Wer nach Bilbao kommt, sollte unbedingt eine Pintxo-Tour unternehmen. In der baskischen Stadt reiht sich eine Pintxo-Bar an die nächste. Auf den Theken stehen kleine kulinarische Kunstwerke mit Fisch, Meeresfrüchten, Fleisch, Käse, Pilzen oder Gemüse. Manche sind so aufwändig zubereitet, dass sie eher an kleine Restaurantgerichte erinnern als an einfache Häppchen.
Doch wo gibt es die besten Pintxos in Bilbao? Und in welchen Bars gehen die Einheimischen selbst essen?
Wir hatten das Glück, mit unserem einheimischen Guide Garai durch Bilbao zu ziehen. Er führte uns zu einigen seiner bevorzugten Adressen, erklärte uns die Besonderheiten der baskischen Esskultur und verriet uns sogar seinen ganz persönlichen Geheimtipp. Allerdings nur unter einer Bedingung: Wir sollten ihn nicht einfach weitergeben.
Wer zunächst mehr über die Geschichte der kleinen baskischen Häppchen, den Unterschied zu Tapas und die berühmte Pintxo Gilda erfahren möchte, findet die Hintergründe in unserem Artikel:
Was sind Pintxos? Und was hat Rita Hayworth damit zu tun?
Hier nehmen wir euch mit auf unsere kulinarische Entdeckungstour durch Bilbao. Neben den von Garai empfohlenen Bars stellen wir euch auch zwei Lokale vor, die wir selbst entdeckt haben und die uns aus ganz unterschiedlichen Gründen gefallen haben.
Wo gibt es die besten Pintxos in Bilbao?
Unsere Tour führte uns zunächst in die Altstadt, das Casco Viejo. Besonders rund um die Plaza Nueva liegen einige der bekanntesten Pintxo-Bars der Stadt. Von dort aus könnt ihr bequem durch die Siete Calles, die sieben historischen Straßen Bilbaos, weiterziehen. Garai erzählte uns dabei, dass die Plaza nicht wie inzwischen in einigen anderen Städten wie Madrid nur noch für Tourist:innen da sei, sondern die Bilbaínos sich hier gerne treffen.
Die folgenden Adressen gehören zu den Empfehlungen unseres Guides Garai:
1. Víctor Montes: Pintxos in einem Stück Bilbao-Geschichte
Das Víctor Montes gehört zu den traditionsreichen Adressen an der Plaza Nueva. Die Geschichte des Hauses reicht bis ins Jahr 1849 zurück. Ursprünglich befand sich hier ein Feinkostgeschäft, in dem unter anderem Schokolade, Gewürze, Wein und andere damals nicht alltägliche Produkte angeboten wurden.
Heute verbindet das Lokal seine historische Einrichtung mit einer umfangreichen Pintxo-Theke und baskischer Restaurantküche.
Schon beim Betreten lohnt es sich, den Blick von den kleinen Köstlichkeiten auf der Theke zu lösen und sich etwas umzuschauen. Die Einrichtung erinnert noch immer an die lange Geschichte des Hauses.
Auch ein Stück jüngerer Stadtgeschichte ist mit dem Víctor Montes verbunden: Nach Angaben des Restaurants trafen sich hier 1997 Frank Gehry, Thomas Krens und Juan Ignacio Vidarte im Zusammenhang mit dem Guggenheim-Projekt.
Auf der Pintxo-Karte findet ihr sowohl klassische baskische Zutaten als auch modernere Kreationen, beispielsweise mit kantabrischem Bonito, geschmortem Fleisch oder krossem Jamón mit Glasaalen, bzw. dem Ersatzprodukt Gulas. Dazu später mehr..
Garais Tipp: Fragt unbedingt nach den warmen Pintxos. Nicht alles, was die Küche zu bieten hat, steht bereits fertig auf der Theke.
2. Café Bar Bilbao: ein Klassiker an der Plaza Nueva
Nur wenige Schritte vom Víctor Montes entfernt liegt das Café Bar Bilbao, das bereits 1911 eröffnet wurde.
