Tel Aviv, Bauhaus-Architektur, die Weiße Stadt, ein Überblick

Tel Aviv wird wegen der 4.000 Gebäude im Bauhaus-Stil die „Weiße Stadt“ genannt, mit der größten Ansammlung an Häusern im sog. modernistischen Stil weltweit. Aus Anlass des Jubiläums 100 Jahre Bauhaus haben wir uns die Stadt und den Bauhaus-Stil einmal näher angesehen.

2003 wurde Tel Aviv von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die meisten dieser modernistischen Häuser entstanden nach 1933, als viele Juden nach Palästina emigrierten. Darunter waren einige Absolventen der Bauhausschule in Weimar und Dessau, die den Auftrag erhielten, die junge Stadt (Tel Aviv war erst 1909 gegründet worden) mit aufzubauen. Aber auch aus anderen Ländern kamen viele jüdische Architekten, die u.a. von den Ideen von Le Corbusier beeinflusst waren.

Haus am Rothschild Blvd, Ecke Bar Ilan St. © Siegbert Mattheis
Haus am Rothschild Blvd, Ecke Bar Ilan St. © Siegbert Mattheis

Was bedeutet Bauhaus in Tel Aviv?

In Tel Aviv spricht man eigentlich weniger vom Bauhaus-Stil, sondern vom Internationalen Stil oder von Modernismus, denn auch der Einfluss der belgischen Architektenschule oder der russischen Avantgarde prägte den Stil der neuen Bauten. Vorher baute man viele Häuser im eklektischen Stil, der mehrere Stilrichtungen vereinte. Aber in der schnell wachsenden Stadt wurden viele Wohnungen gebraucht und da bot sich der Bauhaus-Stil an, der sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientierte („form follows function“) und auf jegliche Verzierungen und Schnörkel z.B. des Jugendstils verzichtete. Es ging um eine zweckmäßige, funktionale und ökonomisch wirtschaftliche Bauweise.

Das Rothschild Center für Kunst und Kultur, Rothschild Boulevard 104. Das Gebäude wurde 1928 im expressionistisch modernen Stil erbaut und vor Kurzem renoviert © Siegbert Mattheis
Das Rothschild Center für Kunst und Kultur, Rothschild Boulevard 104. Das Gebäude wurde 1928 im expressionistisch modernen Stil erbaut und vor Kurzem renoviert © Siegbert Mattheis

In Tel Aviv folgte die Form zusätzlich den heißen klimatischen Verhältnissen und Bauvorgaben, drei bis max. vier Stockwerke waren die Norm. So wurden viele Balkone eingebaut, statt großer Fensterfronten wurden eher schmale Lichtleisten oder Bullaugen gesetzt, viele Bauten setzten die Architekten auf Stelen, um eine bessere Luftzirkulation zu ermöglichen und auf den Dächern gestaltete man Dachterrassen als Aufenthaltsraum für heiße Sommernächte. Und der Anstrich war der Hitze wegen weiß.

In diesem Haus, der heutigen Independence Hall am Rothschild Blvd. 16 wurde 1948 der Staat Israel gegründet. © Siegbert Mattheis
In diesem Haus, der heutigen Independence Hall am Rothschild Blvd. 16 wurde 1948 der Staat Israel gegründet. © Siegbert Mattheis
1909 von der Familie Dizengoff gebaut, wurde ab 1933 seine Fassade im modernistischen Stil verändert © Siegbert Mattheis
1909 von der Familie Dizengoff gebaut, wurde ab 1933 seine Fassade im modernistischen Stil verändert © Siegbert Mattheis

Wo findet man die Bauten im Bauhaus-Stil?

In Tel Aviv gibt es kein Bauhaus-Viertel im engeren Sinn, die meisten Bauten findet man zwischen dem Dizengoff-Platz, Rothschild-Boulevard und der Allenby Street, also im eigentlichen Zentrum Tel Avivs. Aber auch überall sonst wie z.B. im angesagten Viertel Florentin finden sich verstreut einige Gebäude wie das Soskin-Haus in der Lilienblum Street 12.

Das Soskin-Haus von 1933 in Florentin, 2005 renoviert © Siegbert Mattheis
Das Soskin-Haus von 1933 in Florentin, 2005 renoviert © Siegbert Mattheis
Ein UNESCO-Schild am Soskin-Haus © Siegbert Mattheis
Ein UNESCO-Schild am Soskin-Haus © Siegbert Mattheis

Eine richtig weiße Stadt hingegen sucht man vergeblich, denn etwa zwei Drittel der Häuser sind renovierungsbedürftig, das ursprüngliche Weiß der Fassaden ist im Laufe der Zeit einem verwaschenen Graubraun gewichen mit abgeblättertem Putz und Rostspuren der Eisenträger.

