Das Heiligtum der Artemis in Brauron (Vavrona), südöstlich von Athen an der Ostküste Attikas gelegen, ist kein Ort der großen Monumentalität.
Und genau das ist seine Stärke. Hier geht es nicht um Macht oder Triumph. Hier geht es um Übergänge, um Kindheit, Weiblichkeit, Schutz und Verlust. Wenn ihr antike Stätten mögt, die leise erzählen und lange nachwirken, seid ihr hier richtig.
Wer war Artemis?
Artemis war die griechische Göttin der Jagd, der Wildnis, der Geburt und des Schutzes junger Menschen, insbesondere von Mädchen. In Brauron wurde sie vor allem als Beschützerin von Kindern und jungen Frauen verehrt.
Artemis zählt zu den zwölf großen olympischen Göttern. Sie ist die Tochter des Zeus und der Leto und Zwillingsschwester des Apollon. Ihr entspricht Diana in der römischen Mythologie. Das Heiligtum war einer ihrer zentralen Kultorte in Attika, neben Delos.
Wo liegt das Heiligtum der Artemis in Brauron?
Das Heiligtum befindet sich in Brauron an der Ostküste Attikas, etwa 35 Kilometer südöstlich von Athen, unweit des heutigen Flughafens. Es liegt in einem fruchtbaren Tal nahe dem Meer, durchzogen vom Fluss Erasinos. Diese landschaftliche Lage ist kein Zufall, sondern Teil des religiösen Konzepts. Das Gebiet, das ländlich, bewaldet und an der Küste gelegen ist, war ideal für die Einrichtung eines Artemis gewidmeten Heiligtums, da es alle Elemente kombiniert, die der Persönlichkeit der Göttin entsprechen.
Was ist das Besondere am Artemis-Heiligtum von Brauron?
Das Besondere ist die enge Verbindung zu weiblichen Lebensphasen. In Brauron vollzogen Mädchen zwischen etwa fünf und zehn Jahren ein Initiationsritual, bei dem sie symbolisch ihre Kindheit ablegten. Sie wurden dabei als sogenannte „Bärinnen“ der Artemis bezeichnet.
Archäologisch belegt ist dies durch Inschriften, Votivgaben und Darstellungen. Diese Rituale sind einzigartig dokumentiert und machen Brauron zu einem Schlüsselort für das Verständnis antiker Mädchen- und Frauenrollen.
Was bedeutet das Ritual der „Bärinnen“?
Die Mädchen nahmen an kultischen Handlungen teil, tanzten, liefen Wettläufe und brachten Opfer dar. Der Bär war ein heiliges Tier der Artemis und stand für das Wilde, Ungezähmte. Erst durch das Ritual wurde dieses Wilde symbolisch gezähmt und der Übergang zur gesellschaftlich akzeptierten Rolle vorbereitet. Das ist kein folkloristisches Detail, sondern ein seltener Einblick in antike Sozialisation.
Was kann man heute noch in Brauron sehen?
Erhalten sind unter anderem:
- die Fundamente des Artemis-Tempels
- eine große stoaartige Anlage mit Schlaf- und Aufenthaltsräumen
- eine steinerne Brücke über den Erasinos
- Reste von Altären und Kultplätzen
- Die Kirche St. Georg aus dem 6. Jahrhundert n.Chr.
Die Architektur wirkt offen, fast zurückhaltend. Sie ordnet sich der Landschaft unter und verstärkt das Gefühl von Übergang und Bewegung.
Gibt es vor Ort ein Museum?
Ja. Das Archäologische Museum von Brauron zeigt hervorragend erhaltene Votivgaben, Kinderstatuen, Reliefs, Keramik und Weihegaben von Frauen. Besonders eindrucksvoll sind kleine Figuren von Mädchen in Bewegung. Sie wirken erstaunlich lebendig.
Die Ausstellung ist überschaubar, aber inhaltlich dicht.
Lohnt sich ein Besuch des Artemis Heiligtums?
