Mahnmal für das Viannos Massaker im Süden Kretas

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Auf Kreta können Sie neben den vielen antiken Sehenswürdigkeiten auch einige Gedenkstätten der neueren Zeit besichtigen. Wenn Sie an der jüngeren Geschichte von Kreta interessiert sind und die Bewohner besser verstehen möchten, lohnt sich ein Abstecher dorthin, zum Beispiel nach Viannos im Süden von Kreta.

Mahnmal auf beigefarbener Steinstele, ein stürzender Mensch
Das Mahnmal des Viannos Massakers © Siegbert Mattheis

Viannos Holocaust Mahnmal

Auf der Straße von Ano Viannos nach Myrthos sehen Sie an der Straße vor Amiras, kurz nach der Tavérna „Selí“ ein Holocaust Mahnmal. Es erinnert an eines der schrecklichsten Kapitel der deutschen Besatzung Kretas im 2. Weltkrieg. Die Wehrmacht hatte dort im September 1943 als sog. „Vergeltungsmaßnahme“ über 500 Einwohner der Gegend erschossen sowie etwa 20 Dörfer dem Erdboden gleichgemacht.

Menschenähnliche Stelen, die zur Exekution schreiten
Die 11 Stelen mit den 451 Namen der Getöteten und das Denkmal © Siegbert Mattheis
Stele mit griechischen Namen der Toten
Ganze Familien wurden beim Viannos Massaker ausgelöscht © Siegbert Mattheis

Das Mahnmal besteht aus 11 Steinfiguren, auf denen die Namen der 451 namentlich bekannten Opfer eingraviert sind. Sie flankieren den Weg zum Gedenkmonument, dem Amiras-Denkmal, entworfen vom Bildhauer Yiannis Parmakelis.

Davor steht auf vier Steintafeln (in griechisch, englisch, französisch und deutsch) ein berührendes Gedicht von Vasilis Rotas, Autor, ehemaliger Partisan und später griechischer Politiker (1889-1977). Stören Sie sich bitte nicht an den Rechtschreibfehlern und der etwas holprigen Übersetzung:

„Vorbeigehender, Achtung
Hier unten befinden sich Leichen
die nie betrogen haben
die nie gelogen haben
die Tyrannen nie geachtet haben.

Vorbeigehender, Achtung
Mit reinen Gedanken denke über sie
und wenn du dieses schöne Licht genießt
und ohne Angst hier laufen kannst
und wenn du geliebt wirst und selber liebst
und alles Gute, das du im Leben hast
haben dir diese Leichen geschenkt.

Stele mit dem deutschen Text
© Siegbert Mattheis
kleine orthodoxe Kirche aus Steinen
Die Kirche beim Mahnmal © Siegbert Mattheis
Innenraum mit Tischen und weitem Blick über Berge ans Meer
Blick von der Tavérna Selí Estiatórion auf die Südküste und das Dorf Arvi © Siegbert Mattheis

Wie kam es zu diesem Massaker von Viannos?

Nach der Schlacht um Kreta im Jahr 1941, in der die Insel an die Achsenmächte Deutschland und Italien fiel, waren Viannos und das nahe gelegene Lasithi Teil der italienischen Besatzungszone. Bis Ende 1942 waren die Italiener in diesem Gebiet allerdings kaum präsent, was die Gründung und Aktivierung mehrerer Widerstandsgruppen erleichterte. Darunter befand sich auch eine der größten Partisanengruppen Kretas unter der Führung von Manolis Bandouvas, die vom britischen SOE (Special Operations Executive) unter dem Codenamen „Bo-Peep“ geführt wurde.

