Was ist das Geheimnis der Berberdörfer in Tunesien?

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Zum einen gibt es diese einzigartigen Höhlenwohnungen unter der Erde, die den meisten von uns aus der Star Wars-Episode vertraut sind. Zum anderen findet man nahezu geschlossene Festungen mit mehrstöckigen zusammenhängenden Gebäuden, die über außenliegende Treppen zu erreichen sind.

Und dann gibt es Berberdörfer, die sich teilweise aus oberirdischen Häusern und teilweise aus unterirdischen Höhlenwohnungen zusammensetzen. Und die schwer zu entdecken sind, denn sie verschmelzen nahtlos und harmonisch mit der sie umgebenden Landschaft. Und nicht zuletzt findet man eigentümlich terrassenartig in die Berghänge gefräste Plateaus.

Die Hintergründe der faszinierenden Architektur dieser einzigartigen Berberdörfer und Ansiedelungen sind zum einen historisch, zum anderen klimatisch bedingt:

Berberzitadelle auf Bergkamm
Die Berberzitadelle Chénini hoch oben auf einem Bergkamm © Destination Dahar

Verfolgung der Berber

Die Berber, sie bezeichnen sich selbst als Amazigh (ausgesprochen etwa amasir), sind ein indigenes Volk der nordafrikanischen Länder. Die tunesischen Berber sahen sich über Jahrhunderte einer Reihe von Invasoren gegenüber. Schon im 1. Jahrtausend v. Chr. drängten die Phönizier in ihr Gebiet ein. Ihnen folgten Griechen, Römer, Vandalen und Byzantiner.

Die letzte Invasion erlebten die Berberstämme im 7. Jh. n. Chr. durch arabische Stämme im Zuge der Islamisierung. Die Berber wehrten sich zwar auch hier heftig, zuletzt auch unter Führung einer Frau, der Berberkönigin Kāhina (ihr ursprünglicher Name bedeutete „schöne Gazelle“). Sie führte einen jahrzehntelangen, aber schlussendlich erfolglosen Krieg gegen die islamische Eroberung. In der Folge führte das dazu, dass die Berber sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter in die Bergregionen des Dahar zurückzogen.

Aber die klimatischen Bedingungen im Bergland des Djebel Dahar sind rau. Im Sommer erreichen die Temperaturen hier oft über 40 Grad, im Winter wird es klirrend kalt. Regen fällt nur sehr begrenzt an etwa 15 bis 20 Tagen im Jahr, meist in Form von heftigen Platzregen. Und in manchen Jahren fällt der Regen auch ganz aus.

So mussten sich die Berber einiges einfallen lassen, um in dieser unwirtlichen Gegend überleben zu können.

Berberin
Eine Berberin in traditioneller Tracht © Destination Dahar

Die historischen Berberdörfer

Die ältesten Berberdörfer wurden so auf nahezu unzugänglichen Bergkämmen errichtet. Das heißt, es waren zunächst nur Vorratsspeicher, sog. Ksour, in denen die Berber ihre Vorräte vor Feinden und Plünderern schützen. Die Berber selbst lebten anfangs noch nomadisch oder halbnomadisch in Höhlen. Ihre Lage erlaubte auch die Beobachtung von Handelsrouten, insbesondere der Täler, in denen die Handelskarawanen durchkamen, wie z.B. in Chenini oder Douiret. Im Laufe der Jahrhunderte und mit zunehmender Befriedung wurden auch auf den Hügeln und später in den Ebenen Dörfer errichtet.

Diese Berberdörfer sind manchmal kaum von der sie umgebenden Landschaft zu unterscheiden, so nahtlos und harmonisch fügen sie sich in ihre Umgebung ein. Neben ihrer Schönheit, die den Besucher fasziniert, bestechen die historischen Dörfer des Dahar durch ihre Geschlossenheit, das außergewöhnliche architektonische und städtebauliche Know-how der einheimischen Bevölkerung sowie den hohen Grad an sozialer Organisation, den sie aufweisen.

Im Norden des Dahar in einer hügeligen Landschaft Richtung Matmata, zeugen die Berberdörfer Tamazret oder Zraoua von einem komplexen Urbanismus, während die schrofferen Reliefs des südlichen Dahar die spektakulärsten Zitadellen von Douiret, Chenini, Guermessa oder Ras El Oued beherbergen. Große Teile davon stammen aus dem 12. Jahrhundert, andere aus dem 1. bis 16. Jahrhundert. und sind meist auf weitaus älteren Grundmauern erbaut, deren Reste noch mehr oder weniger gut erhalten sind.

