurden ausgeblendet. Es vermittelte, Schwarzsein sei etwas Negatives, über das man bei einer geschätzten Person großzügig hinwegsehe.

So erzählt es die portugiesische Schriftstellerin Grada Kilomba in ihrem empfehlenswerten Buch Plantation Memories.*

„Du bist auch rassistisch!“

Das meinte einmal eine brasilianische Freundin zu mir. Erst wies ich das empört zurück. Ich, der ich mich als weltoffen und tolerant ansah, sollte rassistisch sein? Aber nach längerem Nachdenken musste ich ihr Recht geben. Denn auch ich bin nicht frei davon, denn ich bin in einer Welt groß geworden, in der wir rassistisch geprägte Vorurteile vielfach ungefragt übernommen hatten.

Vielleicht hilft es, zu verstehen, wie es überhaupt dazu kam. Denn historisch gesehen ist Rassismus ein sehr junges Phänomen. Und eine Erfindung der Neuzeit. In der Antike und im Mittelalter spielte Hautfarbe als soziales Ordnungsprinzip kaum eine Rolle.

Was ist Rassismus, kurz erklärt?

Rassismus ist eine Denkweise und Form der Diskriminierung, bei der Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihres Namens oder ihrer Religion abgewertet, ausgegrenzt oder benachteiligt werden. Dabei werden angebliche Unterschiede konstruiert, um Machtunterschiede und Ungleichbehandlung zu rechtfertigen.

Wobei z. B. die Hautfarbe lediglich durch die Art der Verteilung des Pigments Melanin beeinflusst wird und auch Vitamin D dabei eine wichtige Rolle spielt.

Aber nichts, aber auch gar nichts über Charakter, Kreativität oder gar Intelligenz aussagt.

Warum waren unser aller Vorfahren Schwarz?

Was hat der Mittelmeerraum damit zu tun?

Enorm viel. Denn der Mittelmeerraum war seit der Antike ein Ort des Handels, der Migration und des kulturellen Austauschs. Zugleich verliefen hier Grenzen zwischen Reichen, Religionen und gesellschaftlichen Gruppen.

Was ist mediterran?

Von Portugal und Spanien aus begann später die europäische Expansion entlang der afrikanischen Küste und über den Atlantik.

Auch päpstliche Entscheidungen aus Rom trugen zur religiösen Legitimation von Eroberung und Versklavung bei. Kolonialismus und Rassismus sind deshalb keine von der mediterranen Geschichte getrennten Themen. Und die Folgen spüren wir noch heute.

Mehr über die europäische Kolonialgeschichte

Gab es Rassismus schon in der Antike?

Nicht in dieser Form. Aber die Griechen teilten bereits die Menschen in höherwertige Kulturen (natürlich die griechische) und minderwertige ein. Mit „bárbaros“, (Barbaren) waren alle gemeint, deren Sprache für griechische Ohren unverständlich klang. Vermutlich ahmte die Lautfolge „bar-bar“ dieses unverständliche Sprechen nach.

Die fremdartige Sprache war also ein ausschlaggebender Moment. Auch heute halten wir jemanden, der rudimentäres oder schlechtes Deutsch spricht, instinktiv für weniger gebildet. Andererseits denken wir selten darüber nach, wie wir selbst gesehen werden, wenn wir im Urlaub kaum oder nur schlecht verständlich die Sprache des Landes sprechen, in dem wir uns befinden.

Woher stammt der Begriff “Hottentotten”?

Ähnlich entstand vermutlich auch der heute abwertend gemeinte Ausdruck „Hottentotten“. Denn die ersten niederländischen Siedler in Südafrika hatten die für europäische Ohren ungewöhnlichen Klick- und Schnalzlaute der Khoisan-Sprachen der dortigen Bevölkerung als Gestotter (niederl. hottentot für Stotterer) empfunden. Allerdings ist die genaue Herkunft des Wortes umstritten.

Aristoteles wiederum führte die Unterlegenheit der Barbaren in Hinsicht auf Charakter und Kultur auf deren Herkunft aus andersartigen klimatischen Verhältnissen zurück, denen sie ausgesetzt waren.

