Pizzica, der typische Tanz Apuliens

In Melpignano in Apulien, am untersten Ende des italienischen Stiefelabsatzes, findet seit 1998 jedes Jahr Ende August ein besonderes Musik-Festival statt: La Notte della Taranta, die Nacht der Tarantel. Dort wird ein ganzes Wochenende lang in den Straßen und auf den Plätzen des nur etwa 2.000 Einwohner zählenden Dorfes pizzica bis zum Umfallen getanzt. Dieses Jahr fällt der Termin auf den 25. und 26. August.

Was ist Pizzica?

Pizzica, oder auch pizzica pizzica genannt, ist eine besondere apulische Art des Tarantella-Tanzes. Zur schnellen Musik, meist im 6/8-Takt mit Violine, Akkordeon und dem unentbehrlichen Tamburin werden vorwiegend Liebes-Lieder im apulischen Dialekt gesungen und dazu bis zur Erschöpfung getanzt.

Was ist der Ursprung der Tarantella-Tänze?

Der Legende nach soll eine junge Frau im Mittelalter bei der Feldarbeit von einer giftigen Spinne gebissen worden sein. Um das Gift loszuwerden, bestellte die Familie Musiker, die die Frau zum Tanzen bringen sollten, um das Gift auszuschwitzen. Die junge Frau überlebte, und so entstand der Tarantella-Tanz, benannt nach der Tarantelspinne, deren Name wiederum von der Stadt Tarent abgeleitet wurde. Daher stammt auch die im Deutschen bekannte Redewendung „wie von der Tarantel gestochen“.

Wie wird pizzica getanzt?

Bei der pizzica gibt es einige Grundschritte, aber jeder kann auch seine Schritte frei erfinden. Ein wichtiges Detail ist jedoch, dass man hauptsächlich auf den Zehenspitzen tanzt, um quasi die giftige Tarantel zu zertreten. Pizzica wird von Jung und Alt getanzt. Typischerweise tanzen zwei Frauen zusammen, aber auch Mann und Frau, Frau und Kind, Großvater und Enkelin und es gibt auch den Tanz zweier Männer. In allen Fällen ist jedoch eine jegliche Berührung der anderen Person tabu. Man versucht, die Schritte des anderen zu imitieren, oder legt besondere Schritte vor, um imitiert zu werden.

Im Tanz der Pizzica sind die Rollen, die Geschlechter und ihre Darstellung sehr ausgeprägt. Er besitzt nicht vordergründig eine erotische Komponente, die aber aber durchaus entstehen kann.

Frauen tanzen vorwiegend mit langen Röcken und haben meist einen Schal oder Tuch um die Schultern, um ihre Schönheit und Weiblichkeit zum Ausdruck zu bringen. Sie raffen ihre Röcke, zeigen Bein und spielen mit dem Tuch, um Männer einzufangen.
Der Mann versucht während des Tanzes seine Männlichkeit, seine Stärke und seine Athletik auszudrücken und versucht, mit ausgestreckten, offenen Armen die Frau auf Distanz zu umarmen.

Pizzica erinnert ein wenig an Flamenco oder auch an den griechischen Rembetiko, ist aber viel spaßbetonter und nicht explizit erotisch wie der Flamenco und im Gegensatz zum Rembetiko nicht von tragischen Momenten getragen.

Woher kommt der Name pizzica?

Der Name ist abgeleitet aus dem Italienischen Wort pizzicare, das Jucken, Stechen, Beißen oder auch Kribbeln bedeutet. Pizzicato bedeutet, gebissen oder gestochen worden zu sein.

Die erste schriftliche Quelle, die heute bekannt ist, stammt vom 20. April 1797 und bezieht sich auf einen Tanzabend, den der Adel von Tarent König Ferdinand IV. von Bourbon anlässlich seines diplomatischen Besuchs in der Stadt angeboten hatte. Der Text spricht von einer ‚pizzica pizzica‘ als noble Geste des Tarentiner Adels.

Was ist Neo Pizzica?