Dorf von oben
Das authentische Berberdorf Toujane © Destination Dahar

Was ist ein Ksour?

Ein Ksar oder Ksour (Plural von „ksar“) bezeichnet einen kollektiven Getreidespeicher der Berber. Sie sind eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region. Es gibt mehr als 150 von ihnen. Etwa 30, die ältesten, befinden sich auf Bergkämmen, wodurch sie für Plünderer oder Eindringlinge schwer zu entdecken und zugänglich waren. Die Ursprünge der Ksour sind nur unzureichend bekannt, aber vieles spricht dafür, dass sie bis in die Römerzeit zurückreichen.

Ihr Hauptzweck ist untrennbar mit den wenigen und unregelmäßigen Niederschlägen verbunden. Denn die Ernten mussten in den Jahren des Überflusses geschützt werden, um das Überleben in den Jahren der Knappheit zu sichern. Außerdem erforderte die nomadische und halbnomadische Lebensweise der Bevölkerung der Region, dass sie ihre Vorräte in sicheren und leicht zu überwachenden Unterständen aufbewahren konnte.

Berber-getreidespeicher
Ksar Mourabitine © Destination Dahar

Was sind Ghorfas?

Die Ghorfas sind kleine gewölbte Räume, aus denen die Ksar bestehen. Sie wurden für den individuellen Gebrauch genutzt und sind auch heute noch im Besitz von Familien. Ksour wurden nie als Behausungen genutzt, obwohl einige eng mit Troglodytendörfern verbunden sind. Mit einer schützenden Lehmschicht bedeckt, ist das Innere der Ghorfas oft mit Motiven und Symbolen verziert. Die Verwendung von Holz war selten, da es in der Gegend kaum Bäume gab.

3 bis 4 stöckige Getreidespeicher, Blick aus einem Tor
Eingang zu einem Ksar © Destination Dahar

Welche Arten von Ksour gibt es?

Zitadellen-Ksour (Galaas) befinden sich auf der Spitze von Bergkämmen mit steilen Hängen.
Nahezu uneinnehmbar und unzugänglich dominieren sie ganze Dörfer mit ihren troglodytischen Behausungen und unterirdischen Ölmühlen, die in Reihen entlang der Konturlinien der Berge angeordnet sind. Neben ihrer Lagerfunktion waren diese Ksour auch Zufluchtsorte für die Dorfbewohner im Falle eines Angriffs durch Feinde. Ihre Lage erlaubte auch die Beobachtung von Handelsrouten, insbesondere der Täler, in denen die Handelskarawanen durchkamen, wie z.B. in Chenini oder Douiret.

Die Berg-Ksour wurden an besser zugänglichen Stellen gebaut, obwohl sie immer noch Verteidigungspositionen darstellten. Sie traten an die Stelle der Zitadellen-Ksour, wodurch sie näher an die landwirtschaftlichen Produktionsgebiete heranrückten und als Silageplätze dienten. Sie sind weitläufiger als die Zitadellen-Ksour und um einen zentralen Raum herum gebaut, der die Rolle eines Marktplatzes spielte. Sie zeichnen sich durch eine große Anzahl von Ghorfas (400 in Ksar Ouled Soltane und 160 in Ksar Mrabtine) aus, die auf mehreren Etagen übereinander liegen. Sie werden durch eine einzige Tür und einen Eingangsvorraum, die skifa, betreten, in dem die Landarbeiter, Handwerker oder Stammesmitglieder während ihrer Versammlungen untergebracht wurden.

Einfache Ksour sind jüngeren Datums und dienten nur als Lagerhallen. Die frühesten stammen aus dem 17. bis 18. Jahrhundert, aber sie breiteten sich vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert stärker aus, als die Region und auch die Ebenen sicherer wurden.

In den Ebenen von El Ferch und Ghomrassen, in der Gegend um Medenine und im Süden von Tataouine finden Sie eine beeindruckend Anzahl solcher einfachen Ksour. Die Modernisierung in den 1950er und 60er Jahren markierte das Ende der Ksour in den Ebenen. Viele von ihnen wurden zerstört, um Platz für moderne Städte zu machen.

