Shatta Music, Female Empowerment aus der Karibik

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Shatta Music ist uns das erste Mal in der Karibik in einem Club auf Martinique begegnet. Zunächst waren wir irritiert, wie ungehemmt und selbstbewusst, gleichzeitig aber extrem körperbetont sich die Sängerinnen gaben.

Knapp bekleidet, in engen Outfits und glänzenden Trikots in Neonfarben. Und in den Texten „dreckige“ Sprüche über sexuelle Themen …

Zwei Personen mit langen blonden Haaren und auffälligem Make-up posieren, wobei die eine schreit und die andere in die Kamera schaut.
Shatta-Music Künstlerinnen Shannon und Kryssy, Screenshot aus ihrem Video QUEENS © Kryssy

Ist das das Ende der feministischen Selbstbehauptung?

Im Gegenteil, wie wir später in unseren Recherchen herausfanden. Gerade Women of Color (WoC), die oft immer noch auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie leben müssen, ermöglicht die Shatta-Musik, soziale Normen zu stören.

Sie dekonstruieren sexuelle Normen durch einen hypersexuellen Diskurs, der es ermöglicht, die Bilder der schwarzen Sexualität, des schwarzen Körpers und der schwarzen Erotik zu überdenken. Außerdem nutzen sie Shatta-Musik, um ihre Rechte, ihre Macht und Unabhängigkeit einzufordern.

Was ist Shatta?

Shatta ist ein zeitgenössischer karibischer Tanz- und Musikstil, der Körper, Rhythmus und Sichtbarkeit ins Zentrum stellt. Er entwickelte sich ab etwa 2013 in den französischen Antillen aus der Aneignung jamaikanischer Dancehall-Ridims.

Der Stil ist eng mit Dancehall verwandt, zeichnet sich jedoch durch schnellere Beats, eine harte Rhythmik und eine starke Betonung von Körperbewegung und Präsenz aus. Inzwischen hat Shatta auch die Dancefloors der Clubs in Paris erreicht. Dort gilt das neue Musikgenre als der Party-Renner.

Woher stammt Shatta-Musik?

Shatta entstand in einem urbanen Umfeld in Martinique und Guadeloupe und ist eng mit der Lebensrealität junger Menschen dort verbunden. Der Stil entwickelte sich außerhalb von offiziellen Kulturinstitutionen und verbreitete sich zunächst lokal, später über soziale Netzwerke und Musikplattformen.

Wie waren die Anfänge des Shatta?

Zunächst dominierten Männer den Shatta. Ihre Texte waren vorwiegend sexuell und oft aus einem Blickwinkel heraus, der Frauen zum Objekt degradierte. Es ging darum, Spaß zu haben und ein Ventil zu finden in der harten Lebensrealität auf den französischen Antillen, wie es DJ Chinwax erzählt. Der DJ und Produzent hatte mit seinem Song „Shatta” das Genre aus seiner Heimat auch in Metropolfrankreich nach vorne gebracht.

Wie ist der weibliche Shatta entstanden?

Dann aber haben sich junge Frauen die Bewegung angeeignet, um ihre Erfahrungen als Frauen zu äußern. Für sie repräsentiert Shatta eine Form des modernen karibischen Feminismus, der es Frauen ermöglicht, traditionelle Geschlechterrollen durch Themen wie Sexualität, finanzielle Unabhängigkeit und eine kompromisslose Haltung zu unterlaufen.

„Ursprünglich war es Musik, die eher von Männern gemacht wurde. Und wenn da eine Frau kommt, die „Männerdinge“ singt, erschrecken sich viele. Aber das war mir egal. Ich habe einfach mein Ding gemacht,“ erzählt Kryssy, eine der Shatta-Stars.

Frau mit Brille und Ohrringen sitzt in einem Studio mit Tontechnik, die Hände vor sich verschränkt.
Shatta-Sängerin Kryssy im Interview mit arte © arte
Eine Frau in einem glitzernden blauen Kleid steht unter einem Scheinwerferlicht auf der Bühne vor einem dunklen Hintergrund.
Shannon, Screenshot aus ihrem Video Senbòt (Feat Mikado) © Shannon

Aus dem martinikanischen Kreolischen stammend, entwickelte sich Shatta (abgeleitet vom jamaikanischen Slangbegriff für „Gangster”) so allmählich zu einer Bezeichnung für starke, selbstbewusste Frauen.