Mit seinen historischen Kacheln, der traditionellen Einrichtung und der (manchmal lauten 😉 ) Theke gehört es zu den klassischen Adressen der Plaza Nueva. Hier gehören die kleinen Häppchen zum alltäglichen Leben der Stadt. Mit einer großen Auswahl an Pintxos, darunter traditionelle Varianten mit Fisch, Meeresfrüchten und anderen typischen Zutaten der baskischen Küche.
Die Plaza Nueva ist übrigens auch deshalb ein idealer Ausgangspunkt für eine Pintxo-Tour, weil ihr nach einem oder zwei Pintxos einfach ein paar Schritte weiterziehen könnt.
3. La Olla: traditionelle Zutaten, moderne Pintxos
Ebenfalls an der Plaza Nueva liegt La Olla, eine weitere Empfehlung unseres Guides.
Hier werden klassische baskische Zutaten mit moderneren Zubereitungsarten kombiniert. Auf der Speisekarte finden sich unter anderem Pintxos mit Bacalao al Pilpil, Kroketten, Artischocken und weiteren saisonalen Produkten.
Die Auswahl reicht von kleinen kalten Häppchen bis zu warmen Pintxos, die erst nach der Bestellung frisch zubereitet werden.
Gerade bei solchen Bars lohnt es sich, nicht ausschließlich nach der Optik zu entscheiden. Manche der interessantesten Kreationen stehen gar nicht auf der Theke.
La Olla bietet außerdem eine umfangreichere Restaurantküche an. Wer nach der Pintxo-Runde noch nicht satt ist, kann hier also auch länger bleiben.
4. El Globo: berühmt für seinen gratinierten Txangurro
Eine der bekanntesten Pintxo-Adressen Bilbaos ist El Globo. Das ursprüngliche Lokal befindet sich in der Calle Diputación. Mittlerweile gibt es auch eine zweite Filiale direkt an der Plaza Nueva. Die haben wir besucht und waren schlichtweg begeistert!
Vor allem vom Klassiker, dem Gratinado de Txangurro, einem cremigen Pintxo mit dem Fleisch der baskischen Seespinne, der im Ofen überbacken wird.
Txangurro gehört zu den traditionellen Spezialitäten der baskischen Küche. Die Seespinne ist eine große Meereskrabbe, deren Fleisch beispielsweise mit Gemüse, Tomaten und weiteren Zutaten zubereitet wird.
El Globo bietet daneben zahlreiche andere Pintxos an, darunter auch ungewöhnlichere Kombinationen aus Fleisch, Käse und weiteren Zutaten. Insbesondere aber gratinierte Pintxos in allen möglichen Varianten.
Wir dachten früher, Pintxos wären vor allem kleine belegte Brote, aber hier bekamen wir eine Vorstellung davon, wie vielfältig sich diese baskische Spezialität entwickelt hat.
5. Berton und Sasibil: zwei Adressen mitten in den Siete Calles
Mitten in der Altstadt liegen in der Jardines Kalea das Berton und sein Schwesterlokal Sasibil.
Berton verbindet die Pintxo-Kultur mit klassischer baskischer Restaurantküche. Fleisch und Fisch spielen eine wichtige Rolle. Das Restaurant arbeitet unter anderem mit einem geschlossenen Holzkohleofen, der mit Steineichenkohle betrieben wird.
Auf der Speisekarte stehen neben Pintxos auch traditionelle Gerichte und hochwertige Fleischprodukte.
Eine Besonderheit ist der Jamón Ibérico, der im Berton auf einer historischen Berkel-Aufschnittmaschine aus dem Jahr 1907 geschnitten wird.
Zu den vom Haus genannten Pintxos gehören unter anderem Tortilla de Patata und Pilze mit Ziegenkäse.
Wer sich etwas Besonderes gönnen möchte, kann nach den warmen Pintxos fragen. Zum Beispiel ein Medaillon vom Rinderfilet mit gegrillter Leber auf Rosinenbrot als Spezialität des Hauses.
6. Mercado de la Ribera: Pintxos in der historischen Markthalle
Eine weitere Empfehlung von Garai war der Mercado de la Ribera. Wir hatten dort selbst sehr gute Pintxos gegessen und können euch einen Besuch ebenfalls empfehlen. Übrigens auch für ein hervorragendes Frühstück!
