Das Dorf Bussana Vecchia wurde nach einem tragischen Erdbeben verlassen, in den 1960er Jahren von Künstlern illegal wiederbesiedelt und ist heute eine Attraktion mit Cafés, Restaurants, Ateliers und einem Jazzclub. Wir hatten den Ort besucht und waren fasziniert. Mehr über die Hintergründe und unsere Tipps für ein einzigartiges Erlebnis.
Was ist Bussana Vecchia?
Bussana Vecchia ist ein einzigartiges Künstlerdorf in Norditalien. Das ursprüngliche mittelalterliche Dorf wurde am 23. Februar 1887 durch ein verheerendes Erdbeben zerstört und von seinen Bewohnern vollständig aufgegeben.
Wo liegt Bussana Vecchia?
Der Ort liegt 5 km von Sanremo entfernt, im ligurischen Hinterland auf einem Hügel mit herrlichem Blick über die Küstenlandschaft.
Von der Geisterstadt …
Über 70 Jahre lang blieb er eine verlassene Geisterstadt, bis 1959 internationale Künstler:innen die malerischen Ruinen entdeckten und wieder besiedelten.
… zur Künstlerkolonie
Heute ist Bussana Vecchia eine faszinierende Symbiose aus historischen Ruinen, lebendigen Künstlerateliers, Galerien, gemütlichen Cafés und authentischen Restaurants.
Was geschah beim Erdbeben von 1887?
Das Erdbeben ereignete sich am 23. Februar 1887, ausgerechnet am ersten Tag der Fastenzeit, als sich nahezu die gesamte Dorfbevölkerung zur Messe in der Kirche San Egidio versammelt hatte.
Um 6:21 Uhr morgens bebte die Erde. Das Dach der 1404 fertiggestellten Kirche stürzte ein und begrub die betenden Gläubigen unter sich. Ein Großteil der Bevölkerung von Bussana wurde an diesem tragischen Tag ausgelöscht.
Die Überlebenden verließen den Ort
Nicht nur die Kirche wurde zerstört, auch die Häuser des Dorfes waren kaum noch bewohnbar. Die wenigen Überlebenden beschlossen voller Schmerz, den Ort für immer zu verlassen.
Zwei Jahre später, 1889, gründeten sie ein neues Bussana einige Kilometer weiter unten an der ligurischen Küste. Das alte Dorf erhielt den Namen Bussana Vecchia (das alte Bussana) und verfiel in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Man sprach bald nur noch vom Geisterdorf.
Der Staat löschte den Ort aus dem Kataster
1892 hatte der italienische Staat die bisherigen Eigentümer der Häuser von Bussana entschädigt. Mit der Entschädigung verloren diese jedoch ihr Land an den italienischen Staat. Dieser strich kurioserweise anschließend den gesamten Ort aus dem Kataster.
Für den Staat existierte Bussana Vecchia nicht mehr. Mit weitreichenden Folgen …
Wie wurde Bussana Vecchia wiederbelebt?
Die Wiedergeburt begann 1959, als Mario Giani, ein Maler und Töpfer aus Turin, der unter dem Künstlernamen Clizia arbeitete, zusammen mit anderen Künstlern in die verlassene Geisterstadt kam. Er erkannte sofort das enorme Potenzial des Ortes für ein internationales Künstlerdorf.
1961 gründete er die Comunità Internazionale degli Artisti (Internationale Künstlergemeinde).
Aufbau der Ruinen
Zu den Pionieren gesellten sich schnell weitere Künstler aus verschiedenen Ländern. Sie kamen aus Frankreich, England, Deutschland, Österreich oder Holland. Gemeinsam begannen sie, den Schutt beiseitezuräumen und die Ruinen notdürftig wieder aufzubauen. Sie installierten Wasser- und Stromleitungen und machten einige Häuser wieder bewohnbar. Einige Künstler:innen entschieden sich, dauerhaft zu bleiben, andere kamen nur zeitweise.
Ende der 1960er Jahre zählte die Gemeinschaft bereits rund 30 Kreative.
Wie viele Menschen leben heute in Bussana Vecchia?
Heute leben etwa 70 Bewohner:innen aus über 40 verschiedenen Nationen in Bussana Vecchia. Die internationale Gemeinschaft ist geprägt von kreativen Menschen, die sich bewusst für diesen besonderen Lebensstil in den historischen Ruinen entschieden haben. Sie alle schätzen das unabhängige, freie Leben in dieser außergewöhnlichen Umgebung, wie uns Mario Gallo erzählt.
Museum über dem Jazzclub
Mario Gallo ist eine zentrale Figur in Bussana Vecchia. Er ist Schmuckdesigner, Museumsleiter und Betreiber des Jazzclubs und gehört zu den langjährigen Bewohnern des Künstlerdorfes.
