Es war kein höfisches Prunkkleid, das die Modegeschichte veränderte. Es war ein schlichtes, weißes Kleid aus Musselin. Leicht. Luftig. Fast zu einfach für eine Königin.
Marie Antoinette, die Chemise à la Reine und der Anfang der Empire-Mode
Als sich die französische Königin Marie Antoinette sich im Jahr 1783 in einem solchen Kleid porträtieren ließ, ahnte sie vermutlich nicht, welche Wellen dieses Bild schlagen würde. Das Gemälde, geschaffen von ihrer Lieblingsmalerin Élisabeth Vigée-Lebrun, zeigte die Königin nicht in schwerer Seide, nicht mit Reifrock und Brokat, sondern in einer sogenannten Chemise à la Reine. Ein Kleid, das eher an ein Hemd erinnerte als an höfische Repräsentation.
Für viele Zeitgenossen war das ein Skandal. Für die Modegeschichte war es der Anfang von etwas Neuem.
Was war die Chemise à la Reine?
Die Chemise à la Reine war ein locker geschnittenes, meist weißes Kleid aus feinem Musselin. Es verzichtete auf steife Unterkonstruktionen und betonte den Körper auf ungewohnte Weise. Statt ihn zu formen, ließ es ihn existieren.
Warum wirkte dieses Kleid so radikal?
Weil es allem widersprach, was höfische Mode bis dahin ausmachte. Keine schweren Stoffe. Keine sichtbare Hierarchie. Keine Inszenierung von Macht durch Volumen. Stattdessen Leichtigkeit, Bewegung und eine fast private Anmutung.
Woher kam die Inspiration für dieses Kleid?
Die Idee dieses Kleides entstand nicht in Versailles. Sie kam von weit her, aus der kreolischen Mode der französischen Karibik.
Dort hatten sich im 18. Jahrhundert andere Formen des Kleidens entwickelt. Das tropische Klima machte schwere Stoffe und enge Schnitte unpraktisch. Frauen trugen leichte Baumwollkleider, locker geschnitten, meist weiß und angenehm auf der Haut.
Welche Rolle spielten schwarze und kreolische Frauen?
Historiker gehen davon aus, dass diese Kleidungsformen zunächst von schwarzen und farbigen Frauen geprägt wurden. Weiße Kreolinnen übernahmen den Stil später. Von dort fand er seinen Weg nach Europa, verändert, verfeinert und an höfische Erwartungen angepasst.
Diese Entwicklung gilt heute als frühes Beispiel kolonialer kultureller Aneignung.
Warum spricht man von einer „Robe à la Créole“?
Zeitgenössische Modeplatten zeigen bereits um 1779 Frauen, die ausdrücklich „im kreolischen Stil“ gekleidet sind. Auch in Briefen und Berichten aus dem Umfeld des Hofes taucht diese Bezeichnung auf. Auch Marie Antoinette soll diesen Begriff selbst verwendet haben. Dafür gibt es Hinweise in zeitgenössischen Zuschreibungen, aber kein eindeutig belegtes Originalzitat.
Der Comte de Vaublanc, ein Zeitgenosse von Marie Antoinette und selbst in der Karibik geboren, beschrieb 1782, dass er in Paris war, als eine Gruppe kreolischer Frauen in “schöner Leinenkleidung” ankam.
Wer entwarf die Chemise à la Reine?
Das Kleid wurde von Rose Bertin gefertigt, der offiziellen Modistin von Marie Antoinette. Sie galt als einflussreichste Modegestalterin ihrer Zeit.

Welche Rolle spielte Rose Bertin?
Rose Bertin verstand es, internationale Einflüsse aufzugreifen und in eine Form zu bringen, die am französischen Hof tragbar war. Aus kolonialer Alltagstauglichkeit wurde durch sie ein Kleid mit politischer Sprengkraft.
Warum löste das Porträt von 1783 einen Skandal aus?
Als das Porträt im Pariser Salon ausgestellt wurde, war die Empörung groß.
Warum galt das Kleid als unsittlich?
Das Kleid ähnelte einer Chemise, also einem Untergewand. Eine Königin in etwas zu zeigen, das an Unterwäsche erinnerte, galt als unanständig und würdelos.
Warum wurde das Kleid als unpatriotisch kritisiert?
Es bestand aus Baumwolle, aus importiertem indischem Musselin. Frankreichs Seidenindustrie, insbesondere in Lyon, sah darin einen Affront. Eine Königin hatte Seide zu tragen, kein importiertes Baumwollgewebe, sogenannte Indiennes.
Warum war das Kleid politisch brisant?
Seit Ludwig XIV. war Mode ein Instrument der Macht. Prunk bedeutete Ordnung. Die Schlichtheit dieses Kleides stellte diese Ordnung infrage. Es ließ Standesgrenzen verschwimmen und wirkte beinahe demokratisch.
Das Bild wurde abgehängt und durch ein konventionelleres Porträt ersetzt.
Wie wurde aus dem Skandal ein Modetrend?
Gerade die Provokation machte das Kleid begehrenswert. Frauen in Frankreich und England begannen, den Stil zu übernehmen.
Warum folgten andere Frauen diesem Beispiel?
Die Chemise à la Reine stand für Natürlichkeit, Modernität und ein neues Körpergefühl. Sie signalisierte Distanz zur starren höfischen Ordnung und Nähe zu einem freieren Lebensstil.
Über Modejournale und Stiche verbreitete sich der Stil in ganz Europa.
Welche Verbindung gibt es zwischen der Chemise à la Reine und der Empire-Mode?
Die Chemise à la Reine war die stilistische Grundlage der Empire-Mode.
Welche Merkmale wurden übernommen?
- hoch angesetzte Taille
- fließende Stoffe
- helle Farben
- reduzierte Unterkonstruktionen
Ab den 1790er-Jahren setzte sich diese Silhouette durch und prägte die Mode bis etwa 1820. In England wurde sie als Regency-Stil bekannt.
Warum orientierte sich die Empire-Mode an der Antike?
Die Antike galt als Symbol für Tugend, Einfachheit und moralische Erneuerung. Griechische Tuniken dienten als ästhetisches Vorbild, weniger aus historischer Genauigkeit, sondern aus politischer Haltung.
War die Empire-Mode wirklich so natürlich, wie sie wirkte?
Ästhetisch ja. Wirtschaftlich nein. Denn die Stoffe stammten weiterhin aus globalen, kolonialen Handelsnetzen. Baumwolle und Musselin waren Produkte weltweiter Ausbeutung. Die Einfachheit der Mode verdeckte diese Zusammenhänge.
Warum ist die Chemise à la Reine modehistorisch so bedeutend?
Sie markiert einen Wendepunkt. Denn sie hat einiges dauerhaft verändert:
- den Blick auf den weiblichen Körper
- die Akzeptanz informeller Kleidung
- die Verbindung von Mode und politischer Haltung
- den Übergang zur modernen Silhouette
Die Chemise à la Reine war kein modischer Ausrutscher. Sie war der Anfang einer neuen Zeit.
Manchmal beginnt Geschichte nicht mit Pomp und Pathos, sondern mit einem Stück Stoff, das sich einfach gut auf der Haut anfühlt.
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.








