Koloss von Rhodos, Mythos und Wirklichkeit: Wo stand er wirklich?

Der Koloss von Rhodos stand breitbeinig über der Hafeneinfahrt von Rhodos. Dort, wo heute die beiden Säulen mit dem Hirsch, dem Wappentier von Rhodos und der Hirschkuh stehen.
So jedenfalls suggerieren es uns die vielen Bilder und Souvenirs, die im Umlauf sind. Aber stand er wirklich dort und sah er wirklich so aus, wie wir er dargestellt wird?

Wann wurde der Koloss erbaut?

Der Koloss von Rhodos wurde in 12 Jahren Bauzeit von etwa 304 bis 292 v. Chr. aus Bronze gegossen. Er war etwa 33 Meter hoch und dem Sonnengott Helios geweiht. Er zählte schon in der Antike zu den sieben Weltwundern. Nur 66 Jahre später stürzte der Koloss bei einem verheerenden Erdbeben 226 v. Chr. in sich zusammen.

Kupferstich eines unbekannten Künstlers, etwa 16. Jhd. © Wikipedia
Kupferstich eines unbekannten Künstlers, etwa 16. Jhd. © Wikipedia

Wo stand der Koloss von Rhodos?

Der genaue Standort ist leider nicht wirklich einwandfrei belegt. Plinius der Ältere beschrieb um 77 n. Chr., zwei Jahre vor seinem Tod beim Ausbruch des Vesuvs, der Pompeji und Herculaneum auslöschte, den gefallenen Koloss:

„Vor allen bewunderungswürdig war jedoch der Sonnenkoloss auf Rhodos, welchen der Chares aus Lindos … verfertigt hatte, … seine Höhe betrug 70 Cubitus [Ellen]. Diese Bildsäule wurde 66 Jahre später durch ein Erdbeben umgestürzt, erregt aber auch liegend noch Bewunderung. Nur wenige umfassen seinen Daumen, und die Finger sind größer als viele Statuen. An den zerbrochenen Gliedmaßen klaffen geräumige Höhlen, und inwendig sieht man bewundernd schwere Steinmassen, durch deren Gewicht man ihn bei der Aufrichtung festgestellt hatte. Dieser Koloss soll in 12 Jahren für 300 Talente …“ (etwa knapp acht Tonnen Silber) „… verfertigt worden sein, und zwar aus Kriegsgerät, welches der König Demetrios, des langen Aufenthaltes überdrüssig, vor dem belagerten Rhodos zurückgelassen hatte.“

Der Koloss begrub mehrere Häuser unter sich, was eine Vielzahl von Menschen das Leben kostete. Aus Furcht, dass der Koloss nach Wiederaufbau bei einem weiteren Erdbeben ebenso zerstörerisch sein könnte, sahen die Bewohner von Rhodos davon ab, obwohl selbst der ägyptische König Ptolomäus III. Geldmittel dafür angeboten haben sollte.

33 Meter Höhe sind für damalige Verhältnisse schon gigantische Ausmaße einer Statue. Zum Vergleich: die Traufhöhe eines Berliner Altbaus mit 4 Stockwerken beträgt 22 Meter. Die Freiheitsstatue in New York ist um einiges größer (42 Meter), allerdings ohne den Sockel. Die Statue der Bavaria in München ist nicht einmal halb so groß (14 Meter).

Aber zwischen den Beinen des Kolossos (so das griechische Wort), selbst wenn man man noch die Fundamente hinzurechnet, bliebe eine maximale Breite von 13 Metern (bei sehr gespreizten Beinen) und eine maximale Höhe von ebenfalls etwa 13 Metern für die Durchfahrt der Schiffe mit Mast und Segel.

Zur damaligen Zeit waren die Kriegs- und Handelsschiffe jedoch schon von beträchtlicher Größe. Durchschnittlich waren sie zwischen 30 und 50 Meter lang, 5 bis 8 Meter breit und dazu kamen noch die Ausleger der Ruder. Die Masten der Segel kamen etwa auf eine Höhe von 13 bis 15 Metern.

37 m lange griechische Triere, ein Kampfschiff aus dem 5. Jd. v. Chr., hier ein Modell im Deutschen Museum © Siegbert Mattheis
37 m lange griechische Triere, ein Kampfschiff aus dem 5. Jd. v. Chr., hier ein Modell im Deutschen Museum © Siegbert Mattheis

Daher erscheint es unsinnig, die Einfahrt zum eigenen Hafen derart schmal zu halten, dass die eigene Flotte (und Rhodos hatte eine ziemlich große Armada zu der Zeit) nur unter großen Schwierigkeiten vorsichtig und nacheinander auslaufen konnte. Auch hätte der Hafen ganze 12 Jahre lang für die Bauarbeiten gesperrt werden müssen.

Wenn der Koloss von Rhodos tatsächlich an der Hafeneinfahrt stand, wäre er vermutlich komplett ins Meer gestürzt. Plinius der Ältere hätte also wohl tauchen müssen, um die Statue so wie oben zitiert beschreiben zu können.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass der Koloss entweder neben dem Hafen stand oder auf der höchsten Erhebung der Stadt. Oder wie die Historikerin Ursula Vedder nach eingehender Untersuchung meint, in der Nähe des lang gesuchten Helios-Heiligtums oberhalb des Stadions, in dem jährlich Spiele zu Ehren von Helios durchgeführt wurden.

Berichten zufolge, nach denen der Koloss von überall in der Stadt gut zu sehen war, würden diesen Standort bestätigen. Und bei den antiken Griechen war es ohnehin Brauch, eine Statue sehr nahe am Tempel des verehrten Gottes zu platzieren.

So reizvoll und spektakulär die Annahme ist, dass der Koloss von Rhodos mit weit gespreizten Beinen über der Hafeneinfahrt stand, so unwahrscheinlich ist sie leider doch.

So in etwa könnte er ausgesehen haben © Wikipedia
Auch so, aber wesentlich kleiner könnte er ausgesehen haben © Wikipedia
Auch so, aber wesentlich kleiner könnte er ausgesehen haben © Wikipedia

Wie sah der Koloss von Rhodos aus?

Die Historikerin Ursula Vedder hat das Phänomen des Koloss‘ von Rhodos eingehend untersucht. Als gesichert gilt, dass der Koloss eine Strahlenkrone trug, wie alle Darstellungen des Sonnengottes aus dieser Zeit. Vermutlich handelte es sich um einen nackten Jüngling mit Lockenpracht.
Ein weiteres überliefertes schriftliches Zeugnis besagt: „Er hatte das Aussehen eines aufrecht stehenden Mannes“ und weiter „Das Bild des Gottes nämlich ließ sich an seinen Attributen erkennen.“

Wie dem auch sei, die Trümmer des Koloss‘ von Rhodos lagen einige hundert Jahre herum, bis die Araber im Jahre 653 n. Chr. die Insel unter dem Feldherren Muawiyah eroberten. Dieser ließ die Überreste mit 900 Kamelen in die Levante abtransportieren und verkaufte sie dort an einen judäischen Händler.

Wenn Sie mehr über die Studien zum Koloss von Rhodos lesen möchten, empfehlen wir Ihnen das Buch von Ursula Vedder: Der Koloss von Rhodos

 

Text: Siegbert Mattheis

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