Reifenstecher in Barcelona, ein Erfahrungsbericht

Reifen an der Ampel zerstochen: Wie perfide und professionell Kriminelle dabei vorgehen, um etwaige Bedenken zu zerstreuen, haben wir am eigenen Leibe erfahren müssen. Und dass die Diebe keineswegs so aussehen müssen, wie man sie sich landläufig vorstellt. Vielmehr sind es gut gekleidete, höfliche und scheinbar vertrauenswürdige Menschen aller Altersstufen. Hier unsere Erfahrung mit dem Reifenstecher-Trick:

An einem strahlenden Sonntagmorgen im November wollen wir die Küste bei Barcelona entlangcruisen. Also mieten wir einen Wagen, einen schnuckeligen schwarzen Fiat 500 bei Avis. Die Straßen sind so früh am Morgen noch leer, wir erreichen schnell die Ausfallstraße Gran Via.

Plötzlich leuchtet die Reifendruckanzeige auf

An einer Ampel leuchtet plötzlich die Reifendruckanzeige auf und meldet einen Druckabfall. Wir ärgern uns; offenbar hat uns die Mietwagenfirma ein Auto vermietet, das nicht in Ordnung war, wir haben den Wagen ja gerade vor wenigen Minuten abgeholt. An der nächsten Ampel klopft ein etwas dicklicher, älterer Herr auf einem Roller an unsere Beifahrerscheibe, deutet auf unseren hinteren Reifen, erzählt etwas von „kaputt“, meint dann, dass bei der nächsten Ausfahrt eine Werkstatt in der Nähe sei, wir sollten ihm einfach folgen. Dankbar, aber auch etwas entnervt folgen wir ihm. Ohnehin scheint uns nichts anderes übrig zu bleiben, wir können ja mit einem platten Reifen nicht mehr weit fahren. Der Rollerfahrer fährt an der nächsten Ausfahrt raus und weist uns an einer Kreuzung nach links. Er selbst biegt rechts ab und verschwindet. Also denken wir an nichts Böses.

Ein Motorradfahrer scheucht uns vom Gelände

In der angewiesenen Straße ist tatsächlich eine Einfahrt zu einem Gelände, das wie eine Werkstatt aussieht. Es parken dort mehrere Autos, auf einem Schild steht „Taxitronic“,  allerdings ist alles menschenleer. Wir steigen aus, begutachten den Schaden und versuchen, die Autovermietung zu erreichen. Laut Mietvertrag müssen wir jeglichen Schaden unverzüglich der Vermietungsfirma melden. Ich gehe zur Straße, um zu erfahren, wo wir gestrandet sind und die genaue Adresse unseres Standortes durchgeben zu können. Plötzlich biegt ein smart aussehender, junger Motorradfahrer ins Gelände, stellt sein Motorrad hinter unserem Fahrzeug ab und bedeutet uns auf etwas aggressive Weise, dass wir hier nicht parken könnten und den Hof gefälligst verlassen sollten. Er scheint hier zur Firma zu gehören. Während ich endlich die Autovermietung erreiche (die auf dem Mietvertrag angegebene Nummer stimmt nicht) und diese uns Hilfe in etwa einer halben Stunde zusagt, geht der Motorradfahrer mehrmals um unseren Wagen herum. Meine Frau ist ebenfalls ausgestiegen und etwas verwundert, denkt sich aber nichts dabei. Wir fahren also das Auto wieder vom Gelände und parken es ein paar Meter weiter auf der Straße, halb auf dem Bürgersteig. Der Motorradfahrer verschwindet.

Diebstahl Trick Reifenpanne © Siegbert Mattheis
Der Reifenpannen-Trick © Siegbert Mattheis (mit dem Smartphone aufgenommen, da die Kamera inzwischen gestohlen war)

Ich räume inzwischen schon einmal vorsorglich das Not-Reserverad aus dem Kofferraum, um Zeit zu sparen. Wir warten am Auto, entfernen uns keine 2 Meter davon. Die Gegend wirkt wie ausgestorben, kein Mensch ist zu sehen. So sehen wir auch keinen Grund, den Wagen zu verriegeln oder im Auto sitzenzubleiben, zumal es jetzt am späten Vormittag auch schon ziemlich heiß wird. Wir haben das Auto und die Umgebung ja jederzeit im Blick.