Die historische Markthalle liegt direkt an der Ría, dem Fluss, der sich durch Bilbao zieht. Das heutige Gebäude wurde 1929 nach Plänen des Architekten Pedro Ispizua errichtet.
Neben den klassischen Marktständen mit Fisch, Meeresfrüchten, Fleisch, Gemüse und anderen frischen Lebensmitteln gibt es einen eigenen gastronomischen Bereich mit mehreren Gastro-Bars.
Dort könnt ihr euch durch ganz unterschiedliche Pintxos probieren. Das Angebot reicht von klassischen Gildas und belegten Broten bis zu warmen Spezialitäten und modernen Kreationen.
7. Manzana 16: junges Bilbao, coole Musik und eine tolle Aussicht
Eine ganz andere Atmosphäre fanden wir in der Manzana 16 am anderen Ufer des Flusses. Hier trifft sich ein jüngeres Publikum, aus den Lautsprechern kommt coole Musik und die Stimmung ist lebendig und unkompliziert.
Neben leckeren Pintxos bekommt ihr hier auch Bocadillos, die spanischen belegten Baguettes, und weitere Kleinigkeiten.
Manzana 16 ist eine interessante Ergänzung zu den traditionsreichen Bars der Plaza Nueva. Wer bei seiner Pintxo-Tour auch das jüngere Bilbao kennenlernen möchte, sollte sich diese Adresse merken.
8. Restaurante Amaya, urig
Das Amaya gehörte zwar nicht zu unserer Pintxo-Tour mit Garai. Aber wir waren bereits am Abend zuvor dort und möchten es trotzdem erwähnen.
Denn das Amaya ist eine dieser Bars, die man vor allem wegen ihrer Atmosphäre in Erinnerung behält. Dunkles Holz, Spiegel, Buntglas, Kronleuchter und ein klassischer Speisesaal im hinteren Bereich vermitteln das Gefühl, in einem Stück altem Bilbao gelandet zu sein.
Auch die Pintxos waren bei unserem Besuch eher bodenständig als kunstvoll inszeniert. Wir probierten unter anderem kleine frittierte Sardellen auf Brot.
Schön war die handgeschriebene Weinkarte. Bei unserem Besuch kostete ein Glas Wein je nach Sorte etwa 1,80 bis 3,50 Euro. Selbst bekannte Rioja-Weine wie Muga oder Ramón Bilbao wurden für 3,50 Euro pro Glas angeboten. (Preise Stand September 2026)
9. Río Oja: baskische Hausmannskost aus dem Tontöpfchen
Rio-Oja in der Txakur Kalea 4 im Casco Viejo ist noch einmal etwas ganz anderes. Zwar bekommt ihr hier auch Pintxos und kleine Häppchen, spannend fanden wir aber vor allem die Cazuelitas, kleine Portionen traditioneller baskischer Gerichte, die in Tontöpfchen serviert werden, wie uns Garai zeigte.
Schon der Blick auf die Theke macht neugierig. Hinter Glas stehen große Pfannen mit verschiedenen Schmorgerichten und Saucen. Das Ganze wirkt eher wie eine traditionelle baskische Küche als wie eine moderne Pintxo-Bar. Auf der Karte finden sich Klassiker wie Bacalao al Pil-Pil, Chipirones en su tinta, Schweinebäckchen, Lamm- und Kalbsragout, Fleischbällchen, Champignons in Sauce, Kutteln und sogar Schweinefüße und Innereien.
Die Speisekarte zeigt übrigens, wie bodenständig diese Küche geblieben ist. Neben Fisch und Meeresfrüchten findet ihr dort auch Kaninchen, Wachteln, Schnecken, Kutteln und andere Gerichte der traditionellen Nose-to-Tail-Küche. Das ist keine auf Touristen zugeschnittene Pintxo-Show, sondern eine Küche, in der auch jene Zutaten verwendet werden, die früher selbstverständlich auf den Tisch kamen.
Txikiteo oder potear? Wie die Bilbaínos von Bar zu Bar ziehen
Bisher dachten wir, Txikiteo sei einfach die baskische Bezeichnung für eine Pintxo-Tour. Garai erklärte uns die Tradition aber etwas genauer.