Im Laufe der Zeit wurden viele Fassaden der Häuser verändert, Balkone oft von den Bewohnern zugebaut, um zusätzlichen Wohnraum zu erhalten, nicht wenige wurden abgerissen, um Hochhäusern Platz zu machen.

Links ein unrenoviertes Haus im Bauhaus-Stil mit zugemauerten Balkonen, rechts ein renoviertes (Rothschild Blvd, Ecke Hahashmonaim St.) © Siegbert Mattheis
Links ein unrenoviertes Haus im Bauhaus-Stil mit zugemauerten Balkonen, rechts ein renoviertes (Rothschild Blvd, Ecke Hahashmonaim St.) © Siegbert Mattheis

Erst sehr spät in den 1990er Jahren erkannte man das wertvolle Erbe der Stadt. Die Architektin Nitza Szmuk war die erste, die die schützenswerten Häuser kartografiert und so viele Gebäude vor dem Abriss bewahrt hatte. Ihr ist es zu verdanken, dass die Weiße Stadt international ein Thema wurde.

Nach 2003 wurden viele Gebäude renoviert, obwohl die Denkmalauflagen sehr streng und die Kosten entsprechend hoch sind. So genehmigt die Tel Aviver Stadtverwaltung inzwischen nur noch Hochhäuser, wenn auf dem gleichen Grundstück oder drumherum je nach geplanter Höhe der Türme bis zu vier Häuser renoviert werden. Das führt manchmal auch zu etwas kuriosen Gebäudekonstellationen, indem man wie in der Ahad Ha’Am St. nahe des Shalom Meir Towers einen Büroturm einfach über ein altes Gebäude stülpt.

Hier wurde ein Büroturm über ein altes Gebäude im eklektischen Stil gestülpt © Siegbert Mattheis
Hier wurde ein Büroturm über ein altes Gebäude im eklektischen Stil gestülpt © Siegbert Mattheis

Informationen zu Tel Aviv und Bauhaus

Heute gibt es ein Bauhaus-Center in der Dizengoff St. 77, das Führungen durch die Weiße Stadt anbietet.

Seit 2014 unterstützt auch die Bundesregierung mit dem Projekt „Netzwerk Weiße Stadt Tel Aviv“ die Renovierung der Bauhaus-Gebäude mit dem Aufbau eines Zentrums für denkmalgerechtes Bauen und Sanieren. Sie unterstreicht damit die gemeinsame historische und baukulturelle Bedeutung der Weißen Stadt für Deutschland und Israel. Das Zentrum ist im Max-Liebling-Haus in der Idelson St. 29, 1936 nach Entwürfen des Architekten Dov Karmi von Max und Tony Liebling gebaut, das die Stadt Tel Aviv dem bilateralen Projekt zur Verfügung gestellt hat.

Das Zentrum ist zurzeit nur zu Veranstaltungen und Workshops zugänglich. Es wird am 19. September 2019 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100. Gründungsjubiläum des Bauhauses eröffnet.

Typisches modernistisches "Schiffsbug"-Haus in der Ha-Shakhar-St. nahe des Shalom Meir Towers © Siegbert Mattheis
Typisches modernistisches "Schiffsbug"-Haus in der Ha-Shakhar-St. nahe des Shalom Meir Towers © Siegbert Mattheis

Und auch im Shalom Meir Tower ist eine kostenlose Dauerausstellung der Geschichte der Stadt und vor allem dem Thema Architektur in Tel Aviv gewidmet, mit Modellen herausragender Bauten, einem Modell der Stadt und vielen historischen Fotografien und einigen Filmen aus den Anfägen Tel Avivs.

In der arte-Mediathek finden Sie einen sehr guten Bericht über die Bauhaus-Architektur in Tel Aviv: „Weiße Linien im Sand – Tel Aviv und das Bauhaus“, verfügbar vom 17. Januar bis 19. April 2019.

Siegbert Mattheis

Tel Aviv im Modell im 2. Stock des Shalom Meir Towers © Siegbert Mattheis
Tel Aviv im Modell im 2. Stock des Shalom Meir Towers, hinten das Meer, im Vordergrund erkennt man gut den Rothschild Blvd.und den Habima Square © Siegbert Mattheis
Die blauen Flächen zeigen die Standorte der Bauten im Internationalen Stil, die Karte ist in der Architektur-Ausstellung im Shalom Meir Tower zu finden © Siegbert Mattheis
Die blauen Flächen zeigen die Standorte der Bauten im Internationalen Stil, die roten die im eklektischen Stil. Die Karte ist in der Architektur-Ausstellung im Shalom Meir Tower zu finden © Siegbert Mattheis
Fotoausstellung im Shalom Meir Tower © Siegbert Mattheis
Fotoausstellung im Shalom Meir Tower © Siegbert Mattheis

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