In seinem Museum über dem Jazzclub bewahrt er die zurückgelassenen Schätze und Artefakte des alten Dorfes auf sowie Werke verstorbener Künstler:innen, die in Bussana Vecchia gelebt haben. Gegen eine kleine Spende erzählt er Besuchern die faszinierendsten und bewegendsten Anekdoten über das Dorf, seine Geschichte und die Künstlergemeinschaft. Sein Schmuckatelier könnt ihr ebenfalls besichtigen.
Ist die Besiedlung von Bussana Vecchia legal?
Die rechtliche Situation ist kompliziert und bis heute nicht vollständig geklärt. Die Künstler:innen besetzen die Gebäude seit den 1960er Jahren ohne offizielle Genehmigung.
- 1968: Der italienische Staat versuchte erstmals, einen Räumungsbefehl durchzusetzen. Die Bewohner zahlten keine Steuern, da der Ort offiziell nicht existierte. Als die Polizei anrückte, sah sie sich jedoch einem großen Kreis von Sympathisanten und internationaler Presse gegenüber. Um eine Eskalation zu vermeiden, zog sich die Polizei zurück.
- 1997: Die italienische Regierung erklärte das Dorf kurzerhand zum Eigentum des italienischen Staates – ein weiterer Versuch, die Kontrolle über das Areal zu erlangen.
- Heute: Die Bewohner leben weiterhin in einer rechtlichen Grauzone. Es besteht die anhaltende Befürchtung, dass der Staat aufgrund leerer Staatskassen die Räumung irgendwann doch noch vollzieht, um das Areal mit den spektakulären Ruinen an potente Käufer zu lukrativen Preisen verkaufen zu können. Wie lange das Künstlerdorf noch existieren wird, steht in den Sternen.
Tipps GetYourGuide*
Was kann man in Bussana Vecchia machen?
Bussana Vecchia bietet euch eine Fülle von Aktivitäten und Sehenswürdigkeiten:
- Künstlerateliers und Werkstätten: Die Wohnungen der Künstler dienen gleichzeitig als Werkstatt und Verkaufsraum. Ihr könnt Malern, Bildhauern, Schmuckdesignern, Keramikern und anderen Kunsthandwerkern direkt bei der Arbeit zusehen und mit ihnen ins Gespräch kommen.
- Ruine der Kirche San Egidio: Die Überreste der 1404 fertiggestellten Kirche, in der die meisten Bewohner beim Erdbeben den Tod fanden, sind ein eindrucksvolles und bewegendes Mahnmal. Die stehengebliebenen Mauern und der kleine Platz davor vermitteln die tragische Geschichte.
- Museum mit Artefakten: Im Museum über dem Jazzclub sind ausgegrabene Überreste nach dem Erdbeben, historische Fotografien aus der Dorfchronik und Werke verstorbener Künstler ausgestellt. Mario Gallo führt persönlich durch die Sammlung.
- Jazzclub: Ein einzigartiger Kulturort inmitten der Ruinen, wo in unregelmäßigen Abständen Jazzkonzerte und andere Veranstaltungen stattfinden.
- Modelleisenbahn: Eine besonders bei Kindern beliebte Attraktion – eine detailreiche Modelleisenbahn, die sich durch mehrere Häuser und Etagen zieht.
- Kleiderläden und Galerien: Neben Kunstateliers gibt es auch ein paar ausgefallene Kleiderläden mit individuellem Design.
- Fotografie: Die malerischen Ruinen, verwinkelten Gassen, Kunstinstallationen und die einzigartige Atmosphäre bieten euch unzählige fantastische Fotomotive.
Gibt es Restaurants oder Cafés in Bussana Vecchia?
Die gastronomische Auswahl ist zwar überschaubar, aber die Qualität ist gut und die Atmosphäre in den historischen Gemäuern unvergleichlich. In der Hochsaison solltet ihr besser reservieren.
- Bio-Restaurant: Serviert regionale, ökologisch produzierte Gerichte. Besonderheit: Hier wird auch American Express akzeptiert, was in kleinen italienischen Dörfern ungewöhnlich ist.
- Osteria degli Artisti: Traditionelle ligurische Küche in authentischem Ambiente, ideal für regionale Spezialitäten.
- Piazetta Golosa: Eines der schönsten Cafés im Ort mit schöner Terrasse und mediterranem Flair.
Es gibt noch weitere kleine Bars und Cafés im Ort, einige bieten spektakuläre Ausblicke über die Landschaft bis zum Meer.
Kann man in Bussana Vecchia übernachten?
Im Dorf selbst gibt es eine Ferienunterkunft, die Übernachtungsmöglichkeiten anbietet. Die Kapazität ist jedoch sehr begrenzt, und eine frühzeitige Buchung ist unbedingt erforderlich. Alternative Übernachtungsmöglichkeiten findet ihr in der Umgebung, z. B. in Sanremo.
