Mediterrane Toilettenkultur: Was ist ein Bidet? Wie benutzt man es?

Ein Bidet finden Sie in nahezu jedem Hotelbadezimmer oder im Bad einer guten Ferienwohnung im Mittelmeerraum und langsam wird es zum Trend in Deutschland. Aber viele sind sich unsicher hinsichtlich der Benutzung dieses niedrigen „Waschbeckens“. Wofür also ist ein Bidet genau da und wie benutzt man es? Wir gingen auch der Frage nach, warum es in Deutschland und den angelsächsischen Ländern kaum bekannt ist.

Was ist ein Bidet?

Ein Bidet ist quasi ein Waschbecken für die Reinigung des Intimbereichs.

Wie benutzt man ein Bidet?

Nach dem Toilettengang wäscht man sich den Intimbereich, indem man sich auf das Bidet setzt, sich darüberstellt oder halb in die Hocke geht und sich mit dem Wasserstrahl reinigt oder das Bidet voll laufen lässt und einen Waschlappen zu Hilfe nimmt. Ob man sich dabei mit dem Gesicht zur Wand setzt oder wie auf eine Toilette, ist egal. Jedenfalls ist es wesentlich hygienischer und umweltfreundlicher, als Toilettenpapier zu benutzen. Seife sollte dabei nicht zu oft oder zuviel benutzt werden, da gerade parfümierte Seife die empfindliche Haut im Genitalbereich reizt. Ein gute Alternative ist übrigens die originale Savon de Marseille, die nur aus Olivenöl und Pottasche hergestellt wird, ohne irgendwelche chemischen Zusätze.

Im Süden ist ein Bidet völlig selbstverständlich

Beinahe jeder Italiener und über 90 % der Portugiesen, Spanier und Franzosen oder Griechen besitzen ein Bidet im Bad, hingegen nutzen nur 3 % der Deutschen dieses Waschbecken für den Intimbereich. In Großbritannien nutzen es noch weniger Menschen und in den USA sind Bidets vollkommen verpönt.

Südländer rümpfen oft die Nase über das offenbar mangelnde Hygienebewusstsein der nördlichen Länder, insbesondere in Deutschland, denn bei den Österreichern und Schweizern sind Bidets etwas häufiger in den Badezimmern zu finden.

Bidets liegen im Trend

In den letzten Jahren werden aber nun auch hierzulande immer mehr Bidets in den Badezimmern installiert. Im stylishen modernen Design, im mediterranen oder Vintage-Stil mit klassischen Armaturen und den französischen Aufschriften chaud und froid oder italienisch caldo und freddo (caldo heißt übrigens warm, nicht kalt, wie manche aufgrund der im Deutschen ähnlichen Lautsprache vermuten).

Typisch italienisches Badezimmer mit Bidet in den Marken © Siegbert Mattheis
Privates italienisches Badezimmer mit Bidet in den Marken © Siegbert Mattheis
Klassisch mediterrane Bidet-Armatur mit den Aufschriften Caldo und Freddo in einem sizilianischen Landhaus © Siegbert Mattheis
Klassisch mediterrane Bidet-Armatur mit den Aufschriften Caldo und Freddo in einem sizilianischen Landhaus © Siegbert Mattheis

Woher stammt Bidet und woher kommt der Name?

Die ersten Bidets entstanden im 17. Jhdt. in Frankreich, daher auch der französische Name bidet (ausgesprochen bideh, mit Betonung auf der letzten Silbe), er bedeutet „kleines Reitpferd“. Denn an kleine Pferde mit Füßen erinnerten die ersten Bidets, und man setzte sich auch darauf wie auf ein Pferd. Vermutlich wurden die ersten meubles des toilettes zu Zeiten Ludwigs XV populär. Madame de Pompadour, die Geliebte des Königs, besaß jedenfalls ein Bidet.

Die erste bekannte bildliche Darstellung eines Bidets stammt aus dem Jahr 1741. Auf dem Gemälde „La toilette intime“ von Louis-Léopold Boilly ist eine solches „kleines Pferd“ zu sehen.