Die Griechen waren aber immerhin dazu bereit, dass man Grieche nicht durch Geburt wird, sondern, wie der Philosoph Isokrates im 4. Jahrhundert v. Chr. sinngemäß meinte, dass man Grieche man nicht durch Geburt und Aussehen, sondern durch Vernunft und Bildung sei.

(Siehe Hellenismus)

Später bezeichnete der Begriff „Barbaren“ alle Völker, die nach antiker Auffassung der Griechen und später der Römer auf einer niederen Kulturstufe standen als sie selbst.

Die Germanen beispielsweise wurden als unzivilisiert, rückständig und wild betrachtet, mit „drohenden blauen Augen” und rotblondem Haar (so beschrieb es Tacitus in seinem Werk Germania).

War die Sklaverei der Auslöser für Rassismus?

Nein. Aber der massenhafte transatlantische Sklavenhandel ab dem 15. Jahrhundert legte den Grundstein für den Rassimus, wie wir ihn heute verstehen.

Denn in der Antike hatte die Sklavenhaltung an sich nichts mit der Hautfarbe zu tun. Ägypter sahen ihre hellbraune Hautfarbe zwar als höherwertig gegenüber den Weißen aus dem Norden und den Schwarzen im Süden an, aber Sklaven rekrutierten sie aus allen besiegten und unterworfenen Völkern.

Mit den dunkelhäutigen Nubiern im Süden pflegten sie Handelsbeziehungen und übernahmen viele kulturelle Einflüsse wie Rituale und Trachtenelemente des Königtums, Bestattungsriten und sogar die gleichrangige Stellung der Frau. Aussehen und Wesenszüge einzelner Gottheiten wurden von den Nubiern angeregt und übernommen.

Auch aus Mesopotamien ist die Sklaverei schon aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. überliefert. Bei den Griechen und Römern war die Sklavenhaltung Usus.

Gott der Bibel befürwortete die Sklaverei

Und selbst „Gott“ sprach in der Bibel von der Normalität, Sklaven zu halten, zu kaufen und zu verkaufen, vornehmlich von den Völkern, die ringsherum lebten.

Ein Auszug:

“Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; (…) Sie sollen euer Besitz sein und ihr dürft sie euren Kindern nach euch vererben (…) Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den anderen mit Gewalt herrschen.”

(was er bei Sklav:innen aber erlaubt).

Im späteren Christentum war es zumindest in vielen christlichen Gemeinden verboten, andere Christen zu erwerben oder zu verkaufen.

Welche Rolle spielte die Hautfarbe in der Antike und im Mittelalter?

So gut wie keine. Dunkelhäutige Menschen aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Subsahara-Afrika bekleideten in diesen antiken Kulturen hohe politische, militärische und religiöse Ämter.

Kaiser Septimius Severus (193–211 n. Chr.) etwa stammte aus Leptis Magna im heutigen Libyen.

In der christlichen Ikonographie des Mittelalters wurde der Heilige Mauritius, ein nordafrikanischer Märtyrer, gestorben etwa um 290 n. Chr., ab dem 13. Jahrhundert als schwarzafrikanischer Mann dargestellt, ohne jede abwertende Konnotation.

Er war sogar ein Schutzheiliger des Heeres, der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede und wurde angerufen vor Kämpfen, Gefechten und Schlachten. Er ist auch heute noch im Stadtwappen vom thüringischen Bad Sulza zu finden.

Wappen mit einer gepanzerten Figur, die ein Banner hält, neben einem gelben Baum mit Wurzeln auf schwarzem Hintergrund.
Wappen der thüringischen Stadt Bad Sulza mit dem Schwarzen heiligen Mauritius © Bad Sulza
Holzstatue einer Person mit lockigem Haar, dunklem Gesicht, verziertem Kragen und einem Gewand mit goldenen Mustern.
Benedikt der Mohr im Museum Colegio San Gregorio in Valladolid, Spanien © Siegbert Mattheis

Auch Benedikt der Mohr, 1589 in Palermo verstorben, wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Er war ein afrikanischstämmiger befreiter Sklave und Ordensmann, der auf Sizilien wirkte.

Einige schriftliche Bewertungen von Menschen nach Hautfarbe finden sich in arabischen Quellen ab dem 10. Jahrhundert. Hier wurden die zwei minderwertigen Zivilisationen der weißen Europäer, Türken und Ostasiaten und der schwarzen Afrikaner und Inder aus „klimatischen Extremzonen“ den höherwertigen Menschen der hellbraunen Araber gegenübergestellt.