Wie kommt man nach Bussana Vecchia?
Mit dem Auto:
Von Sanremo nehmt ihr die Provinzstraße SP48 in Richtung Arma di Taggia. Nach etwa 5 Kilometern zweigt eine gut beschilderte Straße nach Bussana Vecchia ab. Am Dorfeingang befindet sich ein kostenloser Parkplatz. Das historische Zentrum ist autofrei. Ihr dürft nicht ins Dorf hineinfahren.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
Von Sanremo oder Arma di Taggia verkehren Busse der Linie RT (Riviera Trasporti) nach Bussana. Von der Bushaltestelle im neuen Bussana sind es etwa 10 Minuten zu Fuß bergauf zum alten Dorf. Die Fahrpläne variieren je nach Saison.
Zu Fuß:
Von Bussana Nuova (dem neuen Bussana an der Küste) führt ein etwa 1,5 Kilometer langer Fußweg bergauf. Ein schöner, aber teilweise steiler Spaziergang mit etwa 20 bis 30 Minuten Gehzeit. Festes Schuhwerk ist empfehlenswert.
Kostet der Besuch von Bussana Vecchia Eintritt?
Nein, Bussana Vecchia ist frei zugänglich. Ihr könnt kostenlos durch die Gassen spazieren, die Außenbereiche erkunden und die Atmosphäre genießen.
Freiwillige Spenden:
Das Museum mit seinen historischen Artefakten und Kunstwerken verstorbener Künstler ist gegen eine freiwillige Spende zugänglich. Mario Gallo freut sich über einen Beitrag, um die Sammlung zu erhalten. Auch einige Künstler freuen sich über eine kleine Spende, wenn ihr ihre Ateliers ausgiebig besichtigt.
Wann sind die Ateliers geöffnet?
Die meisten Künstler:innen öffnen ihre Ateliers zwischen 10 und 18 Uhr, manche auch nur nachmittags. An Wochenenden sind in der Regel mehr Ateliers geöffnet als unter der Woche.
Wie viel Zeit sollte man für einen Besuch einplanen?
- Kurzbesuch: Minimum 1,5 bis 2 Stunden für einen ersten Rundgang durch die Gassen, Besuch einiger Ateliers und der Kirchenruine.
- Empfohlen: 3 bis 4 Stunden, um das Dorf in Ruhe zu erkunden, mit Künstlern zu sprechen, das Museum zu besuchen und in einem Café oder Restaurant zu verweilen.
- Intensivbesuch: Ein halber bis ganzer Tag, wenn ihr an Kunst besonders interessiert seid, ausgiebig fotografieren möchtet oder eine Veranstaltung besucht.
Das Dorf ist zwar klein und überschaubar, aber die besondere Atmosphäre und die Gespräche mit den Künstlern laden zum längeren Verweilen ein. Plant lieber mehr Zeit ein, denn ein solches Dorf findet ihr kaum noch einmal woanders!
Ist Bussana Vecchia barrierefrei zugänglich?
Leider nein. Aufgrund der historischen Substanz und der Ruinenlandschaft ist Bussana Vecchia nicht barrierefrei.
Lohnt sich ein Besuch in Bussana Vecchia?
Unserer Meinung nach absolut! Denn die Kombination aus bewegender Geschichte, lebendiger Kunstszene und malerischer Ruinenlandschaft macht Bussana Vecchia zu einem der außergewöhnlichsten Orte an der ligurischen Küste. Die Begegnungen mit den Künstlern und die besondere Bohème-Atmosphäre machen den Besuch zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Wir wünschen euch viele Inspirationen in der Ruinenstadt!
Siegbert Mattheis
Siegbert Mattheis, Jahrgang 1959, ist seit seinem ersten Italienaufenthalt 1977 vom mediterranen Lebensgefühl begeistert. Seitdem bereist er mehrmals im Jahr die Länder rund um das Mittelmeer. Nach seinen Studien Kommunikationsdesign, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Kunstgeschichte gründete er eine Werbeagentur, die er seit 1998 gemeinsam mit seiner Frau Claudia Mattheis führt. 2002 bauten beide gemeinsam Ambiente–Mediterran.de auf, das inzwischen größte Lifestyle-Magazin rund um die mediterrane Kultur. Darüber hinaus ist er Fachjournalist und Fotograf, begeisterter Hobbykoch und Liebhaber stilvoller Einrichtung. Gründliche Recherche und Liebe zum Detail gehören zu seinen Leidenschaften. Mit seiner Frau lebt er in Berlin Prenzlauer Berg.
Zuletzt aktualisiert im Dezember 2025 von Siegbert Mattheis

