Wir meinen, ja! Weil Brauron Fragen stellt, die zeitlos sind. Wie geht eine Gesellschaft mit Übergängen um? Wie schützt sie Kinder? Welche Rituale helfen, Veränderung zu bewältigen?
Anders als die Akropolis ist Brauron ruhig. Ihr hört den Wind, die Zikaden, das Wasser. Ihr könnt euch Zeit nehmen. Genau das macht diesen Ort so stark.
Für wen ist das Artemis Heiligtum besonders interessant?
- für kulturinteressierte Reisende
- für Leserinnen und Leser mit Interesse an antiker Frauen- und Alltagsgeschichte
- für Menschen, die Attika abseits der klassischen Routen erkunden wollen
- für Familien, die Geschichte anschaulich erleben möchten
Wie viel Zeit sollte man einplanen?
Rechnet mit etwa 60 bis 90 Minuten für das Gelände und das Museum. Wer sich intensiver mit den Exponaten beschäftigt, bleibt länger. Es lohnt sich.
Lässt sich der Besuch gut mit anderen Zielen kombinieren?
Ja. Brauron lässt sich gut mit einem Abstecher an die Ostküste Attikas oder einem Besuch kleiner Badebuchten verbinden. Auch eine Kombination mit Markopoulo oder Porto Rafti ist sinnvoll.
Infobox: Heiligtum der Artemis in Braurion (Attika)
- Lage: Ostattika, ca. 35 km südöstlich von Athen
- Region: Attika, Griechenland
- Gottheit: Artemis (Göttin der Jagd, der Geburt und der Mädchen)
- Datierung: Nutzung ab dem 8. Jh. v. Chr., Blütezeit im 5. Jh. v. Chr.
- Funktion: Kult- und Initiationsort für Mädchen und junge Frauen
- Besonderheit: Rituale der „Bärinnen“ als Übergangsritus von der Kindheit
- Erhaltene Strukturen: Tempelfundamente, Stoa, Kultbrücke über den Fluss Erasinos, Altäre
- Museum: Archäologisches Museum von Brauron direkt am Heiligtum
- Zeitbedarf: ca. 60 bis 90 Minuten
- Atmosphäre: ruhig, landschaftlich eingebettet, meist wenig überlaufen
- Geeignet für: Kulturinteressierte, Attika-Reisende abseits der Klassiker, Familien
- Kombinierbar mit: Ostküste Attikas, Porto Rafti, Markopoulo
Warum relevant: Braurion gehört zu den wichtigsten Orten Griechenlands, um antike Rituale, weibliche Lebensphasen und Alltagsreligion jenseits politischer Machtzentren zu verstehen.
Was hat die neue Mondmission der NASA damit zu tun?
Das Artemis-Programm trägt seinen Namen bewusst in Anlehnung an die griechische Göttin Artemis. In der Mythologie ist Artemis die Zwillingsschwester von Apollo. Damit knüpft das Programm direkt an das historische Apollo-Programm an, das die erste Mondlandung ermöglichte. Zugleich ist Artemis traditionell mit dem Mond und mit Zyklen des Neuanfangs verbunden. Der Name steht daher für die Rückkehr zum Mond, diesmal mit dem Anspruch auf Nachhaltigkeit und langfristige Präsenz.
Hinzu kommt ein zentrales Ziel des Programms: Erstmals soll eine Frau den Mond betreten. Die Wahl einer weiblichen Gottheit macht diesen Anspruch sichtbar und international verständlich. Die Namensgebung ist damit nicht symbolische Spielerei, sondern Teil einer klaren inhaltlichen Erzählung der modernen Raumfahrt.
Warum uns die Ausgrabungsstätte fasziniert hat
Brauron steht für eine mediterrane Kultur, die nicht laut ist, sondern tief. Es ist ein Ort, an dem Landschaft, Mythos und Alltag ineinandergreifen. Kein Spektakel, sondern Substanz. Genau solche Orte erzählen vom Mittelmeerraum jenseits der Postkartenbilder.
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.