Anfang 1943 kam das Gerücht auf, dass die Alliierten eine Invasion Kretas planten. Dadurch ermutigt, wurden auch die Partisanen aktiver. Das veranlasste die Italiener dazu, Küstenbefestigungen zu bauen und Garnisonen in der Region zu errichten. Auf der anderen Seite hatten die Deutschen seit 1942 damit begonnen, eigene Truppen in den Küstendörfern Tsoutsouros, Kastri und Arvi zu stationieren. Im Mai 1943 richteten sie außerdem in Kato Simi einen Außenposten mit drei Mann ein, der die Aufgabe hatte, Lebensmittel wie Kartoffeln für die Versorgung der Besatzungstruppen zu requirieren und die Umgebung zu überwachen.

Überfall bei Kato Simi

Der Einmarsch der Alliierten in Sizilien im Juli 1943, der am 8. September verkündete italienische Waffenstillstand und die Verschleppung des italienischen Kommandanten von Ostkreta, Angelico Carta nach Ägypten verstärkten den Glauben, dass eine alliierte Operation gegen Kreta unmittelbar bevorstand. Aufgrund dieser Fehleinschätzung ordnete Bandouvas einen Angriff auf den deutschen Vorposten in Kato Simi an.

Am 10. September griffen Bandouvas‘ Partisanen an, töteten die beiden anwesenden deutschen Soldaten und warfen ihre Leichen in eine Felsspalte. Als man die diese kurz darauf entdeckte, wurde einer deutschen Infanteriekompanie befohlen, sich in das Dorf zu begeben und das Schicksal der Männer zu untersuchen.

Schlacht von Kato Simi

Bandouvas erkannte, dass das Dorf in Gefahr war sah keine andere Möglichkeit, als es zu verteidigen, anstatt sich in die Berge zurückzuziehen. So legte er mit 40 seiner Männer einen Hinterhalt in einem Tal nahe dem Eingang von Kato Simi und wartete auf die Deutschen. Diese erschienen am Morgen des 12. September und wurden sofort unter Beschuss genommen. Trotz der anfänglichen Überraschung gelang es den Deutschen, sich zu verschanzen und zurückzuziehen. In der Folge begann ein heftiger Kampf, der bis zum späten Nachmittag dauerte. Die Truppe wurde schließlich geschlagen; zwölf Deutsche wurden lebend gefangen genommen. Die Partisanen von Bandouvas verloren nur einen Mann und zogen sich anschließend in die Berge zurück. Die deutschen Gefangenen wurden später nach tagelangen Verhandlungen, in die hohe Vertreter des Klerus und der griechischen Verwaltung einbezogen waren, wieder freigelassen.

Der Schlächter von Kreta

Der Kommandant von Heraklion, Generalleutnant Friedrich-Wilhelm Müller, der sog. „Schlächter von Kreta“, war verärgert über den Verlust seiner Männer und wollte zudem ein Exempel für die inzwischen desertierenden Italiener statuieren, die sich den Partisanen anschließen wollten. Er befahl Truppen des 65. Regiments der 22. Luftlande-Infanterie-Division, die Dörfer im Gebiet Viannos zu zerstören und alle männlichen Personen über sechzehn Jahren sowie alle auf den Feldern Angetroffenen unabhängig von Geschlecht und Alter sofort zu erschießen.

Schon einen Tag nach der Vernichtung der deutschen Kompanie in Kato Simi begann sich ein großer Verband von mehr als 2.000 Soldaten in Viannos zu sammeln. In kleinere Gruppen aufgeteilt, umzingelte die Wehrmacht die Region und drang gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen in sie ein. Zu Beginn versicherten die Soldaten den Einheimischen, dass ihre Absichten friedlich seien. Die Einwohner glaubten ihnen und brachten ihnen sogar Wein, Ouzo und Oliven in der Annahme, die Deutschen damit gütig stimmen zu können. Selbst viele der Partisanen, die in die Berge geflohen waren, konnten überzeugt werden, in ihre Häuser zurückzukehren.