Nach seiner Beschreibung bezeichnet Txikiteo vor allem die traditionelle Runde am Mittag. Eine cuadrilla, also eine Gruppe von Freund:innen, zieht gemeinsam von Bar zu Bar und trinkt jeweils einen txikito, ein kleines Glas Wein. Pintxos können dazugehören, müssen aber nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen.
Und manchmal wird gesungen!
Garai erzählte uns, dass die Gruppe vor dem Betreten der nächsten Bar durchaus erst einmal gemeinsam ein Lied anstimmen könne. Dabei handelt es sich häufig um sogenannte bilbainadas, traditionelle Lieder über Bilbao, seine Menschen und das Leben in der Stadt.
Das gemeinsame Singen ist tatsächlich Teil der überlieferten Bilbaíner Barkultur und keine eigens für Touristen inszenierte Folklore. Das konnten wir dann einmal sogar selbst miterleben 😉 !
Für die abendliche Runde verwendete Garai dagegen den Begriff potear oder ir de poteo. Die Begriffe Txikiteo und poteo werden allerdings nicht überall streng nach Tageszeiten unterschieden. Wir geben hier wieder, wie Garai uns die lokale Tradition erklärte.
Bei beiden steht auf jeden Fall das gesellige Zusammensein im Mittelpunkt. Man trifft Freunde und Freundinnen, trinkt ein kleines Glas, isst vielleicht einen Pintxo und zieht gemeinsam weiter.
Was sind Gulas?
Vielleicht entdeckt ihr auf einer Pintxo-Theke kleine weiße, aalähnliche Streifen mit dunklem Rücken. Sie sehen aus wie winzige Aale und werden auf manchen Speisekarten auch als Glasaale ausgewiesen. Meistens sind es aber Gulas.
Echte Angulas sind junge Glasaale des Europäischen Aals. Sie gehören zu den traditionellen Delikatessen der nordspanischen Küche und werden beispielsweise mit Olivenöl, Knoblauch und etwas Chili zubereitet.
Aber bei Gulas handelt es sich um ein aus Surimi hergestelltes Produkt, das bewusst so geformt wird, dass es den echten Glasaalen ähnlich sieht.
Der baskische Hersteller Angulas Aguinaga entwickelte diesen Ersatz, nachdem die Fänge echter Glasaale stark zurückgegangen waren und die Preise entsprechend stiegen. Unter dem Namen La Gula del Norte kam das Produkt 1991 auf den Markt.
Gulas sind erheblich günstiger als echte Angulas. Wenn euch also für wenige Euro ein üppig mit vermeintlichen Babyaalen belegter Pintxo angeboten wird, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Gulas und nicht um echte Angulas.
Ein kleiner kulinarischer Trick, den man kennen sollte. Allerdings sind Gulas keine betrügerische Fälschung, sondern ein regulär angebotenes Ersatzprodukt.
Und wo gibt es nun die besten Pintxos in Bilbao?
Natürlich wollten wir von Garai irgendwann wissen, welche Pintxo-Bar für ihn persönlich die beste in Bilbao ist.
Und tatsächlich hatte er darauf eine Antwort.
Allerdings wollte er seinen Geheimtipp nicht einfach so preisgeben. Die Bar gehört zu den Adressen, die er seinen Gästen während einer Tour zeigt. Wer wissen möchte, wo sie liegt und was man dort unbedingt bestellen sollte, müsse eben mit ihm durch Bilbao ziehen.
Wir respektieren das und verraten deshalb an dieser Stelle weder die Adresse noch die Spezialitäten des Hauses.
Eine gute Stadtführung besteht schließlich nicht nur daraus, Jahreszahlen und Sehenswürdigkeiten aufzuzählen. Ihr Wert liegt auch darin, persönliche Lieblingsorte zu entdecken, die man alleine vielleicht übersehen hätte.
Ein bisschen Geheimnis darf Bilbao schließlich behalten.
Aber Garai verriet uns immerhin ein anderes Geheimnis: Wenn man herausfinden will, wie gut die Pintxos in einer Bar sind, sollte man erst einmal deren Tortilla probieren. Wenn sie cremig ist und unregelmäßige Kartoffelstücke enthält, ist man richtig. Denn dann ist sie hausgemacht und kein Industrieprodukt. Und so kann man auch auf die Qualität der Pintxos schließen.
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.









