Das Panier Viertel in Marseille, dörfliche Idylle in der Millionenstadt

Gleich hinter dem Rathaus am alten Hafen, dem Vieux Port liegt der historische Kern von Marseille, die alte Siedlung der Griechen vor 2600 Jahren, das Viertel Le Panier.

Das Panier Viertel: Dörfliche Idylle inmitten der Millionenmetropole

Das Le Panier ist vielleicht kein Geheimtipp mehr, aber es lohnt sich dennoch, das Viertel zu durchstreifen, das gerade in der Nebensaison völlig verschlafen wirkt. Verwinkelte Gassen, steile Stufen, schmale Häuser kennzeichnen das idyllische Viertel. Ein Gemisch aus alteingesessenen Marseillern, arabischen Einwanderern und Künstlern bewohnt das Viertel. Es ist wie ein kleines Dorf mitten in der Millionenstadt Marseille. Hier finden Sie Boutiquen, Galerien, Antiquitätenhändler und kleine Läden, die die echte Savon de Marseille verkaufen.

Touristen wie auch wohlhabende Pariser haben ihren Weg hierher schon gefunden, beide bewundern die Idylle, die Pariser kaufen jedoch bereits einige Häuser und beginnen, sie als Luxus-Appartements umzugestalten oder als Zweitwohnsitz zu nutzen, sind sie doch mit dem TGV innerhalb von 3 Stunden in Marseille.

Das alte Panier Viertel © Siegbert Mattheis
Steile Treppen führen vom Hafen ins alte Panier Viertel © Siegbert Mattheis
Das alte Panier Viertel, der historische Kern von Marseille
Das alte Panier Viertel, der historische Kern von Marseille © Siegbert Mattheis
Le Panier Viertel Marseille, Rue du Panier
Le Panier Viertel Marseille, Rue du Panier © Siegbert Mattheis

Warum stehen am alten Hafen so viele Neubauten?

Als wir das Panier-Viertel das erste Mal besuchten, wunderten wir uns, dass auf der Nordseite direkt am Hafen und einige Reihen dahinter viele unschöne Neubauten aus den 50er Jahren stehen. Denn ansonsten finden sich rund um den Hafen nur Gebäude aus den letzten Jahrhunderten, die wie aus einem Guss erscheinen.

Lediglich das alte Rathaus, etwas weiter dahinter das Haus Diamantée, so genannt wegen der Fassadensteinen in Diamantform und das Hôtel de Cabre, das älteste Haus in Marseille aus dem Jahre 1535 stehen noch inmitten der Neubauten.

Wir wollten die Gründe dafür genauer wissen und forschten nach.

Le Panier Viertel, Hôtel de Cabre © Siegbert Mattheis
Hôtel de Cabre, das älteste Haus Marseilles im Le Panier Viertel © Siegbert Mattheis

Sprengung des Panier-Viertels durch die Deutschen

Wir fanden heraus, dass die Deutschen während der Besetzung Marseilles von 1942 bis 1944 das Panier-Viertel im vorderen Teil am alten Hafen sprengten, um Widerstandsnester und Juden zu eliminieren. Viele Gegner der Nazis versteckten sich in dem Viertel, das mit seinen engen Gassen und verwinkelten Häusern schwer zu kontrollieren war. Le Panier galt damals als Rotlichtmilieu und es gab schon in den dreißiger Jahren Pläne, das Viertel umzugestalten. Wohl auch deswegen gab es von der französischen Verwaltung aus wenig Widerstand gegen die Sprengung. Am 22. Januar 1943 begann die Razzia von Marseille (Rafle de Marseille), die Operation Sultan, wie die Deutschen sie nannten. Anlass war ein Attentat einer Widerstandskämpferin in der Neujahrsnacht auf die deutschen Besatzer. Das Viertel wurde komplett umstellt, etwa 20.000 Personen wurden evakuiert, knapp 800 verhaftet und in Vernichtungslager transportiert.

Anfang Februar wurden etwa 40 ha des Panier-Viertels gesprengt.

Das Tragische an dieser Geschichte ist, dass das Maison Diamantée von den Nazis verschont worden ist, weil die Vichy-Administration zum Schutz dieses Hauses und des alten Rathauses der Auslieferung von Juden zugestimmt hatte.

Auch in Marseille wissen nur wenige von dieser Aktion, viele meinen, dass das Viertel den Bombardements der Alliierten zum Opfer fiel. Tatsächlich aber beschränkten sich die Schäden durch alliierte Bomben im August 1944 vorwiegend auf den neuen Hafen und die dort stationierte Kriegsflotte der Deutschen.

Schrecken Sie dennoch nicht vor diesen in den 50er Jahren erbauten Gebäude zurück, denn dort haben sich mittlerweile einige Lokale angesiedelt, die als Geheimtipps gelten, wie z.B. das kleine, von ambitionierten, freundlichen jungen Leuten geführte Restaurant Sard’In.

Das Panier-Viertel vor und nach der Sprengung 1943, von der damaligen sog. Schwebefähre, (Pont Transbordeur de Marseille) aus fotografiert, die von den Deutschen 1944 ebenfalls gesprengt wurde © Wikipedia, Bundesarchiv

Mehr über die Operation Sultan finden Sie auf Deutschlandfunkkultur

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