Wer hat das Bier erfunden? Und was haben „Hexen“ damit zu tun?

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Nichts löscht wohl den Durst besser als Bier. Es wird so gut wie auf der ganzen Welt getrunken, in Papua-Neuguinea wie in Brasilien, in Nigeria wie in Marokko. Aber wer hat dieses köstliche Gebräu erfunden? Und was haben Hexen mit dem Gerstensaft zu tun?

Wer hat das Bier erfunden?

Einen Bierbrauer stellen wir uns gemeinhin als einen Mann mit ziemlich großem Bauchumfang, Schnauzbart und Holzfällerhemd vor. Allerdings wurde Bier zum Leidwesen von Männern und der Deutschen weder von den einen noch den anderen erfunden. Nicht einmal von bayrischen Mönchen 😉

Gerstensaft ... © Siegbert Mattheis

Bier wurde von einer Frau erfunden

Tatsächlich wurde Bier vor etwa 7.000 Jahren von den Sumerern in Mesopotamien, der ersten großen Zivilisation zwischen Euphrat und Tigris erfunden. Von einer Frau! Sie wollte Brot backen, wurde dabei müde und vergaß den angemischten Gerstenbrei im Krug. In der feuchten Nacht gärte der Brei und wurde flüssig. Am nächsten Morgen schätzten alle dieses fermentierte Gebräu sehr. Das war die Geburtsstunde des Bieres. Diese einfache Rezeptur für das köstliche Getränk verbreitete sich schnell überall und Bier entwickelte sich so zu einem geschätzten Lebensmittel in der täglichen Ernährung. Die Sumerer nannten dieses Gebräu Sicaru, „flüssiges Brot“ und verehrten fortan als Biergöttin Ninkashi, die Tochter von Enki, dem Gott der Bauern und Feldfrüchte.

Seht euch dazu auch in der arte-Mediathek „Geniale Frauen“ an.

3 Frauen trinken Bier und haben Spaß
Bier verbindet © Mirko Vitali, Adobe

Frauen hatten das Monopol im Bierbrauen

Sumerische Schrifttafeln zeugen davon, dass Frauen damals beim Brauen und Verkauf von Bier das Monopol innehatten. Auch auf der Stele mit dem Codex Hammurapi, einer babylonischen Sammlung von Rechtssprüchen aus dem 18. Jahrhundert v. Chr., werden Regelungen für die sabītum, die Schankwirtin aufgeführt.

Fortan brauten Frauen von den Wikingerinnen bis zu den Ägypterinnen Bier sowohl für religiöse Zeremonien als auch um ein einfaches, kalorienreiches Getränk für den Haushalt herzustellen. Denn Bier galt lange Zeit als Lebensmittel und fiel wie das Brotbacken oder die Textilherstellung in den Bereich der Arbeit von Frauen. Um dem Getränk etwas mehr Geschmack zu verleihen und aromatischer zu machen, fügten sie nach und nach verschiedene Kräutermischungen hinzu.

Im antiken Rom war die römische Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit, Ceres die Schutzpatronin der Biertrinker und der Brauerinnen. Von ihr und dem daraus abgeleiteten lateinischen Namen des Bieres Cervisia leiten sich so die heutigen Bezeichnungen in einigen romanischen Sprachen ab, wie cerveza im Spanischen, cerveja im Portugiesischen oder das inzwischen überholte cervoise im Altfranzösischen.

Eine Mathematikerin erfand das Hydrometer

In ägyptischen Alexandria erfand um 400 n. Chr. die Philosophin und Mathematikerin Hypatia das Hydrometer, das man beim Bierbrauen benutzt, um das spezifische Dichte der Flüssigkeit und die Menge des in Wasser gelösten Zuckers messen zu können. Hypatia war im Übrigen auch die erste Frau, die die Ansicht vertrat, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum der Planetenbahnen liege. Sie wurde Opfer eines politischen Machtkampfs und wurde von christlichen Laienbrüdern und Mönchen grausam ermordet und zerstückelt.