Das erste Bild eines Bidets, 'La toilette intime' von Louis-Léopold Boilly 1741 © Wikipedia
Das erste Bild eines Bidets, 'La toilette intime' von Louis-Léopold Boilly 1741 © Wikipedia
Dieses antike Bidet aus Holz haben wir in einem Schaufenster eines Sanitärladens in Paris entdeckt © Siegbert Mattheis
Dieses antike Bidet aus Holz haben wir in einem Schaufenster eines Sanitärladens in Paris entdeckt © Siegbert Mattheis
Ein klassisches Bidet in Italien © Siegbert Mattheis
Ein klassisches Bidet in Italien © Siegbert Mattheis

Woher kommt es, dass Bidets vor allem in Deutschland so unbekannt sind?

Wir fanden heraus, dass es sowohl historische als auch religiöse Ursachen hat. Eigentlich war die Reinigungs- und Badekultur schon in der Antike in Ägypten, Griechenland und im römischen Reich weit verbreitet und hochentwickelt. Es gab ausgeklügelte Wasserleitungssysteme, Fußbodenheizung und vieles mehr. Reiche Römer besaßen bereits eine eigenes privates Badezimmer, was im restlichen Europa erst 2.000 Jahre später zum Standard wurde.

Durch den Zerfall des römischen Reiches, der Völkerwanderung und durch die Eroberungszüge der Goten wurden viele dieser Wasserleitungen und öffentlichen Bäder jedoch unwiederbringlich zerstört und das Wissen darum ging in Mitteleuropa verloren. Nur im Byzantinischen Reich und in Arabien überlebte die hygienische Badekultur. Die Hamams, die türkischen Bäder sind ein beredtes Zeichen dafür.
Die Araber führten um 800 v. Chr. mit der Eroberung großer Teile der iberischen Halbinsel die Bade- und Reinigungskultur zumindest im heutigen Spanien und Portugal wieder ein. Der Rest des nördlichen Europa versank hingegen im Schmutz.

So berichtete ein Gesandter von Kalif Al-Hakam II. aus Cordoba an seinen Herrn im Jahr 973 über die mittel- und nordeuropäische Bevölkerung:

„Aber du siehst nichts Schmutzigeres als sie! Sie reinigen und waschen sich nur ein- oder zweimal im Jahr mit kaltem Wasser. Ihre Kleider aber waschen sie nicht, nachdem sie sie angezogen haben, bis dass sie in Lumpen zerfallen.“

Auch die Religion spielte eine wesentliche Rolle

In den christlichen Ländern wurde schon früh das Baden als Zeichen der Verweichlichung und des Luxus‘ abgelehnt. Der einflussreiche Kirchenlehrer Augustinus erklärte zum Beispiel,

„ein Bad pro Monat sei gerade noch mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren. Mönche sollten am besten überhaupt nur vor Ostern und Weihnachten in die Wanne steigen.“

Während später die katholisch geprägten Länder dennoch relativ gelassen mit der Sexualität und dem Intimbereich umgingen – wenngleich gepaart mit einer kirchlich sanktionierten Doppelmoral – waren die protestantisch und puritanisch geprägten Länder (wie die Schweiz, Deutschland, die Niederlande, Großbritannien und später die USA, wohin viele Puritaner auswanderten) weitaus rigoroser und es entstand ein Tabu, das bis heute andauert. Denn der Calvinismus und der Puritanismus des 16. und 17. Jhdts. sahen den Menschen als von Grund auf schlecht an, der sich nur durch wahren Glauben, reine Lehre und Askese eines besseren Lebens im Jenseits würdig erweisen konnte. Aus dieser Überzeugung heraus entstammte übrigens auch der bei uns so vielbeschworene Satz „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, der in südlichen Ländern völlig unbekannt ist.

Ein Merkmal der asketischen Lebensweise waren u.a. der Verzicht auf Kosmetika und Körperpflege wie auch das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass in den protestantischen Ländern alleine schon der Anblick des Bidets, das explizit an die Geschlechtsorgane denken lässt, Puritaner schaudern liess und sich so ein solches „meuble de toilette“ hierzulande nicht etablieren konnte.

Aber die Zeiten ändern sich ja glücklicherweise.

Siegbert Mattheis

Mediterranes Badezimmer mit Bidet in einem alten sizilianischen Landhaus © Siegbert Mattheis
Mediterranes Badezimmer mit Bidet in einem alten sizilianischen Landhaus © Siegbert Mattheis

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