Welche Rolle spielte der Kolonialismus bei der Entstehung des Rassismus?

Die entscheidende Zäsur liegt im 15. und 16. Jahrhundert. Als die Portugiesen 1420 Madeira entdeckten und dort bald darauf Zuckerrohr anbauten, brauchten sie Arbeitskräfte. Bezahlte Arbeiter:innen hätten jedoch den enormen Gewinn, der damals mit Zucker zu erwirtschaften war, geschmälert. Und Christen aus Europa durfte man ja nicht versklaven.

Heinrich der Seefahrer

Aus den Expeditionen von Heinrich dem Seefahrer entlang der westafrikanischen Küste auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien entstand die Idee, mit Schwarzen als Sklav:innen zu handeln. Denn die waren Heiden und der muslimische Transsahara-Sklavenhandel mit Schwarzafrikaner:innen vor allem über Sansibar war damals schon Jahrhunderte alt. Hier konnte man sich bei den etablierten Strukturen bedienen.

Und alleine die Hautfarbe verhinderte Fluchtversuche.

Versklavte Menschen in Ketten gehen in einer Reihe entlang einer tropischen Küste, bewacht von bewaffneten Männern.
Sklavenkaravane, anonymer Maler; Museum der Sklaverei, Fort-de-France, Martinique

Welche Rolle spielte die Kirche beim Sklavenhandel?

Heinrich der Seefahrer hatte als Administrator des Christusordens gute Kontakte zum damaligen Papst Nikolaus V. Der legitimierte mit der Bulle “Dum Diversas” am 18. Juni 1452 den Sklavenhandel folgendermaßen:

„Daher gewähren Wir (…) Dir völlige und freie Vollmacht, die sarazenischen, heidnischen und sonstwie ungläubigen und christusfeindlichen (…), anzugreifen, zu erobern, zu bekämpfen oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten und die Reiche, Herzogtümer, Grafschaften, Fürstentümer und sonstigen Herrschaften, die Besitztümer und dergleichen Güter für Dich und Deine Nachfolger als Könige Portugals für immer als Eigentum in Besitz zu nehmen und für Deinen und Deiner Nachfolger Gebrauch und Nutzen zu verwenden.“

Damit und mit der 3 Jahre später verfassten späteren Bulle Romanus Pontifex hatten die Portugiesen einen Freibrief und die moralische Rechtfertigung für die Versklavung der schwarzen Afrikaner:innen.

Dieses Modell übertrugen die Portugiesen später in die südamerikanischen Kolonien.

Versklavte Afrikaner auf einem Schiffsdeck, bewacht von bewaffneten Männern, mit einem Schiff im Hintergrund.
"Der Sklavenhändler", Lithografie 1845 Foto: © Siegbert Mattheis

Der systematische, transatlantische Sklavenhandel hatte begonnen

Und so entstand erstmals ein kapitalistisches System, das auf der Versklavung von Menschen einer bestimmten geografischen und äußerlichen Herkunft beruhte.

Spanien, England, Frankreich und die Niederlande stiegen nach und nach ebenfalls in diesen lukrativen Handel ein. Auch afrikanische Herrscher, Händler und politische Reiche beteiligten sich an der Gefangennahme und dem Verkauf von Menschen.

Mehr zur europäischen Kolonialgeschichte

Es ging schließlich um viel Geld.

Die europäischen Kolonialmächte schufen daraus jedoch ein transatlantisches, über Jahrhunderte betriebenes Wirtschaftssystem, bestimmten die enorme Nachfrage und transportierten Millionen Menschen gewaltsam über den Atlantik.

Dann gab es ein Problem.

Schwarze Christen durften nicht versklavt werden

Als sich Sklav:innen aber zum Christentum bekehrten und sich taufen ließen, tauchte ein Problem auf. Denn es gab einige Fälle in den englischen Kolonien, in denen sich schwarze Sklaven, nun Christen, damit das Recht auf Freiheit vor Gericht erstritten.

Das gefährdete das Plantagensystem. Also musste man sich etwas anderes einfallen lassen.