Ein mutter und ihr Kind beim Wäschewaschen, sw-Foto
Mutter und Tochter beim Wäschewaschen in Ano Viannos, Juni 1943 © Bundesarchiv, Karl Ottahal
sw Foto von Kindern vor riesiger Platane, davor eine Wehrmachtsfahrzeug
Kinder an der Platane in Ano Viannos im Juni 1943 © Bundesarchiv, Karl Ottahal
riesige Platane, davor Segeltuchstühle
Die uralte Platane im Zentrum von Ano Viannos © Siegbert Mattheis
Blick über die Dächer und eine beigefarbene orthodoxe Kirche vor blauem Himmel
Blick über Ano Viannos heute © Siegbert Mattheis

Das Massaker in Ano Viannos am 14. September 1943

Am folgenden Tag, es war der Tag der Kreuzerhöhung, ein hohes Fest für orthodoxe Christen, trieben die Soldaten die Einwohner auf dem Dorfplatz in Ano Viannos zusammen. Sie hatten eine Linie gezogen, die niemand übertreten durfte, wie es der überlebende Augenzeuge Giannis Syngelakis in einem lesenswerten Artikel des Magazins Der Spiegel erzählt. Auf der einen Seite mussten sich die Männer aufstellen, auf der anderen die Frauen und Kinder. Anschließend trieben die Deutschen die versammelten Männer zu einer Steinmauer und töteten sie mit Maschinengewehrsalven. Unter den Opfern waren Männer jeden Alters und sogar ein Gelähmter.

sw Foto von deutschen Soldaten mit angelegten Gewehren
Erschießungskommando © Bundesarchiv, Franz Peter Weixler

„Tagesziele nicht ganz erreicht“

Nachdem die Deutschen ihr Werk vollendet hatten, bedienten sie sich am Essen und Wein, den die Dorfbewohner gebracht hatten. Sie schlemmten, tranken, tanzten zur Musik aus einem Grammofon und äfften den Ruf ‚Panagitza mou!‘ („Meine Mutter Gottes“) nach, mit dem Frauen den Tod ihrer Männer beklagten.

In der Tagesmeldung der 22. Infanteriedivision an den Kommandanten der Festung Kreta vom 14. September 1943 wurde der Stand des „Unternehmen Wianos“ akkurat festgehalten: „Tagesziele nicht ganz erreicht. Bisher sind 280 Griechen auf der Flucht erschossen. Kato Simi und Pefki sind niedergebrannt. Die männliche Bevölkerung von Ano Wianos wurde festgenommen. Jetzt wurden insgesamt 310 Mann festgenommen“

In den folgenden 3 Tagen bis zum 16. September wüteten die Deutschen weiter. Es kam es zu wahllosen Massenexekutionen, spontanen Erschießungen und Verhaftungen sowie zu Plünderungen, Brandstiftungen, Vandalismus, Zerstörung und Vernichtung der gesamten Ernten der Region. Zudem wurde den Überlebenden verboten, in ihre zerstörten Häuser zurückzukehren und ihre Toten zu begraben.

Insgesamt wurden in Viannos und umliegenden Dörfern Schätzungen zufolge mehr als 500 Menschen ermordet, darunter viele Frauen, Kinder und ganze Familien. Es waren Bewohner der Dörfer Kefalovryssi, Kato Simi, Amiras, Pefkos, Vachos, Agios Vassilios, Ano Viannos, Sykologos, Krevatas, Kalami, Loutraki, Myrtos, Gdochia, Riza, Mournies, Mythoi, Malles, Christos und Parsas (heute Metaxochori).

Bis heute ist niemand der Betroffenen oder deren Nachkommen entschädigt worden.

Verurteilung und Exekution von General Müller

Friedrich-Wilhelm Müller geriet Ende April 1945 in britische Gefangenschaft. Er wurde nach Kriegsende nach Griechenland überstellt, dort zum Tode verurteilt und am 20. Mai 1947 durch Maschinengewehrsalven erschossen, am Jahrestag der Invasion Kretas.

Siegbert Mattheis

(recherchiert aus verschiedenen Quellen, wie z.B. Gedenkorte Europas, dem Resistance Museum, dem englischen Wikipedia-Eintrag, dem Spiegelartikel, Cretanbeaches, Greekreporter.com und eigenen Recherchen)

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