Es lohnt sich, die Ksour auf den Gipfeln der Zitadellendörfer zu entdecken, die unterirdischen Ölpressen und Moscheen, die Organisation der Versorgungswege, die die Wohnungen miteinander verbinden, oder den nahe gelegenen „Jessour“, in dem die landwirtschaftliche Produktion für das Dorf stattfindet. Jessour (Plural von Jesr) sind uralte hydro-agrarische Wassergewinnungssysteme in der Dahar-Hochebene. Sie bestehen aus kleinen Dämmen, die über Wadis und Rinnen gebaut werden und Regenwasser und Sedimente zurückhalten, um so den Anbau zu ermöglichen.

3 bis 4 stöckige Getreidespeicher, in der mItte ein großer Platz
Ksar Ouled Soltane südlich von Tataouine © Destination Dahar

Höhlenwohnungen im Dahar

Die sog. Troglodytenbehausungen haben es den Menschen seit prähistorischen Zeiten ermöglicht, sich vor den Elementen zu schützen. Im Dahar haben die Troglodyten im Laufe der Jahrhunderte eine spezifische Architektur entwickelt, die zum Teil noch heute genutzt wird. Die Troglodyten sind omnipräsent, in den Dörfern, aber auch in Olivenbaumfeldern am Rande der Jessour. Diese Troglodytenwohnungen haben den großen Vorteil, dass sie im Sommer kühl und im Winter angenehm warm sind, mit Temperaturen, die das ganze Jahr über zwischen 18° C und 25° C liegen. Einige dieser Höhlenwohnungen wurden in einladende und malerische Gästehäuser umgewandelt, um Außenstehenden die erstaunliche Erfahrung zu ermöglichen, eine Nacht unter der Erde zu verbringen!

Diese Höhlenwohnungen sind Star Wars-Fans aus dem ersten Teil der Saga wohlbekannt. Eine solche Trichterhöhle diente Luke Skywalker als Wohnung. Die Dreharbeiten fanden in einer solchen Höhlenwohnung in der Nähe von Matmata statt.

Bett in Höhlenwohnung
Troglodytenwohnung © Destination Dahar

Man unterscheidet zwei Arten von troglodytischen Lebensräumen im Dahar:

Trichterhöhlen

Die Behausungen wurden etwa sechs bis neun Meter tief direkt in den Boden gegraben, quadratisch, rechteckig oder kreisförmig. Von diesem Loch aus wurden anschließend seitlich Räume über ein oder zwei Stockwerke in alle Richtungen vorangetrieben. Die Grabungstechniken konnten sehr komplex sein und stellten ein von Generation zu Generation weitergegebenes, überliefertes Know-how dar.

Der Eingang zur Wohnung ist ein Vestibül, das in Form eines Korridortunnels gegraben wurde, der auch Nischen für Tiere enthalten kann. Die Wände sind mit weißem Kalk gestrichen, und an den Wänden sind kleine Nischen ausgehoben, die als Regale für die Lagerung dienen.

Seitliche Höhlen

Seitliche Höhlen wurden an den Hängen von Bergen gegraben, an denen es weiche und harte Gesteinsschichten gab. Die weiche Schicht wurde abgetragen, während die härtere als Stütze und Überdachung diente. Vor der Höhle befindet sich ein Hof im Freien, in dem die Küche, Latrinen und Ställe untergebracht sind.

In jüngerer Zeit haben einige Bewohner moderne Betonhäuser in der Nähe ihrer Familienhöhle gebaut, die nun nur noch als Scheune genutzt wird.

Trichterhöhle mit seitlichen Eingängen zu Räumen
Trichterhöhle bei Matmata © Sarah Murray, Wikipedia
Küche in einer Höhle mit vielen Gegenständen
Ein Küche in einer Höhlenwohnung © Kim S., Wikipedia

Tipps GetYourGuide*

Mehr Informationen dazu finden Sie auch unter Destination Dahar.

Die Organisation Federation Tourisme Authentique Destination Dahar fördert einen authentischen, respektvollen und sanften Ökotourismus. Aus diesem Grund hat sie auch eine App (auf Englisch und Französisch) herausgebracht, die Besuchern, die ehrlich an Kultur, Natur und einem respektvollen Kontakt zu Einheimischen interessiert sind, mit einheimischen Anbietern zusammenbringt. Sie können sie kostenlos von der Seite Destination Dahar herunterladen.

Siegbert Mattheis

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