So wurden in den englischen Kolonien Nordamerikas ab den 1660er Jahren erstmals Gesetze erlassen, die die Sklaverei explizit an die Hautfarbe knüpfte, sogenannte „Slave Codes”.

In Virginia etwa wurde 1662 per Gesetz festgeschrieben, dass der Status eines Kindes auch dem der Mutter folgt. Das machte die Versklavung erblich und rassistisch. 1667 erklärte Virginia ausdrücklich, dass eine Taufe den Status als versklavter Mensch nicht verändere.

1685 zog der französische König Ludwig XIV. nach und regelte ebenfalls die Sklaverei in den französischen Kolonien per Dekret, dem sogenannten Code Noir. Er definierte Versklavte nun einfach als bewegliche Güter (meubles), regelte deren Behandlung, Pflichten und Strafen.

Der Kodex forderte zudem den Katholizismus als einzige Religion und führte zur Vertreibung von Juden aus den Kolonien. So hatte man auch gleich weniger wirtschaftliche Konkurrenz.

Dann tauchte ein weiteres Dilemma auf.

Freie Farbige Menschen

Denn da es dort an weißen Frauen mangelte, erkannten weiße Plantagenbesitzer (sogenannte Grands Blancs) sehr schnell, dass Schwarze Frauen sehr wohl menschlich waren. Diese durch Vergewaltigung, sexuelle Ausbeutung oder Beziehungen unter extrem ungleichen Machtverhältnissen entstandenen Nachkommen hatten nun plötzlich hellere Hautfarben. Einigen eigenen Söhnen und Töchtern gewährten die Herren zum Teil nun die Freiheit. So entstand in den französischen Kolonien wie Martinique und Gouadeloupe die rechtlich und sozial sehr unterschiedlich gestellte Gruppe der freien farbigen Menschen, der gens de couleur libres.

Einige konnten nunmehr selbst Eigentum besitzen und Sklaven halten.

Sie waren nun also nicht mehr ganz schwarz, waren katholisch und kleideten sich zum Teil sogar vornehmer als die weißen Plantagenbesitzer:innen. Es fiel immer schwerer, sie nur als “bewegliche Güter” zu betrachten.

Siehe Kreolische Tracht

Jetzt wurde es spannend.

Schaufenster, in dem Haarpflegeprodukte ausgestellt sind, hinter denen Plakate mit verschiedenen Models zu sehen sind, die unterschiedliche Frisuren präsentieren.
Auf Martinique findet man alle Hautfarben, hier ein Plakat eines Salon de Beauté in Fort-de-France © Siegbert Mattheis

Welche Rolle spielte die Aufklärung bei der Entstehung des Rassismus?

In Europa hingegen begann man nach dem grausamen 30-jährigen Krieg inzwischen damit, überkommene Traditionen, blinden Gehorsam und „Gottgewolltes“ in Frage zu stellen. Der eigene Verstand rückte in den Mittelpunkt. “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”, postulierte Immanuel Kant 1784.

Das Zeitalter der „Aufklärung“ hatte begonnen.

Europäische Denker versuchten nun, auch das Wissen um die Welt, Fauna und Flora und die Menschheit wissenschaftlich zu untermauern.

Das führte zu vielen Expeditionen rund um den Globus, der damals schon weitgehend von weißen Europäern beherrscht wurde.

Und nachdem Berichte über die grausamen und menschenunwürdigen Zustände auf den Sklavenschiffen und Plantagen auch der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden, begannen sich viele Menschen für die Abschaffung der Sklaverei einzusetzen. Die Forderungen nach Menschenrechten, Toleranz und Bildung für alle Menschen wurden lauter.

Schematische Darstellung eines Sklavenschiffs, auf der unter Deck dicht gedrängt stehende, in Ketten gelegte Menschen zu sehen sind; links sind die Fesseln abgebildet.
Schematische Darstellung der Ladung menschlicher Ware in einem speziell dafür gebauten Sklavenschiff; Museum der Sklaverei, Fort-de-France, Martinique © Siegbert Mattheis

Infolgedessen musste eine andere Rechtfertigung für die Sklaverei her. Denn es ging weiter um viel Geld, Macht und Einfluss, den man sich dadurch sichern konnte. Zucker, Kaffee, später Baumwolle oder Tabak konnten nur durch die geringen Herstellungskosten durch Sklav:innen mit riesigen Gewinnen nach Europa verkauft werden.

