Grignan in der Drôme Provençale zählt seit 2019 offiziell zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Malerisch umgeben von Lavendelfeldern zieht es vor allem im Sommer die Besucher:innen an. Dann ist das etwa 1.500 Einwohner:innen zählende Dorf allerdings schnell überfüllt.
Mittelalterliches Dorf Grignan
Um den eigentlichen Zauber des Ortes in Ruhe zu erleben, empfiehlt sich somit eher ein Besuch in der Nebensaison. So waren wir Anfang Dezember dort, um auch den nahe gelegenen Trüffelmarkt in Richerenches zu erleben.
Der Ort ist bekannt für Lavendel, Olivenbäume, Trüffel und den AOC-Wein Grignan les Adhémar. Die erdfarbenen Häuser mit Terrakottadächern schmiegen sich eng an den hochaufragenden Felsen. Schmale, kopfsteingepflasterte Gassen schlängeln sich um ihn herum oder führen in sanftem Anstieg hoch zum alles beherrschenden Schloss auf dem Plateau.
Im charmanten Café und Restaurant L‘Hélice am Place Jeu de Ballon saßen wir in der Wintersonne draußen. Die Einwohner:innen trafen such auf ein gemütliches Schwätzchen zum Frühstück und Mittagessen. Vorbeikommende Freunde wurden wie hier üblich mit drei Küsschen begrüßt und wir genossen die herrlich entspannte Atmosphäre der Vorweihnachtszeit.
Der erdige, unnachahmliche Duft der schwarzen Trüffeln stieg uns in die Nase, aus den Häusern roch es lecker nach angebratenen Zwiebeln und irgendwo wurden Kastanien geröstet.
Anschließend schlenderten wir durch die stillen Gassen hoch zum Highlight von Grignan, dem einzigartigen Château de Grignan. Das hatten wir dann nahezu für uns allein.
Château de Grignan, beeindruckendes Renaissance-Schloss
Das thront auf einem hochaufragenden Felsplateau mitten in der ebenen Landschaft. Es sieht beinahe wie eine Miniaturausgabe der Akropolis in Athen aus. Auf dem Felsen erhebt sich jedoch statt eines Tempels das größte Renaissance-Schloss im Südwesten von Frankreich.
Die Räume des Schlosses waren weihnachtlich geschmückt und mit Fabelwesen dekoriert. Denn das diesjährige Motto der „Weihnachten im Schloss“ war von den bezaubernden Geschichten des Schriftstellers Jean de la Fontaine inspiriert.
Der hatte 1668 die Fabel „Der verliebte Löwe“ verfasst, die Françoise-Marguerite de Sévigné gewidmet war. Auf sehr bildhafte Weise beschreibt er darin die Zuneigung, die König Ludwig XIV. für „das hübscheste Mädchen Frankreichs“ empfunden haben soll. Die Tochter der späteren Marquise de Sévigné wehrte jedoch die Avancen des Sonnenkönigs auffallend gleichgültig ab und heiratete einige Monate darauf den Grafen von Grignan. Das brachte ihr den Spitznamen „belle lionne“ (schöne Löwin) ein.
Geschichte des Château de Grignan
Schon die Römer wussten die strategische Lage des Felsens zu nutzen und errichteten das Castellum Gradignanum, was zum heutigen Namen von Grignan mutierte.
Im Mittelalter wurde daraus eine befestigte Burg der Familie Adhémar de Monteuil, die im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut wurde.
Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die westliche Schlossterrasse direkt über der Stiftskirche angelegt. Dazu musste extra die Erlaubnis des Papstes eingeholt werden, damit an Stelle eines zu Gott erhobenen Daches eine begehbare Terrasse gebaut werden durfte.
Drei Frauen sind untrennbar mit dem Schloss verbunden
Berühmtheit erlangten Grignan und das Château durch die Marquise de Sévigné. Sie war eine der bekanntesten Briefeschreiberinnen des 17. Jahrhunderts. Ihre Briefe an ihre Tochter Françoise Marguerite, die mit dem Grafen von Grignan verheiratet war, gelten bis heute als literarisches Juwel der französischen Literaturgeschichte.
Die Marquise besuchte ihre Tochter, die auch als „schönste Frau Frankreichs“ bezeichnet wurde, regelmäßig auf dem Schloss und zog schließlich selbst nach Grignan. Dort starb sie am 17. April 1696. Ihr Grab befindet sich in der Kirche Saint-Sauveur, direkt neben dem Schloss.
Noch heute finden ihr zu Ehren im Sommer die „Correspondances de Grignan“, ein Literaturfestival mit Lesungen und Theater statt.
Verfall nach der Französischen Revolution
Nach der Französischen Revolution ordnete der Bezirk Montélimar 1793 den Abriss des Schlosses an. Als eines dieser „Denkmäler, die die Gleichheit beleidigen, indem sie an Zeiten der Knechtschaft, des Feudalismus und des Aberglaubens erinnern, deren Last zu lange auf einem Volk lastete, das nun seine Freiheit erlangt hat“. Das Dach wurde abgetragen, ein Großteil der Mauern und nahezu das gesamte Inventar wurden verkauft.
Ende des 19. Jahrhunderts waren die Gebäude nur noch Ruinen.
Marie Fontaine kauft das Schloss
Marie Fontaine wurde 1853 in Nordfrankreich geboren und entwickelte schon früh ihre Liebe zu Italien und der Provence. Dank des Vermögens ihres verstorbenen Mannes war sie zu erheblichem Wohlstand gelangt.
Als sie auf einer Reise die Ruinen des Schlosses entdeckte, kaufte sie es im Dezember 1912 kurzerhand für 57.500 Francs.
Ihr verdanken wir zum großen Teil das heutige Aussehen des Schlosses. Denn sie beschloss, ihr gesamtes Vermögen für seine Restaurierung einzusetzen.
Ganze 18 lange Jahre, von 1913 bis 1931, bemühte sie sich dabei um eine möglichst authentische Restaurierung.


So holte sie sich Rat bei Kunsthistorikern und fachkundigen Handwerkern der Gegend. Die ursprüngliche Schönheit des Gebäudes und des Interieurs konnte anhand von Gemälden und Skizzen aus der Zeit vor dem Zerfall wiederhergestellt werden.
Marie Fontaine starb 1937 in Paris. Nach ihrem Tod führten ihre Erb:innen das Werk nicht fort. Das Schloss, obwohl teilweise bewohnt, verfiel allmählich, bis es 1979 vom Département Drôme erworben wurde.
Die Drôme Provençale und die Papstenklave in der Nebensaison
Während im Sommer der Lavendel blüht und die Luft mit seinen Düften füllt, zeigt sich hier die Provence im Herbst und Winter von einer ganz anderen Seite. Eine einzigartige Ruhe und Entspanntheit breitet sich aus. Der Geruch von Kaminfeuer mischt sich mit dem Duft von Kräutern wie Thymian oder Rosmarin. Weiße Rauchsäulen von kleinen Feuern auf den Feldern erzeugen einen leichten Dunst in der immer noch wärmenden Sonne.
Die beste Zeit, um durch stille Gassen der Dörfer wie Grignan zu schlendern, Museen zu besuchen und die provenzalische Küche vorm Kaminfeuer in gemütlichen Restaurants zu genießen.
Also, packt wärmende Jacken ein, nehmt die Sonnenbrille mit und bereist diese wunderschöne Landschaft auch mal abseits der Sommermonate. Ihr werdet es nicht bereuen!
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.
Zuletzt aktualisiert im Dezember 2025 von Siegbert Mattheis
























