Wir wunderten uns darüber, dass in Apulien in der Gegend südlich von Bari die meisten Weinfelder mit großen, meist weißen Netzen oder Planen abgedeckt sind.
So kennen wir das weder aus den großen Weinanbaugebieten in Frankreich, Spanien noch aus anderen italienischen Regionen, in denen Wein hergestellt wird.

Aber das Geheimnis lüftete sich, als wir erfuhren, dass mit diesen Weinstöcken kein Wein hergestellt wird, sondern dass Apulien der Hauptlieferant der beliebten Italia Trauben ist, neben weniger bekannten Sorten wie Regina, Black Magic, Red Globe und Victoria. Eines der Zentren des Tafeltraubenanbaus liegt südöstlich von Bari rund um Noicattaro und Rutigliano.
Der Anbau von Tafeltrauben hat in Apulien eine lange Tradition. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden apulische Tafeltrauben bis nach Deutschland exportiert. Die Italia-Traube selbst kann damals allerdings noch nicht dabei gewesen sein. Denn sie entstand erst 1911.

Was ist die Italia-Traube?
Die Italia-Traube wurde 1911 aus den Sorten Bicane und Muscat Hamburg gekreuzt und ist auch unter der Bezeichnung Pirovano 65 bekannt.
Typisch sind ihre großen, hellgrünen bis goldgelben Beeren. Das Fruchtfleisch ist fest und saftig. Interessant fanden wir ihren Geschmack, denn durch die Muscat-Hamburg-Traube besitzt sie ein leichtes Muskat-Aroma.
Anders als viele heute angebotene Tafeltrauben ist die klassische Italia-Traube allerdings nicht kernlos.
An Tafeltrauben werden ganz andere Anforderungen gestellt als an Trauben, die zur Weinherstellung dienen. Denn wir Kund:innen wollen sie möglichst schön und groß, süß und saftig und heute zunehmend auch kernlos.
Das erklärt auch, warum sich der Tafeltraubenanbau in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, wie uns Antonio vom Consorzio di Tutela dell’Uva di Puglia IGP erklärt. Moderne kernlose Sorten machen der traditionellen Italia-Traube zunehmend Konkurrenz.

Wie schmecken Italia-Trauben?
Italia-Trauben sind süß, saftig und besitzen eine charakteristische leichte Muskatnote. Die Beeren sind groß, das Fruchtfleisch vergleichsweise fest und knackig.
Dieses Aroma unterscheidet die traditionelle Italia von vielen modernen kernlosen Tafeltrauben, die häufig weniger ausgeprägt aromatisch schmecken.
Wann haben Italia-Trauben Saison?
Italia ist eine eher spät reifende Sorte. In Apulien beginnt die Ernte im Spätsommer.
Durch den geschützten Anbau unter Folien lässt sich die Erntezeit jedoch deutlich verlängern. Deshalb findet ihr italienische Italia-Trauben vor allem vom Spätsommer über den Herbst bis teilweise in den Winter hinein auf Märkten und im Handel.
Wer zu dieser Zeit in Apulien unterwegs ist, sollte sie am besten einmal direkt vor Ort probieren.
Warum ist Apulien für Tafeltrauben so bedeutend?
Das warme und sonnenreiche Klima Apuliens bietet sehr gute Bedingungen für den Tafeltraubenanbau. Besonders die Provinz Bari ist dafür bekannt.
Wie bedeutend die Region ist, zeigen Zahlen aus Apulien: Im Jahr 2020 entfielen wertmäßig rund 68 Prozent der italienischen Tafeltraubenproduktion auf Apulien. Tafeltrauben sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region.
Rutigliano bezeichnet sich nicht ohne Grund als „Città dell’Uva“, als Stadt der Traube.
Was bedeutet Uva di Puglia IGP?
Beim Einkaufen stößt ihr vielleicht auch auf die Bezeichnung „Uva di Puglia IGP“.
IGP steht für Indicazione Geografica Protetta, auf Deutsch geschützte geografische Angabe. Die Bezeichnung Uva di Puglia wurde 2012 auf europäischer Ebene registriert.
Italia gehört zu den Tafeltraubensorten, die unter dieser geschützten Herkunftsbezeichnung vermarktet werden können, wenn sie die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen.
Dabei sollte man allerdings zwei Dinge auseinanderhalten: Italia ist eine Rebsorte.
Uva di Puglia IGP ist eine geschützte geografische Herkunftsbezeichnung.
Warum werden die Italia-Trauben mit weißen Planen abgedeckt?
Diese Tafeltrauben bedürfen einer ganz besonderen Pflege. Und damit kommen wir wieder zu den riesigen weißen Flächen, die uns bei unserer Fahrt durch Apulien aufgefallen sind.
Die Reben werden hier in einem als Tendone bezeichneten System angebaut. Dabei wachsen die Reben nicht wie in unseren bekannten Weinbergen an senkrechten Reihen. Sie bilden vielmehr in etwa zwei Metern Höhe ein horizontales Blätterdach, unter dem die Trauben hängen. Darüber werden Netze oder Kunststofffolien gespannt.
Sie schützen die empfindlichen Trauben so vor heftigen Regen- und Hagelschauern und teilweise auch vor zu starker Sonneneinstrahlung. Schutznetze können zudem Schäden durch Vögel und andere äußere Einflüsse reduzieren.
Die Folien haben aber noch einen weiteren Vorteil, denn mit ihnen können die die Winzer, obwohl, nein, hier sind es ja Obstbauern, das Mikroklima rund um die Reben beeinflussen und damit auch den Zeitpunkt der Reife und Ernte.
Ausgeklügeltes Anbausystem
Je nachdem, wann die Abdeckungen angebracht werden, kann sich die Entwicklung der Trauben beschleunigen oder die Ernte nach hinten verschieben. Werden die Trauben im Herbst vor Regen geschützt, können sie länger am Rebstock bleiben. So lässt sich die Saison bis weit in den Herbst und bei entsprechenden Sorten und Anbaumethoden sogar bis in den Winter verlängern. So sind die weißen Planen viel mehr als nur ein Wetterschutz sondern ein Teil eines ausgeklügelten Anbausystems.
Übrigens werden die edlen Tafeltrauben während ihrer Entwicklung immer wieder kontrolliert und gepflegt. Beschädigte oder schlecht entwickelte Beeren werden entfernt, damit am Ende möglichst gleichmäßige, große und schöne Trauben in den Handel gelangen.
Der einzige Nachteil für uns Reisende ist, dass die weißen Netze und Planen das Landschaftsbild doch erheblich beeinträchtigen können. Gerade wenn man von einer Anhöhe über die Region blickt, sieht man teilweise kilometerweit auf weiße Flächen statt auf grüne Weinberge.
Wenn man allerdings weiß, was sich darunter verbirgt, sieht man die Landschaft plötzlich mit etwas anderen Augen.
Praktische Tipps und weitere häufig gestellte Fragen
Seitdem wir die Italia-Trauben in Apulien direkt an den Reben gesehen (und auch probiert 😉 ) und die Hintergründe dazu erfahren hatten, sehen wir Tafel-Weintrauben wie die Italia nun mit etwas anderen Augen.
Siegbert Mattheis