Diese Rechtfertigung lieferten nun ausgerechnet die zeitgenössischen Philosophen und Wissenschaftler der Aufklärung, gewollt oder ungewollt.

Wann tauchte erstmals das Wort Rasse auf?

1684 veröffentlichte der französische Arzt François Bernier einen Text, in dem er vorschlug, die Erde nicht nur in geographische Regionen, sondern auch nach den Arten oder Rassen von Menschen zu unterteilen, die sie bewohnen.

Bernier wandte sich jedoch dagegen, Menschen vorschnell nach der Hautfarbe zu kategorisieren, und rechnete die Bewohner Nordafrikas und Vorderasiens bis nach Indien zur selben „Art“ oder Rasse wie die Europäer.

Wann wurde Hautfarbe mit Charaktereigenschaften verknüpft?

1758 ordnete dann der schwedische Naturforscher Carl von Linné in der 10. Auflage seines Werks Systema Naturae die Menschheit in vier Untergruppen ein (Europaeus, Americanus, Asiaticus, Africanus). Dabei verknüpfte er jedoch die Hautfarbe mit Charaktereigenschaften. Schwarze Menschen beschrieb er dabei abwertend und mit erfundenen negativen Eigenschaften.

Er sah dabei die afrikanische Bevölkerung als die “am wenigsten wünschenswert” an, da er sie aufgrund des heißen Klimas als geschwächt betrachtete. Den weißen Europäer hingegen charakterisierte er als erfinderisch.

Seine Klassifikation trug wesentlich dazu bei, gesellschaftliche Vorurteile als vermeintlich naturwissenschaftliche Unterschiede erscheinen zu lassen.

1775 prägte der Göttinger Mediziner, Anthropologe und Rassentheoretiker Johann Friedrich Blumenbach den Begriff der „kaukasischen Rasse” als Norm, von der andere abwichen. Seine Wahl basierte dabei auf seinen eigenen ästhetischen Empfindungen. Er lehnte hingegen die Unterscheidung in unterlegene und überlegene Rassen grundsätzlich ab. Er sammelte und publizierte sogar Belege für die intellektuelle Gleichwertigkeit aller Menschen.

Sein Kollege Samuel Thomas von Soemmerring glaubte jedoch nach der Obduktion von mehreren Leichen afrikanischer Menschen sagen zu dürfen, dass die Schwarzen eine den Europäern unterlegene Menschenart darstellten.

1785 befürwortete der Philosoph Christoph Meiners offen die Beibehaltung der Sklaverei und bemühte dafür Rassenunterschiede als Rechtfertigung so, dass „das gegenwärtige Menschengeschlecht aus zween Hauptstämmen bestehe, dem (…) Kaukasischen, und dem Mongolischen Stamm: daß der letztere nicht nur viel schwächer von Cörper und Geist, sondern auch viel übel gearteter und tugendleerer (…) sey“.

Blumenbach trat beiden Meinungen vehement entgegen.

Waren Kant, Hegel und andere Philosophen der Aufklärung rassistisch?

Immanuel Kant, einer der wichtigsten Philosophen der Aufklärung, (den ich ansonsten für einige seiner Ideen bewundere) äußerte sich in Schriften dieser Zeit ebenfalls rassistisch.

Tatsächlich unterschied Kant mehrere „Rassen“ von Menschen und verband diese Systematik auch mit einem Werturteil über das angebliche intellektuelle Vermögen der betreffenden Gruppen: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent“, heißt es dort. Schwarze Menschen seien noch „weit tiefer“ angesiedelt, hätten „ von der Natur kein Gefühl“, aber „am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften“, sie seien „unfähig zu aller Cultur“.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Kant, der die weitere Umgebung von Königsberg nie verlassen hatte,  je einem (freien) Schwarzen Menschen begegnet ist.

Selbst Frauen und Kinder seien „nicht in diesen Begriff der Menschheit oder des Menschseins gefasst“, der Kant als Ideal vorschwebt.

In seinen späteren Schriften kritisierte Kant allerdings europäische Kolonialpraktiken und entwickelte das Weltbürgerrecht. Ob er damit auch seine früheren rassistischen Hierarchien vollständig aufgab, ist in der Forschung umstritten.