Wir werden abgelenkt

Nach etwa einer Viertelstunde kehrt der junge Motorradfahrer zurück, hält hinter (!) dem Auto auf dem Gehweg und nimmt seinen Helm ab. Er ist etwa Mitte Dreißig, teuer gekleidet, 3-Tage-Bart – er hätte dem Aussehen nach ein Model sein können. Er erzählt uns mit ausführlichen, betont langsamen Worten, dass er etwa 2 Straßen weiter eine Werkstatt entdeckt hätte. Wir stehen mit dem Rücken zu unserem Auto, danken ihm und antworten, dass es nicht mehr nötig wäre und gleich jemand von der Autovermietung käme, um den Reifen zu wechseln. Er scheint das nicht zu verstehen und wiederholt mehrfach, dass er ja gerne vorfahren könne, um uns den Weg zu zeigen. Wir bedanken uns erneut, er nickt freundlich und fährt wieder weg.

Nach einer Weile kommt der Mitarbeiter der Autovermietung und wechselt den Reifen. Ich will ihm etwas Trinkgeld geben, finde jedoch meine Brieftasche nicht und denke, dass ich sie vielleicht am Tresen der Autovermietung habe liegen lassen. So fahren wir wieder zurück, und wollen ggf. auch das Auto tauschen, denn mit einem Not-Reserverad wollten wir nicht weiter fahren. Dort angekommen, frage ich, ob evtl. meine Brieftasche gefunden wurde, was verneint wird. Als wir unsere Sachen aus dem Auto nehmen wollen, vermissen wir die Kameratasche.

Aber erst als der Mitarbeiter der Autovermietung den platten Reifen untersucht und uns eine Einstichstelle zeigt, dämmert uns, dass wir wohl Opfer eines Diebstahls geworden sind.

In dem kurzen Zeitraum, als wir beide beim zweiten Mal durch den Motorradfahrer abgelenkt waren, muss wohl ein Komplize unsere Kamera und Brieftasche aus dem Auto gestohlen haben. Die Brieftasche hatte ich dummerweise (wie es viele Männer machen, wie wir später erfuhren) aus der hinteren Hosentasche – wo Sie beim Autofahren stört – ins Seitenfach der Fahrertür gelegt.

Am Schalter entdecken wir einen Zettel von Avis, der auf genau diesen Reifenstecher-Trick hinweist. Allerdings war der Hinweis nicht am Express Preferred Counter angebracht, an dem wir gebucht hatten. Auch hatte uns keiner der Mitarbeiter darauf hingewiesen.

Reifenstecher-Warnung bei Avis
Reifenstecher-Warnung bei Avis, die wir allerdings erst danach zu sehen bekamen © Siegbert Mattheis

Wir lassen sofort alle Kreditkarten sperren und fahren zur Polizeidienststelle unter der Plaça de Catalunya. Wir reihen uns in eine Schlange von ebenfalls bestohlenen Urlaubern ein. Bis wir an der Reihe sind, dauert es etwa 1 Stunde. Nachdem unser Fall protokolliert wird, schließt die Polizeistation. Es ist Siesta. Wir sollen um 16 Uhr wiederkommen, um unseren offiziellen Bescheid abzuholen. Den haben wir dann um 17.57 Uhr in den Händen.

Die Geschichte ging dann doch noch einigermaßen glimpflich aus. Die Fluggesellschaft Easyjet akzeptierte das Protokoll als Passersatz, wir konnten planmäßig zurückfliegen.

Und eine Woche später kam ein Päckchen von der spanischen Post an, darin war meine Brieftasche mit allen Karten und Ausweisen, allerdings natürlich ohne Bargeld. Vermutlich hatte ein Passant die Brieftasche auf der Straße gefunden und sie in einen Briefkasten geworfen.

Siegbert Mattheis

Boarding Pass Easyjet mit OK Police
Easyjet akzeptierte das Polizeiprotokoll als Passersatz © Siegbert Mattheis

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