Worum geht es in den Texten der weiblichen Shatta-Sängerinnen?

Weibliche Shatta-Künstlerinnen wie Maureen und Kryssy drehen die traditionell männliche „gangsta“-Thematik um, um Unabhängigkeit, finanzielle Macht und Kontrolle über ihr eigenes Leben auszudrücken.

Sie singen über Ermächtigung und Selbstvertrauen: “m’en fous de c’ que tu penses je suis blindée de talent” (dt. “Es ist mir egal, was du denkst, ich bin voller Talent”).

Über Ehrgeiz “La vie nou G , la vie nou belle , la vie nous rose, Biensur nou ka travail red , pou nou pé sa rouler en boss” (dt. “Unser Leben ist groß, unser Leben ist schön, unser Leben ist wunderbar. Natürlich arbeiten wir hart, damit wir wie ein Boss unterwegs sein können”) oder über die

Positionierung der Frau als Subjekt und nicht als Objekt: „La chou veut pas de toi, range ton slip“ (dt. “Die Süße will dich nicht, zieh deine Unterhose an”).

So dekonstruieren sie die Codes des patriarchalischen Systems.

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In welcher Sprache sind die Shatta-Texte?

Die Texte sind eine Mischung aus Kreolisch, Französisch und Englisch. Wobei Englisch oft für die “dreckigen” Wörter genutzt wird, die auf Kreolisch oder Französisch zu direkt wirken würden. Die Szene beinhaltet oft „badass”, intensive und lustige Partyszenen, die manchmal als „too shatta” bezeichnet werden und eine energiegeladene Person, Atmosphäre oder Party zu beschreiben. (badass entspringt der Jugendsprache und bedeutet auf Deutsch so viel wie echt krass, geil, mega).

Welche Rolle spielt der Körper beim Shatta?

Im Gegensatz zu traditionellen Ausdrucksformen, die über Kleidung und Stoffe Bedeutung erzeugen, verlagert Shatta den kulturellen Ausdruck auf den Körper selbst. Haltung, Bewegung und Rhythmus übernehmen die Rolle von Zeichen. Der Körper wird nicht verhüllt oder neutralisiert, sondern bewusst in den Mittelpunkt gestellt.

Diese Verschiebung ist kulturhistorisch relevant, weil sie an frühere Formen weiblicher Sichtbarkeit in der Karibik anschließt, etwa an das Tragen des Kopftuchs als öffentliches Zeichen sozialer Präsenz.

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Ist Shatta ein Ausdruck weiblicher Emanzipation?

Shatta kann als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung gelesen werden, wenn Frauen ihren Körper aktiv, sichtbar und selbst gewählt inszenieren. Viele Tänzerinnen treten frontal, präsent und kontrolliert auf. Der weibliche Körper wird nicht entschuldigt oder verborgen, sondern bewusst eingesetzt.

Damit widerspricht Shatta kolonialen und religiösen Vorstellungen, nach denen weibliche Würde an Zurückhaltung und Bedeckung gebunden war. Autonomie zeigt sich hier durch Sichtbarkeit statt Anpassung.

Wie lässt sich Shatta historisch einordnen?

Shatta steht nicht in direkter Tradition der kreolischen Tracht, lässt sich jedoch symbolisch in eine Linie einordnen. Wie das karibische Kopftuch im 19. Jahrhundert markiert auch Shatta weibliche Präsenz im öffentlichen Raum. Damals geschah dies über Stoff, Farbe und Bindung, heute über Bewegung, Rhythmus und Körper.

In beiden Fällen entsteht Bedeutung nicht durch das Zeichen selbst, sondern durch die bewusste Wahl.

Mehr über Shatta findet ihr bei Tracks in der arte-Mediathek

Fazit: Warum Shatta mehr ist als nur Dancehall Music

Shatta ist unserer Meinung nach kein kurzfristiger Trend, sondern ein zeitgenössischer Ausdruck karibischer Kultur. Er zeigt, wie Fragen von Körper, Würde und Selbstbestimmung in der Karibik immer wieder neu verhandelt werden. Nicht über Anpassung, sondern über Präsenz.

Siegbert Mattheis

Älterer Mann mit weißem Haar und Bart, trägt ein dunkles Hemd und blickt mit einem leichten Lächeln in die Kamera.

Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam AmbienteMediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.

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