Selbst der Philosoph Hegel lieferte der Sklaverei und der Abwertung von Schwarzen Vorschub, indem er die Bewohner:innen des subsaharischen Afrika als „Kindernation, die aus der kindlichen Interessenlosigkeit nicht herausgehn“ einschätzte und weiter meinte:

„Der N* existiert nicht als frei durch die Natur; er ist das Gegenteil. (…) Man muß die Freiheit durch Bändigung des Naturells der N* ihnen anerziehen.”

Diese Philosophen und Naturwissenschaftler hatten enormen Einfluss auf die Gesellschaft, sie waren quasi die damaligen Influencer. Mit Millionen von „Followern“.

Sie lieferten nun einen „wissenschaftlich belegbaren“ Beweis, dass Schwarze und Indigene von Natur aus minderwertig seien.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Dennoch mündete das Zeitalter der Aufklärung gleichzeitig auch in der Französischen Revolution 1789 mit der Forderung „Liberté, Égalité, Fraternité“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit).

Aus diesen Idealen wiederum nährte sich die Haitianische Revolution, der Aufstand der Sklaven in der französischen Kolonie Saint Domingue.

Diese schlussendlich erfolgreiche Revolution, die 1803 mit dem Sieg über Napoleons riesige Expeditionsarmee endete, widerlegte die Behauptung, versklavte Schwarze Menschen seien unfähig zu politischer und militärischer Selbstorganisation.

Im Anschluss entstand auf Haiti das erste, von Sklaven gegründete Schwarze Kaiserreich der Geschichte. 1804 wurde in Haiti als erstem Land der Geschichte die Sklaverei offiziell abgeschafft.

Sklavenhalter flohen mit ihren Sklaven aus Haiti in die damalige französische Kolonie Louisiana in Nordamerika und bauten dort ihr Plantagensystem mit Zuckerrohr und später Baumwolle und Tabak wieder auf.

Napoleon war zunächst einfach pragmatisch und ließ die 1794 offiziell abgeschaffte, aber kaum umgesetzte Sklaverei 1802 in den anderen Teilen des französischen Kolonialreichs wie Guadeloupe und Martinique wiederherstellen. Ausschlaggebend waren wirtschaftliche und geopolitische Interessen sowie der Einfluss kolonialer Eliten wie die Familie seiner Frau Joséphine, die Plantagenbesitzer auf Martinique waren. Deren Gewinne wären durch die endgültige Abschaffung der Sklaverei gegen Null gegangen.

In der Folge sahen sich weitere Wissenschaftler und Ärzte bemüht, die Macht und Überlegenheit der „weißen Rasse“ zu untermauern.

Was war der sogenannte wissenschaftliche Rassismus?

Demzufolge wurde Rassismus im 19. Jahrhundert zu einer systematischen Pseudowissenschaft ausgebaut, dem „wissenschaftlichen Rassismus”. Schädelausmessungen, Intelligenztests und biologistische Theorien sollten eine natürliche Hierarchie zwischen Menschengruppen belegen.

Diese Ideologie diente gleichzeitig als Rechtfertigung für den europäischen Kolonialismus. Denn bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten europäische Mächte große Teile Afrikas, Asiens, Amerikas und Ozeaniens kolonisiert oder unter ihre politische und wirtschaftliche Kontrolle gebracht.

Es ging ja nicht nur um Sklaverei, sondern auch um die Ausbeutung von Bodenschätzen, Kautschuk, Kaffee, Tee und vielem mehr für Europa. Diese sah man unter dem Deckmantel der “Zivilisierung” anderer Völker als gerechtfertigt an.

USA

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war einer der prominentesten Wissenschaftler der USA der Arzt Samuel Morton. Er sammelte um die 900 Schädel und versuchte mittels der Messung der Größenunterschiede zwischen Weißen und Nichtweißen die höhere Intelligenz der Weißen zu beweisen. Als Morton 1851 starb, lobte ihn das Charleston Medical Journal in South Carolina dafür, dass er „dem Neger seinen wahren Platz als minderwertige Rasse gegeben“ habe.