Portait-Zeichnung von Hypathia
So soll Hypathia ausgesehen haben © Wikipedia
Porträt Hildegard von Bingen in schwarz-weiß
Hildegard von Bingen © Wikipedia

Eine Universalgelehrte bringt Hopfen ins Spiel

Einer weiteren Frau, Hildegard von Bingen, ist die Zugabe von Hopfen im 12. Jh. zu verdanken. Die Nonne und natur- und heilkundige Universalgelehrte wertete Bier als Heiltrunk auf und empfahl den Hopfen als Zusatz, denn „mit seiner Bitterkeit hält er gewisse Fäulnisse von den Getränken fern, denen er beigegeben wird, so dass sie umso haltbarer sind.“

In der Renaissance wurde Bier genormt und besteuert. Findige Mönche entdeckten es als Fastenspeise, da es ja zwar Nahrung, aber flüssig war, denn „Flüssiges bricht das Fasten nicht”. Sie und auch Nonnen brauten das Bier zunächst für sich und für Pilger, später verkauften sie es gewinnbringend auch an die Bewohner der Umgebung.

Geröstetes Malz
Malz entsteht in der Mälzerei durch das Keimen von Gerste © Siegbert Mattheis
Grüner Hopfen
Heilpflanze Hopfen, sie gibt den bitteren Geschmack und macht das Bier haltbarer © Siegbert Mattheis

Was haben Hexen mit Bier zu tun?

Bierbrauen blieb also über Jahrtausende hinweg in Frauenhand. Im frühen Mittelalter verkauften Frauen auf den Märkten ihr selbst gebrautes Bier. Vor allem alleinstehende Frauen konnten sich so ihren Lebensunterhalt verdienen. Wie damals üblich, trugen viele z. B. in England einen hohen, spitz zulaufenden Hut, um besser auf dem Markt gesehen zu werden. Sie transportierten und schenkten das Gebräu direkt aus dem Kessel aus. Frauen, die ihr Bier in Geschäften verkauften, hielten Katzen, um Mäuse vom Getreide fernzuhalten. Und ein umgedrehter Besen vor ihren Häusern bedeutete, dass es hier frisches Bier gab.

Männer verunglimpften Bierbrauerinnen als Hexen

Als die Frauen gerade dabei waren, auf den Biermärkten in England und dem übrigen Europa Fuß zu fassen und die Märkte zu erobern, begann die Reformation. Die fundamentalistische religiöse Bewegung, die im frühen 16. Jahrhundert entstand, predigte strengere Geschlechternormen und verurteilte die Hexerei.
Männliche Bierbrauer sahen darin eine Chance, ihre Konkurrenz im Bierhandel einzuschränken. So beschuldigten sie die weiblichen Brauerinnen, Hexen zu sein und in ihren Kesseln Zaubertrank statt Bier herzustellen. So wurde es mit der Zeit für Frauen immer gefährlicher, Bier zu brauen und zu verkaufen, da sie fälschlicherweise für Hexen gehalten werden konnten. Denn leider hatten sich solche Gerüchte durchgesetzt.

So kommt es, dass unser heutiges Bild von Hexen durch diese Ikonographie von Hut, Gebräu im Kessel, Katzen und Besen geprägt ist.

(Mehr darüber auch bei The Conversation, einer renommierten Zusammenarbeit von Akademiker:innen und Journalist:innen)

Frau mit Gerstenmalz in den Händen
Immer mehr Frauen erobern sich das Bierbrauen zurück © Zoran Zeremski, Adobe
Pato Bier und Glas
Dieses Craft-Bier aus Lissabon wird von Grimoalda Soares hergestellt © Siegbert Mattheis

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Bier ist typisch männlich?

Dieses Bild von Hexen mit spitzen Hüten und Kesseln hat sich leider ebenso gehalten wie die langjährige Vorherrschaft der Männer in der Bierindustrie. Die 10 größten Bierunternehmen der Welt werden von männlichen CEOs geleitet und haben überwiegend männliche Vorstandsmitglieder. Und sie tun viel dafür, Bier als ein Getränk darzustellen, das vorwiegend von Männern für Männer gemacht wird.

Glücklicherweise ändert sich das langsam. Denn dank des Trends zu Craft-Bier seit Anfang der 2000er Jahre haben familiengeführte Brauereien neuerdings einen Aufschwung erlebt. Und es wird immer selbstverständlicher, dass auch wieder Frauen Bier brauen.

Bierbrauen ist Frauensache

In der arte-Mediathek könnt ihr noch bis 2. Oktober 2023 eine sehenswerte Dokumentation über Spaniens Bierbrauerinnen sehen: „re: Bierbrauen ist Frauensache“ Vier nur von Frauen geführte Brauereien in Barcelona (2D2Dspuma), Milmarcos in Guadalajara (La Balluca), Bustarviejo (Bailandera) nördlich von Madrid und Vigo in Galizien (Curuxa).

Siegbert Mattheis

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