Die Tarantella-Musik und der Tanz galt im nördlichen Italien vor allem in der Zeit des Faschismus‘ als Ausdruck der Rückständigkeit des Südens und geriet so fast in Vergessenheit. Erst Ende der 1990er Jahre wurde er von der apulischen Jugend wiederentdeckt und als stolzes Symbol der Tradition wiederbelebt und als neo-pizzica gefeiert.

La Notte della Taranta

Zur alljährlichen Notte della Taranta finden sich Hunderttausende in der kleinen Stadt in Apulien ein, schlagen ihre Zelte auf und feiern und tanzen 3 Nächte und 2 Tage ausgelassen bis zum Umfallen durch.
Waren es beim ersten Musikfestival 1998 nur 5.000 Besucher, so stieg die Zahl auf 150.000 im Jahr 2015. Neben vielen bekannten italienischen Musikern traten u.a. auch Suzanne Vega oder der Buena Vista Social Club beim Festival auf.

Seit einigen Jahren überträgt auch der staatliche Sender RAI die Höhepunkte des Festes live.

Einen schönen Eindruck des Tanzes erhält man auch hier:

„Lu core meu“ (Mein Herz) ist eine typische Pizzica d’Amore oder Pizzicarella, ein Balz-Tanz und ein Wettbewerb unter jungen Männern, um die Gunst einer Frau zu gewinnen. Weiter unten haben wir es mal ins Deutsche übersetzt:

Lu core meu (im salentinischen Dialekt)

Lu tamburreddhu meu vene te Roma
Lu tamburreddhu meu vene te Roma
cu‘ rami e senza rami ca su lu sona
cu‘ rami e senza rami ca su lu sona

E ai, e ai, e ai lu core meu,
meu meu meu ca su lu core tou
Ne-la ne-la ne-la ni-nà
beddha l’amore
e ci la sape fa‘ E ai, e ai, e ai

Lu tamburreddhu meu è de cucuzza
Lu tamburreddhu meu è de cucuzza
Mo iata ci lu sona e ci lu tuzza
Mo iata ci lu sona e ci lu tuzza
E ai, e ai, e ai lu core meu […]

Lu tamburreddhu meu è de Lucia
Lu tamburreddhu meu è de Lucia
Na iata ci lu sona e ci lu pijà
Na iata ci lu sona e ci lu pijà
E ai, e ai, e ai lu core meu […]

Lu Santu Paulu meu de le tarante
Lu Santu Paulu meu de le tarante
pizzichi le caruse a ‚mmenzu ll’anche
pizzichi le caruse a ‚mmenzu ll’anche
E ai, e ai, e ai lu core meu […]

Lu Santu Paulu meu de li scurpiuni
Lu Santu Paulu meu de li scurpiuni
pizzichi li carusi alli cuiuni
pizzichi li carusi alli cuiuni
E ai, e ai, e ai lu core meu […]

Santu Paulu meu de Galatina
Santu Paulu meu de Galatina
e lassila ballare ’sta siggnurina
e lassila ballare ’sta siggnurina
E ai, e ai, e ai lu core meu […]

Mein Herz (auf Deutsch)

Mein Tamburin kommt aus Rom,
und spielt mit oder ohne Rute;

E ai, e ai, e ai, e ai mein Herz,
mein, mein, mein , ich bin dein Herz
Ne-la ne-la ne-la ni-nà
schön ist die Liebe
und der, der weiß, wie man Liebe macht.

Mein Tamburin ist aus Kürbis gemacht,
zur Hölle mit dem, der damit spielt und es schlägt

Mein Tamburin gehört Lucia
zur Hölle mit dem, der damit spielt und es schlägt
E ai, e ai, e ai, e ai mein Herz [….]

Heiliger Paulus der Taranteln,
die die Mädchen zwischen die Schenkel kneifen.

Heiliger Paulus der Skorpione,
die die Jungs in der Leiste kneifen.

Heiliger Paulus aus Galatina,
lass dieses junge Mädchen tanzen …
E ai, e ai, e ai, e ai mein Herz [….]

Siegbert Mattheis

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