Frankreich

In Frankreich schrieb französische Diplomat Gobineau 1853, dass die Menschheit durch Rassenmischung in ihrer Qualität gemindert würde. Am unverfälschtesten habe sich die “weiße Urrasse” dabei in Skandinavien und insbesondere im französischen Adel gehalten. Die modernen Deutschen stellten lediglich eine minderwertige Mischung aus Kelten und Slawen dar.

Deutsches Reich

Andererseits bewunderte Gobineau Richard Wagner und traf mehrmals mit diesem zusammen. Wagner selbst kritisierte die rassistischen Ideen Gobineaus und wies sie teils zurück.

Allerdings war sein späterer Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain begeistert von Gobineaus Grundgedanken. Er ergänzte sie um einen verstärkten Antisemitismus und hielt nunmehr nicht den französischen Adel, sondern vielmehr das deutsche Volk für besonders „arisch“.

1899 veröffentlichte er das Werk „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“. Kaiser Wilhelm II. war davon angetan. Es wurde zu einem Standardwerk des rassistischen und ideologischen Antisemitismus in Deutschland.

Diese Ansichten fielen später bei Hitler auf fruchtbaren Boden.

Welche Rolle spielte der Sozialdarwinismus?

Charles Darwins Evolutionstheorie von 1859 wurde missbraucht und verfälscht. Der sogenannte Sozialdarwinismus übertrug das Prinzip des „Überlebens des Stärkeren” auf menschliche Gruppen, was Darwin selbst nie beabsichtigt hatte und was seiner Theorie fundamental widersprach.

1875 veranstaltete Carl Hagenbeck in Hamburg eine seiner ersten großen sogenannten Völkerschauen. Eine Gruppe von Sámi (früher als „Lappen“ bezeichnet) wurde dabei vor Publikum als vermeintlich exotische Bevölkerungsgruppe inszeniert. Sie musste in künstlichen Kulissen wie in einem Menschenzoo als angebliche „primitive Naturvölker“ auftreten. Das erfolgreiche Geschäftsmodell wurde anschließend mit Menschen aus zahlreichen kolonisierten Regionen fortgeführt.

Auch in den USA entstanden sogenannte „Freak Shows“, für die Besucher:innen viel Geld zahlten.

1865 wurde dort nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (weil der Süden die Sklaverei beibehalten wollte) zwar die Sklaverei verboten. Aber schon ein paar Jahre später in den 1870er-Jahren erließen die Behörden vor allem in den Südstaaten sogenannte Jim-Crow-Gesetze, die darauf abzielten, Afroamerikaner im Alltag zu trennen und politisch zu entmachten.

Institutioneller Rassismus

Im 20. Jahrhundert erreichte der institutionelle Rassismus seine grauenvollen Höhepunkte  in der Rassentrennung in den USA, in der Apartheid in Südafrika und im nationalsozialistischen Deutschland, das Rassismus zur Staatsdoktrin erhob und in den Holocaust mündete.

Gibt es biologische Menschenrassen?

Nein. Die wissenschaftliche Widerlegung des Rassenkonzepts begann ebenfalls im 20. Jahrhundert. Ab den 1940er und 50er Jahren distanzierten sich die UNESCO und führende Biologen explizit vom biologischen Rassebegriff.

Richard Lewontins genetische Studien von 1972 untermauerten endgültig, dass biologische „Rassen” beim Menschen nicht existieren.

Rassismus wurde erfunden

Um ethische Probleme und den massenhaften Import von afrikanischen Arbeitskräften nach Amerika zu legitimieren, wurden rassistische Vorurteile erfunden. Dies beinhaltete die Konstruktion einer Rassenhierarchie, die Schwarze als minderwertig darstellte.

Obwohl Rassismus wohl auch vor der transatlantischen Sklaverei existierte, war sie der entscheidende Faktor, der den Rassismus in seiner heutigen Form als Rechtfertigungssystem für die Versklavung spezifisch schwarzer und andersfarbiger Menschen prägte.

Die Idee, dunkle Haut sei ein Zeichen von Minderwertigkeit, ist historisch betrachtet wenige hundert Jahre alt. Die afrikanischen Ursprünge aller heute lebenden Menschen sind hingegen über 300.000 Jahre alt.

Siegbert Mattheis

Älterer Mann mit weißem Haar und Bart, trägt ein dunkles Hemd und blickt mit einem leichten Lächeln in die Kamera.

Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam AmbienteMediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.

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